G8-Abschlussbetrachtung: Wenn die Götter Wünsche erfüllen sollen

G8-Abschlussbetrachtung: Wenn die Götter Wünsche erfüllen sollen

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Gipfel-Teilnehmer George W. Bush, Dmitry Medvedev und Angela Merkel

Beim Weltwirtschaftsgipfel auf Hokkaido waren am Ende alle glücklich, wenn auch nicht immer richtig zufrieden.

Den Göttern sei Dank. Traf doch der Weltwirtschaftsgipfel exakt auf das shintoistische „Wunschfest“ Tanabata. Traditionelle Japaner schreiben dabei ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf einen bunten Papierstreifen und hängen die Botschaft an einen Bambusbaum. In der Nacht erfüllen die Sterne diese Wünsche – aber nur für jene, die wirklich fest an dieses Shinto-Ritual glauben. Angela Merkel gehörte dazu. Auf ihrem Zettel schrieb die deutsche Bundeskanzlerin und CDU-Chefin an die fremden Götter: „Ich wünsche mir gute Sterne über diesem Gipfel, guten Willen in allen Gesprächen, Sinn für Verantwortung in allen Köpfen und uns allen ein Herz für die Hoffnungen der Menschen.“

Nur Angela Merkel allein weiß, ob sich für sie diese Wünsche in den drei Konferenztagen am Toya-See wirklich erfüllten. Was zum Tagungsende schriftlich auf dem Tisch liegt, läßt eher viele Wünsche offen. Noch immer thronen die Staats- und Regierungschefs der führenden sieben Industriestaaten des Westens plus die wiedererstarkte Ex-Großmacht Russland über dem Rest der Welt. Zwar pflegen sie unterdessen einen Dialog mit den Schwellenländern wie China und Indien oder auch Brasilien und Südafrika, aber in Toyako scheint man meistens aneinander vorbei geredet zu haben.

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Bei dem bisher hochkarätigsten Gipfeltreffen zum Klimaschutz reklamieren nur die Industriestaaten einen Fortschritt, allerdings verbaler Natur. Dieselben Wünsche vom Vorjahrestreffen im Ostseebad Heiligendamm – 50 Prozent Treibgasreduzierung bis 2050 - wurden in Toyako wiederholt, nur dass die USA diesmal kein klares Veto gegen dieses langfristige und halbwegs konkrete Klimaziele einlegten. Welches Jahr die Bemessungsgrenze sein soll und was jeder einzelne der G8 verpflichtend leistet, blieb erneut nebulös. So kann es nicht wundern, dass beim Treffen der Industrie- auf die Schwellenländer am letzten Konferenztag auch nur eine „gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung“ festgestellt wurde.

Aufstrebende Ökonomien wie China und Indien verweisen auf die „Führungsrolle der hoch entwickelten Industriestaaten“, klagen eine „historische Verantwortung“ der reichen Länder ein. Nicht eine Reduzierung um 50 Prozent der Treibhausgabe sei bis 2050 nötig, sondern 80 bis 95 Prozent. Für sich selbst geht den Aufsteigern jedoch der Klimaschutz nur so weit, wie er ihr Wachstum und Wohlstand nicht beeinträchtigt. Auch wenn das Argument nur schwer von der Hand zu weisen ist: Was und wie viel die Milliarden Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika zum Schutz unserer Umwelt leisten wollen und können, hänge ab von ihren jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Darüber muß definitiv noch öfter und intensiver gesprochen werden. Soll es auch, denn beim nächsten Weltwirtschaftsgipfel 2009 auf Sardinien wird mindestens ein ganzer Konferenztag für den Dialog der Industrie- und Schwellenländer eingeplant. Es bleibt aber dabei, dass die G8 erst die Linie festlegen und dann die anderen Acht zur Absprache hinzu bitten. Eine generelle Erweiterung des Kreises, wie sie zuletzt in Toyako Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy anregte, scheiterte am Widerstand Japans und Deutschlands. Tokio fürchtet nachvollziehbar, dass Peking und Delhi schon sehr schnell seine Rolle als einziges G8-Mitglied Asiens gefährden könnten. Was Berlin fürchtet, erschließt sich nicht so leicht. Angela Merkel merkte nur an: „Ich finde das jetzige Format geradezu ideal, weil es uns alle Freiheiten läßt“.

