Gerechtigkeit: Deutschland schneidet gut ab

Gerechtigkeit: Deutschland schneidet gut ab

von Hans Jakob Ginsburg

Die OECD hat die Entwicklung und Verteilung von Einkommen in den Industriestaaten gemessen und verglichen. Danach ist Deutschland ein Land, in dem Arm und Reich vergleichsweise nahe beieinander liegen – gerade im Zeichen der globalen ökonomischen Probleme.

Die Krise trifft (fast) alle: Neue Zahlen der OECD „zeigen, dass die weltweite Wirtschaftskrise „Einkommen aus Kapital und Arbeit in den meisten Ländern unter Druck gesetzt hat“. Den Daten der Pariser Wissenschaftler zufolge ist „die Ungleichheit in den drei Jahren bis Ende 2010 stärker angestiegen als in den zwölf Jahren zuvor“ (wo sie auch schon signifikant anstieg. Die Erkenntnis gilt für die 33 OECD-Mitgliedsstaaten – wenn man sie zusammen rechnet. Es gibt aber Ausnahmen: In Deutschland war in den ersten Jahren der globalen Krise der Einkommensverlust viel geringer als im OECD-Durchschnitt, und am Unterschied zwischen Arm und Reich tat sich hierzulande viel weniger als in vergleichbaren Industrieländern.

Durchschnittliches Nettovermögen der Privathaushalte

  • Nettohaushaltsvermögen

    Als Haushaltsvermögen gelten alle privaten Besitztümer der Menschen innerhalb eines Haushalts - also Sparbücher, Konten aber auch Lebensversicherungen und vor allem Immobilienvermögen. Die EZB-Studie zeigt nun erstmals, wie das Haushaltsvermögen in den Euro-Staaten aufgeteilt ist. Die Daten stammen aus den Jahren 2008 bis 2010. Nicht einbezogen sind die Euro-Länder Irland und Estland, da die Erhebung der Daten bereits begann, als die beiden Staaten den Euro noch gar nicht eingeführt hatten.

  • Platz 15: Slowakei

    Mit einem durchschnittlichen Nettohaushaltsvermögen von nur 79.700 Euro ist die Slowakei das traurige Schlusslicht innerhalb der erhobenen Euro-Länder. Damit hat das kleine Land, das zwischen Polen und Ungarn liegt, in dem zwar 1,4 Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone liegen, nur 0,5 Prozent des Vermögens.

  • Platz 14: Griechenland

    Der reiche Grieche ist ein Mythos. Der Großteil der griechischen Haushalte ist arm: Mit nur 147.800 Euro Nettovermögen liegen die griechischen Haushalte weit unter dem Durchschnitt in der Euro-Zone von 230.800 Euro. Obwohl Griechenland drei Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone stellt, besitzen die Menschen dort nur 1,9 Prozent des Vermögens.

  • Platz 13: Slowenien

    In Slowenien liegt das durchschnittliche Nettohaushaltvermögen bei 148.700 Euro und damit nur wenige tausend Euro höher als das der Griechen. Doch Slowenien ist ein kleines Land: Die 0,6 Prozent der Haushalte halten 0,4 Prozent des privaten Vermögens innerhalb der Euro-Zone.

  • Platz 12: Portugal

    Auch im Krisenland Portugal besitzen die Menschen nicht viel, im Durchschnitt 152.900 Euro je Haushalt. Damit besitzen die portugiesischen Haushalte, die 2,8 Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone darstellen, nur 1,9 Prozent des Vermögens.

  • Platz 11: Finnland

    161.500 Euro besitzen die finnischen Haushalte im Durchschnitt, damit reicht es im Vergleich unter den Euro-Ländern für Platz Elf. Die Finnen halten mit 1,8 Prozent der europäischen Haushalte 1,3 Prozent des Vermögens.

  • Platz 10: Niederlande

    Auch unsere holländischen Nachbarn liegen unter dem EU-Durchschnitt. 170.200 Euro beträgt dort das durchschnittliche Haushaltsnettovermögen. Damit haben die Niederländer zwar 5,3 Prozent der Haushalte in der Euro-Zone, aber nur 4,0 Prozent des Vermögens.

  • Platz 9: Deutschland

    Für Deutschland, stärkste wirtschaftliche Kraft innerhalb der Euro-Zone, reicht es im Vergleich der Haushaltsvermögen nur für Platz Neun: Durchschnittlich 195.200 Euro besitzen die deutschen Haushalte - und liegen damit unter dem Euro-Zonen-Durchschnitt von 230.800 Euro. 28,7 Prozent der Haushalte der Euro-Zone liegen in Deutschland, aber trotzdem nur 24,3 Prozent des Vermögens.

  • Platz 8: Frankreich

    Frankreich steht besser da als Deutschland. Durchschnittlich 233.400 Euro beträgt dort das Nettovermögen der Haushalte und liegt damit leicht über dem Mittelwert der Euro-Zone. 20,2 Prozent der Haushalte halten 20,3 Prozent des Vermögens innerhalb der Euro-Zone.

