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G20-Gipfel: London ist eine Sensation

von Roland Tichy

Das Verhandlungsergebnis der 20 Staats- und Regierungschefs ist ermutigend. Es zeigt, dass es doch eine Weltgemeinschaft gibt, die sich auf gemeinsame Ziele und Wege einigen kann.

WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy
WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy
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Ein Ergebnis in diesem Umfang und auch in dieser Präzision hatte niemand erwartet, der Gipfeldiplomatie verfolgt. Schon unter den G7, also den führenden Industrienationen, sind die Interessensunterschiede so gewaltig, dass gemeinsame Aktionen kaum möglich sind. In London aber waren auch China dabei und Russland, Indien, Argentinien, Mexiko, Brasilien, Südafrika – gegensätzlichere Positionen sind kaum vorstellbar. Gemessen daran ist das Maßnahmenpaket wirklich eine Sensation.

Natürlich mag es in vielen Details Ungenauigkeiten geben, Unschärfen und Schlupflöcher. Dies sind dann entweder zugekleisterte Konflikte, die mit einem Formelkompromiss überbrückt werden. In vielen Fällen aber kann nicht präziser formuliert werden, weil ja die Umsetzung erst im Wege nationaler Gesetzgebung erfolgen kann. Die Chefs legen die Richtung und Grundsätze fest, aber können keine gültigen Gesetze formulieren. Darin kann der Keim für das letztliche Scheitern der Gipfelbeschlüsse liegen.

Zwar sollen Hedgefonds zukünftig einer Meldepflicht unterliegen und von den Aufsichtsbehörden beobachtet werden – aber nur "systemisch wichtige". Da kann man davon ausgehen, dass Briten-Premier Gordon Brown schon in der Definitionsphase die Schwellenwerte so hoch hängen wird, dass das florierende Hedgefondsgewerbe der City of London unbeschwert weiter leben kann. Mit ähnlichen Methoden können die Vorgaben unterlaufen werden, die das "Leveraging", also das künstliche Vervielfachen einer ursprünglichen Kreditsumme betreffen oder die Erhöhung des Eigenkapitalunterlegung im Finanzsektor.

Auch hier werden künftig Interessengegensätze aufeinanderprallen. Diese Regelungen erschweren zwar künftige Kreditblasen – aber verteuern auch Kredite und begrenzen damit Wachstumsmöglichkeiten. Genau wird man daher auch beobachten müssen, wie das Versprechen, Ratingagenturen genauer zu kontrollieren, konkret umgesetzt wird und wie der Risikoanteil bemessen wird, den die abgebende Bank zukünftig bei Verbriefungsgeschäften in der eigenen Bilanz halten muss.

US-Präsident Barack Obama auf Quelle: REUTERS
US-Präsident Barack Obama auf dem G20-Gipfel in London Quelle: REUTERS

Hier geht es auch um mehr als nur um Standortpolitik. Hier prallen schon auch Meinungsunterschiede aufeinander, wie mit der Krise umgegangen werden soll. Deutschland und Frankreich wollen die Regulierungszügel möglichst eng anziehen um so zukünftige Finanzkrisen unmöglich zu machen. Die USA und Großbritannien denken dabei eher an das Wohl von Wallstreet und London als Sitz der Finanzindustrie und betonen eher zukünftige Wachstumschancen, die sie  durch zu viel Regulierungsgedöns behindert sehen. Während Deutschland und Frankreich gerade die Brandschutzbestimmungen perfektionieren, wollen die USA und Großbritannien das Konjunkturfeuer anfachen – diese Auseinandersetzung ist nicht mit einer gemeinsamen Erklärung beendet.

