Großbritannien: Britische Krankheit

Großbritannien: Britische Krankheit

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Preise laufen davon. Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise in Großbritannien

von Yvonne Esterházy

Die strikte Sparpolitik hilft bei der Eindämmung des Budgetdefizits. Doch die Stagflation wird zum Problem.

Seit einem Jahr ist der britische Premier David Cameron im Amt, doch eines seiner wichtigsten Ziele, die Wirtschaft des Landes in Gang zu bringen, hat er nicht erreicht. Die Lage ist alles andere als rosig. Großbritannien sieht sich mit Stagflation, einer verhängnisvollen Mischung aus hoher Inflation und geringem Wachstum, konfrontiert. Das Pfund verliert an Wert und treibt die Teuerung damit zusätzlich an.

Im Schlussquartal 2010 sank das Wachstum gegenüber Vorquartal um 0,5 Prozent, im ersten dieses Jahres lag es in der gleichen Höhe im Plus. „Nur Italien und Japan weisen in der Gruppe der führenden Industrienationen derzeit ein schwächeres Wachstum auf“, sagt George Buckley, Volkswirt der Deutschen Bank in London. „Wenn es so weitergeht, dauert es bis 2013, bis Großbritannien wieder auf dem Niveau von 2008 angekommen ist.“

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Gleichzeitig liegt die Teuerungsrate mit rund vier Prozent doppelt so hoch, wie die Bank of England (BoE) nach Regierungsvorgaben tolerieren darf. „Die Balance zwischen Wachstum und Inflation ist Anlass zur Sorge“, heißt es daher in einer Analyse der Fondsgesellschaft AXA Investment Managers. Denn die steigenden Preise schmälern die Kaufkraft der Haushalte, die durch stagnierende Löhne, steigende Steuern und geringere Staatshilfen ohnehin unter Druck geraten sind.

Zum Sparen gezwungen

Dazu kommt, dass der Staat kürzt, wo er kann. Derzeit rangiert Großbritannien mit einem Defizit von 10,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hinter Irland und Griechenland auf dem dritten Platz der Rangliste der europäischen Schuldensünder. 94 Milliarden Euro will Finanzminister George Osborne bis 2015 einsparen, um das Haushaltsdefizit unter drei Prozent des BIPs zu drücken. Viel Spielraum zur Konjunkturbelebung hat er aber nicht. Zwar senkte Osborne die Unternehmens-steuern um zwei Prozentpunkte auf 26 Prozent, doch seit Januar wirkt sich die Erhöhung der Mehrwertsteuer negativ auf die Kauflust der Briten aus.

Die Unternehmen beginnen, die höheren Energie- und Rohstoffpreise an die Endverbraucher weiterzugeben. So schmilzt das verfügbare Einkommen der Bürger dahin, und sie schnallen den Gürtel enger. „Schon im dritten Monat in Folge berichtet der Einzelhandel von ungewöhnlich schwachem Absatz, die Lagerbestände sind hoch, die Order gehen zurück”, sagt Ian McCafferty, Chefvolkswirt des Industrieverbandes CBI. Selbst das verarbeitende Gewerbe, das zu Jahresbeginn noch gute Zuwächse verzeichnete, wird nun zum Sorgenkind. So gering wie im April war die Industrieproduktion seit sieben Monaten nicht mehr. Ohnehin trägt der Sektor – nach langer Schrumpfkur – nur noch knapp 13 Prozent zur Wertschöpfung bei. Für die Regierung, die die Abhängigkeit Britanniens von den Finanzdienstleistern verringern will, ist das ein herber Rückschlag.

Die BoE steckt deswegen in einem Dilemma. Wegen der steigenden Preise müsste sie eigentlich die Zinsen erhöhen. Das aber wäre hochriskant, weil die meisten Briten ihre Wohnungen und Häuser mit flexibel verzinsten Hypotheken finanziert haben. Drei Viertel von ihnen leben im Eigenheim, seit mehr als zwei Jahren profitieren sie davon, dass die Leitzinsen bei 0,5 Prozent verharren – dem niedrigsten Stand seit 300 Jahren. Die Hauspreise fallen, höhere Hypothekenzinsen würden die Immobiliennachfrage zusätzlich bremsen und die Preise weiter unter Druck setzen. „Die wirtschaftliche Lage würde sich bei einer Zinserhöhung verschlimmern“, warnte BoE-Chef Mervyn King kürzlich und signalisierte damit eine weiterhin lockere Geldpolitik.

Doch Vertrauen in die Stabilitätsorientierung der Notenbank schafft King angesichts hoher Inflationsraten nicht. Andrew Sentance, scheidendes Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Notenbank, plädiert daher schon seit vergangenem Sommer für eine Wende in der Geldpolitik: „Je länger der lockere Kurs beibehalten wird, desto größer ist das Risiko, dass sich die Erwartung höherer Inflation festsetzt und irgendwann drastische Zinserhöhungen unvermeidlich werden“, warnte er in seiner Abschiedsrede.

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