  • Platz 7: Österreich

    265.000 Euro besitzen österreichische Haushalte im Durchschnitt an Vermögen. Damit haben die Österreicher anteilig mehr Vermögen als Haushalte der Euro-Zone: 2,7 Prozent der Haushalte besitzen 3,1 Prozent des Vermögens.

  • Platz 6: Italien

    Auch das Krisenland Italien liegt deutlich über dem durchschnittlichen Nettohaushaltsvermögen der Euro-Zone: 275.200 Euro an Vermögen haben die italienischen Haushalte im Durchschnitt angehäuft. Damit machen sie zwa rnur 17,2 Prozent aller Haushalte der Euro-Zone aus, halten aber 20,6 Prozent des Vermögens.

  • Platz 5: Spanien

    Trotz der hohen Arbeitslosigkeit besitzen auch die spanischen Haushalte noch viel Vermögen, durchschittlich 291.400 Euro. Die Daten stammen allerdings aus dem Jahr 2008. Damals besaßen die spanischen 12,3 Prozent der Haushalte innerhalb der Euro-Zone rund 15,6 Prozent des Vermögens.

  • Platz 4: Belgien

    In Belgien liegt das Nettohaushaltseinkommen durchschnittlich bei 338.600 Euro - und damit weit über dem der Nachbarländer Niederlande oder Deutschland. 3,4 Prozent der Haushalte der Euro-Zone liegen in Belgien, dort sammelt sich aber 5,0 Prozent des Vermögens.

  • Platz 3: Malta

    Die bevölkerungsärmsten Euro-Länder haben die reichsten Haushalte. Mit 366.000 Euro Durchschnittsvermögen liegen die Haushalte auf der kleinen Mittelmeerinsel auf Platz drei. 0,1 Prozent der Haushalte der Euro-Zone sind auf der Insel zu finden - aber auch 0,2 Prozent des Vermögens.

  • Platz 2: Zypern

    670.900 Euro Vermögen besitzen die Haushalte in Zypern im Durchschnitt - fast das dreifache des Mittelwerts der Euro-Zone, der bei 230.800 Euro liegt. Damit häuft sich bei den 0,2 Prozent der Haushalte der Euro-Zone rund 0,6 Prozent des Vermögenbesitzes.

  • Platz 1: Luxemburg

    Die Luxemburger sind jedoch noch fast 40.000 Euro reicher als die Zyprioten: 710.100 Euro Vermögen besitzen die luxemburgischen Haushalte - und damit 0,4 Prozent des privaten Vermögens innerhalb Euro-Zone, auch wenn sich nur 0,1 Prozent aller Haushalte der Euro-Zone in Luxemburg befinden. Das Großherzogtum hat damit unbestritten das höchste Nettohaushaltsvermögen.

Das ist zweifellos eine gute Nachricht, auch wenn sie mit fast allen Mitteilungen über Armut, Reichtum und soziale Probleme,  die uns so erreichen, eine große Schwäche teilt. Die Daten sind alt, auch wenn wir Journalisten und noch mehr die Politiker so tun, als seien sie brandneu: In den letzten zweieinhalb Jahren hat sich im krisenerschütterten Europa und im angeschlagenen Amerika so viel getan, dass keiner die neuen OECD-Daten als Abbild der Gegenwart ausgeben sollte. Trotzdem lernen wir aus dem neuen Zahlenwerk der OECD viel darüber, was die Krise in den einzelnen Ländern angerichtet hat.

Anzeige

OECD-Studie Kampf gegen die Kluft zwischen Arm und Reich

Die Industrieländer haben ein Problem: Sie müssen nach der Krise Wachstum schaffen und soziale Ungleichheit bekämpfen. OECD-Forscher zeigen in einer Studie, wie beides zusammen funktioniert.

In vielen Industireländern wächst die Lücke zwischen Arm und Reich, in Deutschland wuchs sie besonders schnell. Die OECD gibt Empfehlungen, wie Staaten das Problem bekämpfen können. Quelle: AP

Wobei Deutschland nach allen möglichen Kriterien überraschend gut dasteht. So fiel das am Markt erzielte Einkommen der Bürger aller OECD-Staaten in den drei ersten Krisenjahren um durchschnittlich zwei Prozent; bei uns wuchs es fast um denselben Betrag. Damit schlug sich Deutschland besser als alle ernsthaft vergleichbaren Volkswirtschaften und rangierte im OECD-Vergleich auf Platz vier hinter den aufschießenden osteuropäischen Industriewirtschaften Polen und Slowakei und Chile, dem einzigen südamerikanischen OECD-Land. Frankreich auf Platz zehn verzeichnete bereits einen kleinen Einkommensrückgang, in Großbritannien (Platz 24) schlug die Krise des Bankensektors ins Kontor, und in den Euroländern Italien (Platz 23), Irland, Spanien und Griechenland (Plätze 27, 28 und 30) bahnte sich jene Misere an, die bis zum Ausbruch der Eurokrise im Frühjahr 2011 fast niemanden in Deutschland so richtig interessierte.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%