G8-Gipfel: Japan demonstriert bei G8 frische Ideen

G8-Gipfel: Japan demonstriert bei G8 frische Ideen

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Margarida Sousa Uva, Gattin von EU Kommissions-Präsident Jose Manuel Barroso probiert während des G8-Gipfels in Japan ein Modell-Auto von Toyota aus.

Der selbst ernannte „Energieweltmeister“ Japan demonstriert beim G8-Gipfel frische Ideen, versteckt jedoch eklatante Schwachstellen.

Von wegen Schnee von gestern taugt nichts. Beim Weltwirtschaftsgipfel auf Japans Nordinsel Hokkaido kühlen 7000 Tonnen alter Schnee das Medienzentrum und ersparen damit die im feuchtheissen Sommer ansonsten unablässigen Klimaanlagen. Die weiße Pracht wurde im zurückliegenden Winter auf dem Parkplatz „gesammelt“ und ist jetzt unter Glasplatten in tiefen Gräben auf dem Boden gelagert. 

Diese ökofreundliche Lösung ist eines von zahlreichen Beispielen, mit denen Gastgeber Japan auf dem G8-Gipfel in Toyako frische Ideen zum Klimaschutz und Energiesparen demonstriert. Fast selbstverständlich fahren zwischen den weit entfernten Schauplätzen des Gipfels Autos und Busse, die mit Erdgas oder Brennstoffzellen betrieben werden. Das gerade erst fertig gestellte Medienzentrum besteht zu 95 Prozent aus wieder verwertbarem Material. 

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Der CO2-Ausstoss an dieser Arbeitsstätte von rund 4.000 Journalisten und TV-Leuten reduziert sich dort durch natürliche Belüftung über Dunstgeneratoren, grüne Wände und Dächer sowie den Einsatz von Photovoltaik um 40 Prozent. Aus Liebe zur Umwelt wurden auch die Toiletten elektronisch auf Sparsamkeit programmiert. Im Vergleich zu konventionellen Modellen sollen sie 31 Prozent weniger Wasser verbrauchen, was bei einer vierköpfigen Familie rund 15 Flaschen Wasser am Tag einspart, versichern die Experten in Hokkaido.

In diesen kritischen Zeiten steigender Öl- und Rohpreise und alarmierender Erderwärmung präsentiert sich Japan auch in scheinbar kleinen Dingen als Pionier der Umwelttechnologie und unterstreicht damit den eigenen Anspruch, „Weltmeister der Energieeffizienz“ zu sein. Diese Position hat sich die rohstoffarme Volkswirtschaft in und nach einer tiefen Krise erkämpft. Der Ölpreisschock 1973 zwang das fernöstliche Inselreich zum radikalen Umdenken. „Das Land war in Panik, das bis dahin andauernde Wirtschaftswunder drohte, in den hohen Ölpreisen zu ersticken“, blickt Hisakazu Tsujimoto vom Nationalen Energiezentrum zurück. 

In einem übergreifenden Konsens begann das ganze Land bis zur Frugalität Strom zu sparen. Regierung und Wirtschaft schoben gleichzeitig ein gigantisches Investitionsprogramm an, mit dem 56 Atomkraftwerke entstanden und sie setzten den nationalen Forschungsschwerpunkt auf neue Technologien zur Energieeinsparung. Nippons Stahlindustrie allein steckte in den zurückliegenden 36 Jahren rund 45 Milliarden US-Dollar in solche Projekte. Sie war es auch, die weltweit als erste damit begann, die Abwärme der Kokereien in Strom umzuwandeln.

Heute benutzt Japan nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde nur etwa die Hälfte an Energie, die Europa und die USA pro Dollar wirtschaftlicher Aktivität verbrauchen und nur ein Achtel von den vergleichbaren Energiekosten Chinas und Indiens. Nippons Unternehmen haben es selbst in den Boom-Jahren geschafft, ihr Energievolumen bei jährlich rund 200 Millionen Tonnen Öl zu deckeln.

Fast schon legendär ist das Tempo der japanischen Automobilindustrie bei der Entwicklung ökofreundlicher Fahrzeuge

Fast schon legendär ist das Tempo der japanischen Automobilindustrie bei der Entwicklung ökofreundlicher Fahrzeuge. Die Hybridmodelle von Toyota und Honda haben mit ihren kombinierten Benzin- und Elektroantrieben die gesamte Konkurrenz abgehängt. Beispielhaft für die europäische Industrie ist auch das „Top-Runner-Modell“ bei Haushalts- und Elektrogeräten, nachdem seit 1998 das jeweils sparsamste Gerät einer Gruppe den Standard für die nächste Generation bestimmt.

Bei allen spürbaren Erfolgen weist Japan auch eine Reihe von eklatanten Schwachstellen auf, die in der Energiebilanz nur am Rande oder gar nicht auftauchen. Das größte Problem ist Nippons Bauindustrie, die fast durchgängig extrem schlecht isolierte Häuser errichtet und die Bewohner damit zwingt, im Winter überdurchschnittlich zu heizen und im Sommer heftig zu kühlen. Großes Sparpotential haben auch der Transport- sowie der Dienstleistungssektor, die fast ausschließlich über die Strasse abgewickelt werden. 

Und zu den Energiesündern zählen auch die privaten Haushalte, deren Spardrang erst jetzt mit steigenden Stromkosten wieder erwacht. Diese zivilen Energiefresser sind maßgeblich Schuld daran, dass Japan trotz aller Bemühungen der Industrie im vergangenen Jahr seine Schadstoffemissionen im Vergleich zu 1990 um über sechs Prozent gesteigert hat. Und am liebsten würde Japan auf dem Weltwirtschaftsgipfel im Kurort Toyako gänzlich verheimlichen, dass die fernöstliche Industrienation trotz großer Erfolge vom heutigen Standpunkt aus nicht in der Lage sein wird, die im Kyoto-Protokoll fixierte Reduzierung der Treibhausgase bis 2012 um sechs Prozent zu schaffen.

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