Aber das permanente Ringen um den besten Weg ist die Voraussetzung dafür, dass die Welt morgen besser wird, dass eingemeinsames Verständnis über Notwendigkeiten entsteht. Die Staats- und Regierungschefs haben sich darauf eingelassen. Während sonst die Gipfelerklärungen von Beamten ausformuliert werden, waren es diesmal die Staatsoberhäupter selbst, die die mühselige Formulierungsarbeit geleistet haben. Da waren sich dann der Indische Premierminister M. Singh und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel plötzlich einig, dass es wenig Sinn macht, die Zahl der Arbeitsplätze durch das globale Konjunkturpaket auf die zahl von 19 Millionen festzulegen – so einfach lässt sich eine globale Ökonomie nicht planen.  Da diskutierte Russlands Medwedew mit Barack Obama über Prozentzahlen globaler Wachstumserwartung. Es war ein Streit um Wörter, Bedeutungen und Hintergründe. Das darf nicht als bedeutungslose Verbal-Akrobatik abgetan werden – vielmehr ist es eine Konzertierung in der Meinungsbildung der Staatschefs, die dann zu einer größeren Gemeinsamkeit in der Aktion führt. Und wer so streitet, der führt keinen Krieg. Auch das sollte bedenken, wer jetzt die Gipfelergebnisse kleinredet. Die Welt bewegt sich. Schlingernd, aber vorwärts.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.04.2009, 17:39 UhrAnonymer Benutzer: Marco Naujokat

    Der Londoner Gipfel ist leider Käse wie alle Gipfel von Tokio über bali bis hin zu Heiligendamm.

    -Wir müssen konsequent auf ökologische Nachhaltigkeit setzen und mit Hochdruck an erneuerbaren Energien forschen, notfalls gegen die interessen von gewissen Lobbies.

    -Wir brauchen ein repressionsfreies Grundeinkommen, um jeden bürger in einer Welt zunehmender Automation und Rationalisierung, in der das, was man heute immer noch als "Wachstum" und "Vollbeschäftigung" zu Fetischen erhebt, nur noch eine illusion ist, ein sicheres Fundament für echte Teilhabe zu bieten.

    -Und wir müssen endlich aufhören, die Märkte arme Länder mit unseren Nahrungsmiteln zu überfluten, während wir ihren Mais als biodiesel verfeuern!

    Dann rede ich von einer echten Sensation!

  • 05.04.2009, 11:18 UhrAnonymer Benutzer: Almliesl

    aber Her Tichy,
    sie werden doch nicht auf die Show dieser Polistatisten reingefallen sein?
    natürlich wurden die beschlüsse bereits vorher ausgehandelt (siehe Spiegelbericht von vor ein paar Tagen)und es ging darum ein totkrankes Finanzsystem noch ein wenig am Leben zu erhalten...
    eine wirkliche Sensation wäre es gewesen ein geordnetes bankrottverfahren zu beschliessen, ein neues gedecktes Geldsystem einzuführen etc...
    bitte hören Sie doch auf den Menschen Sand in die Augen zu streuen und sagen Sie mal die Wahrheit: die grösste Schuldenblase aller Zeiten bricht gerade zusammen, und nur weil man wieder eine billion Dollar aus dem Nichts erzeugt, Ratingagenturen beschränken will, bankgeheimnisse einschränkt etc. verschwindet die nicht!
    Rette sich wer kann aus dem Papiergeldsystem!

  • 05.04.2009, 09:00 UhrAnonymer Benutzer: Wolfgang

    Mal ganz abgesehen davon dass die beilden Komiker aus Frankreich und italien, letzterer besonderst, nur unangenehm aufgefallen sind (Merkel befand sich da in Schlepptau dieser beiden) hat das ganze doch nichts gebracht.

    ich dachte immer wir hätten es mit einer weltweiter Wirtschaft- und Finanzkrise zu tun. Aber was haben die Kasperköpfe gemacht. Es werden 1.000 Milliarden für die 3. Welt bereitgestellt. Wie soll da die Krise, sofern diese überhaupt existiert, behoben werden. Wie soll der Schlamassel in den USA behoben werden? War das nicht der Grund für das Meeting? Aber kein Wort dazu. Sollte das aber so wie von mir aufgezeigt nicht zutreffen, so mag das vielleicht daran liegen dass ich Kuala Lumpur nicht immer richtig informiert bin und WiWO auch nicht täglich lesen kann.

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