Gazastreifen: Das Ende der Schmuggler

Gazastreifen: Das Ende der Schmuggler

, aktualisiert 28. März 2016, 08:41 Uhr
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Farradh Olayan gräbt in 62 Metern Tiefe im familieneigenen Tunnel. Der 19-Jährige will sich nicht fotografieren lassen, weil er Angst hat, dass ihn bei einem späteren Grenzübertritt nach Ägypten die dortigen Sicherheitsbehörden festnehmen könnten.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Gazastreifen bietet vielen Menschen nur Armut und Arbeitslosigkeit. Früher florierte zumindest das Schmuggelgeschäft durch illegale Tunnel an der Grenze zu Ägypten. Doch auch das ist vorbei.

Rafah/GazaDie Luft ist feucht und stickig 62 Meter unter der Erde. Farradh Olayan kauert zwischen Wänden aus Stein und Sand. Kabel schlängeln sich an der niedrigen Decke entlang. Der 19-Jährige gräbt mit einer Schaufel in dem zweieinhalb Kilometer langen Tunnel. Seit zwei Monaten repariert er mit seinem Cousin Mohammed den Schmugglergang der Familie von Rafah im Süden des Gazastreifens nach Ägypten. Die ägyptische Armee habe Meerwasser in den Tunnel eingeleitet und ihn teilweise zerstört, erzählen die jungen Männer. Damit ist erst einmal Schluss mit dem Handel von Zigaretten und Tabak.

Das einst boomende Schmuggelgeschäft an der Grenze zu Ägypten liegt brach. Rund 1600 Schmugglertunnel soll es vor fünf Jahren gegeben haben. Nun sind es vermutlich noch rund 20. Die anderen hat Ägypten zerstört. Dort gab es nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 immer wieder Vorwürfe, dass die Mursi nahestehende und im Gazastreifen herrschende Hamas in Terroranschläge in Ägypten verwickelt sei.

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Für viele der 1,9 Millionen Menschen in Gaza wird das Leben ohne Tunnel allerdings noch schwieriger. „Tausende Menschen haben dort gearbeitet“, sagt Adnan Abu Hasna vom Uno-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) in seinem Büro in Gaza-Stadt. Die Tunnel hätten Jobs geschaffen. Waren wie Benzin seien zum Teil sehr günstig gewesen.

Vor rund zehn Jahren hat Israel eine Blockade über den Küstenstreifen verhängt, der nicht viel größer ist als der Stadtstaat Bremen. Israel wollte sich, so die offizielle Darstellung, wie Ägypten vor der radikalislamischen Hamas schützen. 2006 hatten deren Kämpfer einen israelischen Soldaten verschleppt. Im Jahr darauf übernahm die Hamas gewaltsam die Macht in Gaza. Seitdem haben die militanten Palästinenser rund 17.000 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert, wie die israelische Armee sagt.

Seit Beginn des Boykotts muss die Einfuhr von Produkten genehmigt werden - Baumaterial wie Beton war zeitweilig verboten. Nach einer Lockerung wird die Einfuhr inzwischen lediglich überwacht. Die Menschen bauten sich mit Beginn der Blockade ihr eigenes unterirdisches Import-Netzwerk auf, neben Beton auch für Zigaretten, Medikamente und selbst Autos. Aber auch die Hamas nutzte Tunnel, um sich Waffen und militärische Ausrüstung zu verschaffen.

Aber der Erde bestehen die letzten Meter vor der Grenze zu Ägypten aus gelblichem Sand. Es stinkt. Esel haben ihre Kothaufen hinterlassen. Hinter einem Erdwall sind die Wachtürme der Ägypter zu sehen. Auf dem Boden stehen Zelte, fast so groß und so weiß wie auf deutschen Volksfesten. Unter den Planen geht es in die Tiefe, in die Tunnel. Einige Zelte sind verwaist, in anderen wird geschweißt, gesägt und eben gegraben. Wer auf dieses Stück Land will, muss einen Kontrollposten der Hamas passieren. Die Organisation verdient durch Zölle und Lizenzen mit am Tunnelbau.

Israels Militär zerstörte im Gaza-Krieg 2014 zahlreiche Tunnel, die nach Israel führten. Ägypten hat mittlerweile sogar eine Sicherheitszone an der Grenze zum Gazastreifen geschaffen. Der jetzige Präsident Abdel Fattah al-Sisi ließ zudem den letzten legalen Grenzübergang schließen. Sein Vorgänger Mohammed Mursi gehörte der Muslimbruderschaft an, aus der die Hamas einst hervorgegangen war.


