G20-Gipfel: Elektronische Legebatterie

G20-Gipfel: Elektronische Legebatterie

Bild vergrößern

Regierungschefs und Minister auf dem G20-Gipfel in London

Das hier ist also das Gelände, auf dem einst die Flotte des Vereinigten Königsreichs gebaut wurde, um die Weltmeere zu beherrschen.

Heute ist es eine riesige Industriebrache, auf die ein Ufo abgestürzt ist: Stahlstreben, Metallwände, das wirre Durcheinander einer lieblosen Gebrauchsarchitektur. Der Wind heult, zerrt an den Zeltplanen, die die Checkpoints für Journalisten pro forma schützen.

Diese mosern, wenn sie ihre Mäntel für den Scanner ablegen müssen. Drinnen wärmen sie sich die Finger an Styropor-Teebechern. Es ist das Pressezentrum zur Rettung der Welt. 8000 Vertreter gieren hier nach Informationen. Dabei ist der Output deutlich höher als der Input.

Anzeige

Internationale Konferenzen funktionieren heute nach dem Prinzip der eingebetteten Journalisten. Sie fliegen in Regierungsmaschinen mit, dienstbare Geister kümmern sich um Gepäck und Hotel, um den Transfer zu Orten, die sonst in ihrer Ödnis nicht zu erreichen wären.

Verhandelt wird auf einem anderen Stern: Im Buckingham Palast beim Abendessen und Empfang, in den Runden der Regierungschefs, Minister und deren Mitarbeiter, die Arbeitstiere, die die eigentliche Gipfelarbeit zu leisten haben.

Gestritten wird um scheinbar unwichtige Wörter. Ist die Finanzkrise folge einer „failure“, eines Fehlerchens halt, das man sich holt wie eine Januargrippe? Oder ist es mehr? Ein Versagen, sogar ein Systemversagen, das zukünftig ausgeschaltet werden muss?

Für Briten und Amerikaner ist es eher die unumgängliche Januarerkältung, die schon wieder vergeht und nach der man den Patienten mit Stärkungsmitteln aus der Konjunkturapotheke aufpäppeln muss. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vermutet dahinter den Wunsch, die City of London als Finanzzentrum der Welt in dem Rang zu bewahren, den einst die Flotte verteidigte. Er und die deutsche Delegation setzen daher auf eine grundlegende Neugestaltung.

Die Informationen über den tatsächlichen Verlauf fließen spärlich, eng gedrängt hockt die Weltpresse aufeinander wie in einer Art elektronischer Legebatterie, nur der Tee wärmt gelegentlich, und die Hitze der Fernsehscheinwerfer ebenso.

Aber Opfer sind gefragt, wenn die Welt gerettet werden soll.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%