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Griechenlands Linke: Alexis Tsipras: Ein Mann mit vielen Gesichtern

von Gerd Höhler Quelle: Handelsblatt Online

Tsipras will die griechische Politik und Gesellschaft von Grund auf erneuern. Der Sohn aus gutem Hause ist der mit Abstand jüngste griechische Parteiführer. Doch ein Anfänger ist er deshalb nicht.

Chef des Bündnisses der radikalen Linken: Alexis Tsipras. Quelle: AFP
Chef des Bündnisses der radikalen Linken: Alexis Tsipras. Quelle: AFP

Er gilt als der neue Star auf der politischen Bühne Griechenlands: Alexis Tsipras, der Chef des Bündnisses der radikalen Linken (Syriza). Der 37-jährige Senkrechtstarter schaffte, was noch vor kurzem utopisch schien: bei der Wahl vom 6. Mai konnte er den Stimmenanteil seiner Partei gegenüber 2009 fast vervierfachen. Am Sonntag wird in Griechenland erneut gewählt, und nun liegt Syriza in manchen Meinungsumfragen sogar auf dem ersten Platz.

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Wenn Tsipras bei seinen Wahlkundgebungen die geballte Faust schwingt und gegen das „Memorandum“ wettert, wie man in Griechenland die Konsolidierungsauflagen der EU nennt, dann klingt das gut für viele Griechen, die wegen des Sparkurses Einkommenseinbußen erlitten oder sogar ihren Job verloren haben. Reden kann der Demagoge Tspiras, keine Frage. Aber kann er auch regieren?

Der kometenhafte Aufstieg treffe die Partei völlig unvorbereitet, meinen manche Beobachter. Zumal Syriza ein Bündnis aus zwölf mitunter heftig widerstreitenden Gruppierungen ist. Darunter sind politische Sekten wie die trotzkistische „Internationale Werktätige Linke“ oder die maoistische „Kommunistische Organisation Griechenlands“. Keiner der maßgeblichen Syriza-Politiker verfügt über Regierungserfahrung. Auch Tsipras brachte es bisher nur zu einem 2006 gewonnenen Sitz im Athener Stadtrat.

Er ist der mit Abstand jüngste griechische Parteiführer, aber er ist kein politischer Anfänger. Der Sohn aus gutem Hause war schon Anfang der 90er Jahre als Mitglied der kommunistischen Jugend aktiv, organisierte an seinem Gymnasium im Athener Stadtteil Ambelokipi Streiks und Schulbesetzungen, trat mit radikalen Sprüchen in Fernseh-Talkshows auf.

Schon damals konnte man Tsipras einen Mangel an Selbstbewusstsein nicht vorwerfen. Heute genießt er es sichtlich, wenn ihn ausländische Medien als „griechischen Che Guevara“ bezeichnen. Dass Tsipras in der globalen Liga spielen will, erfuhren kürzlich auch die in Athen akkreditierten Botschafter der EU-Staaten. Eine gemeinsame Einladung der Diplomaten zu einem Hintergrundgespräch schlug Tsipras aus. Stattdessen beraumte er ein Treffen mit den Botschaftern der G-20-Staaten an. Einen „Hang zum Größenwahn“ attestiert die Zeitung „To Vima“ dem Polit-Star.

Nach dem überraschenden Wahlerfolg im Mai brach Tsipras nach Paris und Berlin auf, um sich vorzustellen. Aber die erhoffte Verabredung mit dem neu gewählten französischen Präsidenten Francois Hollande kam nicht zustande. Tsipras verspottete den französischen Staatschef daraufhin als „Hollandreou“ – eine Anspielung auf den gescheiterten griechischen Premier Giorgos Papandreou.