Islamisten im Tunnel

Mittlerweile sind viele Dinge, etwa Strom und Gas, entweder Mangelware – oder sie kosten deutlich mehr, wie Zigaretten zum Beispiel. Dabei hat im Gazastreifen fast jeder zweite Erwachsene keine Arbeit. „Die Situation wird schlimmer als vergangenes Jahr und als vor dem Krieg 2014“, sagt Hasna. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen könnte der Gazastreifen im Jahr 2020 unbewohnbar sein, sollte sich an der wirtschaftlichen Situation nichts ändern. Dazu haben Ägypten und Israel die Grenzübergänge weitgehend geschlossen.

„Es ist natürlich illegaler Handel“, sagt Hasna vom Uno-Palästinenserhilfswerk über den Schmuggel. „Ich denke, die Lösung ist, die Blockade zu beenden und den Leuten Reisefreiheit zu gewähren.“ Beim vergangenen Gaza-Krieg seien insgesamt 147.000 Unterkünfte beschädigt worden. Bald bräuchten fast eine Million Menschen Unterstützung mit Lebensmitteln. Man warte händeringend auf das versprochene Geld aus dem Ausland. Deutschland habe beispielsweise bereits 20 Millionen Euro gezahlt und 30 weitere Millionen zugesagt.

Im Tunnel der Olayan-Familie arbeiteten noch vor fünf Jahren 45 Menschen – im Drei-Schicht-Betrieb, wie die Cousins Farradh und Mohammed erzählen. Sie hätten Beton, Eisen und Kies durch den Gang geschafft, das Baumaterial in blauen Plastikfässern von Ägypten über die unterirdische Grenze gezogen. Damals seien es pro Tag 100 Tonnen gewesen, Ware für 20.000 US-Dollar.

Heute seien es noch 30 Männer, die am und im Tunnel schuften. Ein Motor lässt die Arbeiter an einem Seil in einem an den Seiten offenen Aufzug langsam in einer Röhre herab. Durch einen Schlauch kommt Sauerstoff in den unterirdischen Gang. Über eine Gegensprechanlage tauschen sich die Arbeiter aus.

Nicht nur die Vereinten Nationen, auch die Hamas fordert ein Ende der Blockade durch Israel. „Würde die Blockade aufgehoben, denke ich, bräuchte Gaza keine Unterstützung mehr“, sagt Siad Sasa, einer der führenden Hamas-Köpfe, mit weißem Vollbart, im gestreiften Hemd und schwarzen Jackett. Ohne die Abriegelung durch Israel könnten sich die Palästinenser selbst helfen. Die Tunnel seien auch nur deswegen notwendig.

In den vergangenen Wochen sind mehrfach Hamas-Kämpfer bei Tunneleinstürzen umgekommen. Israel befürchtet, dass die Islamisten nahezu alle ihre Tunnel wieder aufgebaut haben. „Ich denke, es ist unser Recht, uns für jeden kommenden Kampf vorzubereiten“, sagt Sasa.


„Eines Tages ist die Grenze wieder offen, dann verhaften sie uns.“

Doch auch die Hamas sorgt dafür, dass das illegale Geschäft unter der Erde härter wird. Kürzlich erst hat sie die Steuern auf Schmuggelware erhöht: Statt umgerechnet 23 Cent pro Zigarettenschachtel zahlen Schmuggler nun 1,15 Euro – bei einem Verkaufspreis von 3,90 Euro.

Trotzdem haben nicht nur die Olayans mittlerweile auf Zigaretten und Tabak umgestellt. Das sei einfacher, sagen die schmalen, jungen Männer mit den kurzen Haaren. Die Ägypter würden noch strikter kontrollieren und machten den Transport von Baumaterialien schwierig. Außerdem erlauben die Israelis mittlerweile auch wieder in Maßen den Import von Beton. Damit lohnt sich der Schmuggel nicht mehr.

Was sie ohne den Tunnel machen würden? „Zuhause bleiben“, sagt der 22-jährige Mohammed Olayan. Sie hätten keine Ausbildung – und es gebe keine Jobs. Gemeinsam mit seinem Cousin schläft er neben dem Zelt in einem vier mal vier Meter großen Kabuff auf Matratzen. Einmal in der Woche fahren sie zu ihrer Familie.

Fotografieren lassen wollen sich beide nicht. Sie fürchten vor allem die Ägypter, wenn ihre Bilder im Internet zu sehen sind. „Ich habe keine Angst, dass sie uns töten, aber sie könnten uns vom Reisen abhalten“, sagt Farradh Olayan. „Eines Tages ist die Grenze wieder offen, und dann verhaften sie uns.“

Viele junge Menschen aus Gaza warten nur auf eine Chance, ihr Land zu verlassen. Aktuell dürfen 16- bis 35-Jährige nicht über die Grenze nach Israel. Wer älter oder jünger ist, braucht sowohl eine Genehmigung von der Hamas als auch von Israel. Doch selbst wenn Ägypten Menschen ins Land lassen sollte, wollen die Cousins bleiben. „Woanders müssen wir doch nur wieder von Null anfangen“, sagt Mohammed Olayan. „Wir mögen es, in Gaza zu leben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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