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Fußball-WM: "Nordkoreas Parteikader sind Fußballfans"

von Mark Fehr

WM-Außenseiter Nordkorea hat gegen Favorit Brasilien sogar ein Tor erzielt. Welche politische und wirtschaftliche Rolle spielt Fußball in der rückständigen und abgeschotteten Diktatur? wiwo.de sprach mit dem Korea-Experten Patrick Köllner.

Patrick Köllner
Patrick Köllner

wiwo.de: Herr Köllner, der Fußballzwerg Nordkorea hat sich gegen die brasilianischen Ballzauberer wacker geschlagen und sogar einen erstaunlichen Treffer erzielt.

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Patrick Köllner: So erstaunlich war das nicht. Ich habe erwartet, dass die nordkoreanische Mannschaft sich bei der Fußball-WM in Südafrika gut verkauft.

Wirklich? In der abgeschotteten nordkoreanischen Diktatur herrscht doch Hunger. Niemand dürfte in der Lage sein, unter solchen Umständen Hochleistungssport zu treiben.

Das ist nur zum Teil richtig. Besonders im Nordosten des Landes ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln tatsächlich sehr schlecht. Die privilegierten Städter, etwa in der Hauptstadt Pjöngjang, stehen hingegen deutlich besser da – und sind deshalb durchaus in der Lage, Leistungssport zu treiben.

Wie wichtig ist Fußball in Nordkorea?

Fußball ist dort eine sehr populäre Sportart und bei Nordkoreanern wahrscheinlich sogar beliebter als bei Japanern und Südkoreanern. Letztere waren in der Vergangenheit fußballerisch zwar viel erfolgreicher, favorisieren aber traditionell Baseball. Der ist im kommunistischen Nordkorea jedoch als Yankee-Sportart verpönt.

Warum spielt Nordkoreas Nationalmannschaft eigentlich so respektabel?

Weil die kommunistische Partei ausgewählte Sportarten fördert. Neben der koreanischen Kampfsportart Taekwondo sowie Ringen und Schießen gehört Fußball zu den Disziplinen, die sich staatlicher Segnung erfreuen.

Warum Fußball?

Die körperbetonte Mannschaftssportart verlangt Disziplin, Fitness, taktisches Geschick, Durchsetzungsvermögen und Teamarbeit. Das alles sind Fähigkeiten, die aus Sicht der nordkoreanischen Regierung auch einen militärischen Nutzen haben. Das Regime sieht sich ja von Feinden umzingelt.

Der Sport dient also als Vorbereitung auf den Krieg?

Der Aspekt der Wehrertüchtigung mag eine Rolle spielen. Hinzu kommt aber, dass hohe Parteikader Fußballfans sind. Sie nutzen ihre Machtposition und betätigen sich quasi als Sportfunktionäre, um ihrem persönlichen Hobby zu frönen. Aus zahlreichen Gesprächen weiß ich, dass privilegierte Nordkoreaner die Ereignisse im internationalen Fußball aufmerksam verfolgen – was wegen der medialen Abschottung für Normalbürger fast unmöglich ist.

Wiedervereinigung ist denkbar

Bei soviel Parteigekungel werden die Positionen auf dem Spielfeld doch mit Günstlingen besetzt statt mit Talenten.

Nein, normalerweise nicht. Obwohl Nordkorea sozialistisch verfasst ist, gibt es einen regelrechten Wettbewerb, bei dem sich offensichtlich die besten Sportler durchsetzen. Heer, Marine, Luftwaffe, Ministerien und Staatsunternehmen liegen im dauernden Wettstreit, die besten Mannschaften und Spieler zu stellen.

Die Elite ist also fußballbegeistert. Trifft das auch auf die breite Masse zu?

Ja, auch in der Bevölkerung ist Fußball sehr beliebt. Allerdings wird die Sportart nicht so intensiv konsumiert wie in Europa. Was völlig fehlt, ist der hier übliche Werbe- und Medienrummel und damit auch die wirtschaftliche Bedeutung des Sports. Doch in den Städten gibt es Stadien, in denen die staatlich organisierten Spiele ausgetragen werden. Auch die öffentlichen Bolzplätze sind gut besucht.

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