Gasversorgung: Nabucco: Wer füllt die Rohre?

Gasversorgung: Nabucco: Wer füllt die Rohre?

Bild vergrößern

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan (li.), EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barosso (M.) und Georgiens Präsident Mikhail Saakashvili (re.) vor der Unterzeichnung des Nabucco-Vertrags

Sechs europäische Länder haben in Ankara den Startschuss zum Bau der großen Gas-Pipeline von der Türkei bis nach Österreich abgegeben. Europa soll dadurch Energiesicherheit bekommen - dabei ist unsicher, woher das Erdgas für Nabucco überhaupt kommen soll.

Die türkische Hauptstadt Ankara war heute sicher der richtige Ort für die Unterzeichnung des Nabucco-Abkommens. 2011 soll es losgehen mit dem Bau der 3300 Kilometer langen Gaspipeline von der türkischen Ostgrenze quer durchs Land nach Europa und dann durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis zum Anschlusspunkt ans bereits existierende westeuropäische Gasnetz in Baumgarten an der österreichisch-slowakischen Grenze.

Ab 2014 beziehen wir dann unser Gas - oder einen großen Teil davon - aus dem Orient: 31 Milliarden Kubikmeter pro Jahr soll Nabucco anfangs nach Nordwesten pumpen, und dass die deutschen Gasverbraucher nicht leer ausgehen, dafür sorgt schon die Beteiligung von RWE an der entsprechenden Holding, zusammen mit fünf Energiekonzernen aus den beteiligten Ländern. Das Schöne daran: Wir werden unabhängig - oder jedenfalls ein bisschen unabhängiger - vom großen Energielieferanten Russland, von den Launen der Machthaber im Kreml und bei Gazprom, vom unendlichen und schier unlösbaren Knatsch zwischen Moskau und dem krisengeschüttelten Pipeline-Durchgangsland Ukraine. Fast acht Milliarden Dollar Baukosten, finanziert zum großen Teil durch die EU-Bank EIB, sind gut angelegt. Mindestens so gut wie die viel kürzere, aber ähnlich teure Pipeline, die Gazprom zusammen mit den deutschen Energieriesen RWE und BASF unter der Ostsee verlegt.

Anzeige

Mehr Energiesicherheit - ein wunderbares Ziel, aber ohne Energierohstoffe schwer zu verwirklichen. Und daran hapert es bei Nabucco.

Die Türkei ist nicht etwa darum so wichtig, weil sie nach Westen Gas verkaufen könnte - sie hat selber keins und war nur mühsam ins Nabucco-Konsortium zu holen: mit selbstverständlich unverbindlichen Versprechungen in Sachen Annäherung an die Europäische Union und der Aussicht auf wachsende eigene Erdgasimporte. Aber wo sollen die herkommen? Die einzige politisch und geographisch unproblematische Antwort heißt Aserbaidschan.

Die kleine Republik rund um Baku am Schwarzen Meer hat neben den schon lange arbeitenden Ölfeldern endlich auch die Gasförderung angekurbelt: auf immerhin 0,5 Prozent der Weltproduktion und in absoluten Zahlen im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viel wie 2006. Zu Anfang soll das gesamte Nabucco-Gas aus Aserbaidschan kommen - wahrscheinlich eine Illusion: Die ehemalige Sowjetrepublik hat auch Lieferverpflichtungen nach Russland, und nach heutigem Stand bleiben für neue Kunden pro Jahr höchstens sechs Milliarden Kubikmeter übrig - das wäre allenfalls ein Fünftel der Nabucco-Kapazität.

Der große Rest, erzählen die Nabucco-Partner soll von der Ostseite des Schwarzen Meeres kommen. Da liegt Usbekistan, das derzeit fast fünf Prozent der weltweit jährlich geförderten Gasmenge produziert, aber sich beim Gasexport ganz an Russland und Gazprom gebunden hat. Und Turkmenistan mit riesigen Erdgasvorkommen - fast acht Milliarden Kubikmetern -, deren Ausbeutung noch gar nicht richtig begonnen hat.

Das Problem: So richtig wohl fühlen sich die Westeuropäer dort nicht, das Land ist eine unsympathische Diktatur, deren Führer lieber mit Russen und Chinesen verhandeln als mit europäischen Managern und Politikern. Und dann ist die Geographie ein großes Hindernis: Von Turkmenistan müsste eine Pipeline unter dem Kaspischen Meer Richtung Aserbaidschan verlegt werden. Weil der Meeresboden dort viel unebener ist als zum Beispiel in der Ostsee, wäre das ein immens teures Projekt, gegen das außerdem die kaspischen Anrainer Russland und Iran im Wortsinn ihre Geschütze einsetzen könnten. Wer soll so etwas finanzieren?

Es bleibt also bei der großen Abhängigkeit von Russland in Sachen Gas. Denn dass die potenzielle Gas-Großmacht Iran bis 2014 zu einem zuverlässigen und politisch akzeptablen Exporteur werden könnte, ist eine reichlich kühne Hoffnung. An der Abhängigkeit von Russland wird sich also wenig ändern, solange die Abhängigkeit vom Erdgas bleibt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%