Dass Hollande dann den griechischen Sozialistenchef Evangelos Venizelos zu einem langen Gespräch empfing, war für Tsipras erst recht demütigend. Auch in Berlin blitzte Tsipras ab. Die Linke arrangierte für ihn zwar einen Auftritt in der Bundespressekonferenz. Aber Kanzlerin Merkel empfing ihn nicht. Tsipras bezeichnet Merkel  gern verächtlich als „Madame“, was im Griechischen eine Anrede aus dem Rotlichtmilieu ist. SPD-Chef Sigmar Gabriel nahm sich zwar ein wenig Zeit für den Gast aus Athen, ermahnte ihn aber kühl, die Sparzusagen einzuhalten. Die Reise nach Frankreich und Deutschland dürfte Tsipras nicht in guter Erinnerung haben. Das Klima sei in beiden Hauptstädten „eisig“ gewesen, heißt es in der Umgebung des Syriza-Chefs.


Tsipras wettert gegen alte Parteien

Tsipras sagt, er wolle die griechische Politik und Gesellschaft von Grund auf erneuern. Aber das Programm seiner Partei wirkt anachronistisch: Verstaatlichungen, Masseneinstellungen im ohnehin schon aufgeblähten öffentlichen Dienst, Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften – Vorstellungen aus der politischen Mottenkiste, von denen sich selbst der Castro-Clan in Kuba verabschiedet hat. Tsipras wettert gegen die Vetternwirtschaft der alten Parteien, betreibt aber selbst Klientelpolitik unter anderem Vorzeichen: seine treuesten Anhänger sind die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und die Angestellten der maroden Staatsbetriebe, denen er Kündigungsschutz und die Rückkehr ihrer kürzlich gestrichenen Privilegien verspricht.

Tsipras hat viele Gesichter: bei den Wahlkundgebungen kündigt er seinen Anhängern eine „Revolution“ an, in Interviews mit ausländischen Journalisten dagegen redet er lächelnd von Reformen. Er werde die Sparvorgaben der EU einseitig annullieren, ruft er den Wählern zu; gegenüber europäischen Diplomaten spricht er dagegen von „Verhandlungen“. Die widersprüchlichen Auskünfte spiegeln die ideologischen Gegensätze innerhalb des Linksbündnisses. So versichert Tsipras mal, die Partei wolle „alles dafür tun, dass Griechenland in der Eurozone bleibt“. Er muss so reden, denn schließlich wollen laut Umfragen acht von zehn Griechen am Euro festhalten.

Dann wieder erklärt Tsipras, der Euro sei für ihn „kein Fetisch“. Klarer äußert sich Panagiotis Lafazanis, einer der Syriza-Ideologen: er proklamiert als Ziel „den Austritt aus der Eurozone und die Auflösung der Währungsunion“. Lafazanis will nach eigenen Worten „den Bruch mit der totalitären EU“. Bei Syriza herrsche eine „babylonische Sprachverwirrung“, konstatierte die Zeitung „Ta Nea“. Aber die Vielstimmigkeit hat Methode.

Je näher der Wahlsonntag rückt, desto ungenauer und verschwommener werden die Aussagen des Syriza-Chefs. Er laviert zwischen allen Fronten, will die Hardliner der eigenen Partei und linksextremistische Wähler bei der Stange halten, gleichzeitig aber gemäßigte Wähler der Mitte an sich binden. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet. So verspricht Syriza  höhere Renten, bessere Mindestlöhne und mehr Arbeitslosengeld.

Bisher hat Tsipras jedoch nicht verraten, wie er diese Wahlgeschenke finanzieren will. Er gaukelt den Wählern vor, dass er die Sparauflagen einseitig aufkündigen und den Schuldendienst einstellen kann, die Europäer aber trotzdem brav weitere Hilfskredite überweisen. Das kleine Griechenland sitze am längeren Hebel, erklärt Tsipras – weil es so riesige Schulden hat. Die Geldgeber könnten das Land deshalb gar nicht fallenlassen, denn dann gerate die ganze Währungsunion ins Wanken. Am Sonntag wird sich zeigen, wie viele Griechen dieses gewagte Vabanquespiel mitmachen wollen.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 16.06.2012, 12:26 Uhrshadowdancer

    Einfach mal den Geldhahn zudrehen und dann wird er plötzlich handzahm

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