Es ist stark zu bezweifeln, ob das auch die Sicht der Schwellenländer ist, von denen einige schon von ihrer Wirtschaftskraft und der Bevölkerungszahl viel eher zu den führenden Industriestaaten gehören als beispielsweise Italien und Kanada. Chinas Volkswirtschaft rangiert derzeit auf Platz vier und wird Deutschland vielleicht noch in dieser Dekade vom „Treppchen“ verdrängen. Russland ist bereits durch Brasilien auf die elfte Position geschoben worden. In den fünf führenden Schwellenländern leben 43 Prozent der Weltbevölkerung, die mehr als ein Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung erbringen. Und welche Rolle spielen die Rohstoff produzierenden Staaten, von deren Öl, Eisen, Kupfer oder Kohle die Weltwirtschaft schmerzhaft abhängt?

Neuordnung der G8 wünschenswert

Es ist also durchaus an der Zeit, über eine Neuordnung solcher Weltwirtschaftsgipfel zu reden, bevor es zu spät wird. Was wäre denn, wenn China und Co. aus Verärgerung über die Arroganz der Industriestaaten ein Gegenforum gründen würden? Wollen die drei heute noch führenden Volkswirtschaften USA, Japan und Deutschland so lange warten, bis die G8 der aktuellen Schwellenländer so stark geworden ist, dass sie die „alten Mächte“ ihrerseits zu Gipfel in Peking oder Delhi gnädig hinzu bittet? Dann geben vielleicht diese Mächte die neue weltpolitische Richtung vor. Spielen sie dann auch nach unseren Regeln? In jedem Fall sind sie nicht mehr ohne weiteres in solche Lösungen einzubinden, die wir in den Industriestaaten heute für richtig halten. Die Folge wäre eine fatale Flucht aus der Verantwortung, wie sie China oder Indien schon heute beim Klima oder bei Währungskursen versuchen.

Ob bei G8, in der EU oder im UN-Sicherheitsrat, die „alte Welt“ hat keine verbindlichen Antworten mehr, die alle befriedigen könnten. Solche westlichen Klubs bilden die ökonomische Dynamik des 21. Jahrhunderts nur noch als Zerrbild ab. Es läßt sich doch schon jetzt kein globales Problem – Ölpreis, Handel, Nahrungsmittel - mehr ohne Kooperation mit den aufstrebenden Staaten lösen. Der Exklusivclub G8, wie er sich in Toyako als „Gipfel der Eitelkeiten“ die Weltherrschaft zelebrierte, hat sich längst überholt. Die Aussage von Angela Merkel, man müsse aufpassen, „dass die G8-Gruppe sich nicht verwässert“, liest sich auf Chinesisch oder Hindi sicherlich sehr seltsam. Ein Leitfaden zur Globalisierung jedenfalls sieht anders aus.

Wenn der Weltwirtschaftsgipfel das entscheidende Forum der Global AG bleiben will, muss er neue Aktionäre aufnehmen. Sonst verkommt der Monopolanspruch „führender Industriestaaten“ zur nostalgischen Worthülse. Bleibt dieses Forum wie es ist, erweist sich G8 immer mehr als ein System des Westens für den Westen, das die Aufsteiger bewußt ausklammern will. Das wäre eine gefährliche Illusion und weit davon entfernt, was sich Angela Merkel auf ihrem Tanabata-Zettel gewünscht hat. Vielleicht behält aber auch der alte Takeo Fukuda – Vater des in Toyako gastgebenden Regierungschefs Yasuo Fukuda - Recht, wenn er auf einem früheren Weltwirtschaftsgipfel als japanischer Premier resigniert anmerkte: „Solche Veranstaltungen sind nicht der Ort, wo sich Träume erfüllen.“

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