Großbritannien: Flexibler Arbeitsmarkt: Der Glanz des Modells verblasst

Großbritannien: Flexibler Arbeitsmarkt: Der Glanz des Modells verblasst

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Großbritannien bereitet sich auf die Zukunft vor

Lange galt der flexible Arbeitsmarkt in Großbritannien als Vorbild für andere Staaten. Doch im Abschwung verblasst der Glanz des britischen Modells.

"Blutbad! British Telecom baut 10.000 Jobs ab!“, titelte der Londoner „Evening Standard“ neulich und vermieste mit dieser Schlagzeile Millionen Pendlern die Heimfahrt. An solche Hiobsmeldungen müssen sich die Briten in diesen Tagen gewöhnen. Allein in in den vergangenen zwei Wochen kündigten britische Großunternehmen den Abbau von rund 20.000 Stellen an. Die Arbeitslosenquote ist im vergangenen Quartal auf 5,8 Prozent gestiegen – der höchste Stand seit elf Jahren. Seit 1995 waren noch nie so viele Jugendliche ohne Job, und auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen nimmt zu. „Der flexible Arbeitsmarkt hat es ermöglicht, rasch neue Jobs zu schaffen. Die Kehrseite ist, dass man auch schneller feuern kann“, sagt John Cridland, stellvertretender Chef des Industrieverbands CBI.

In atemberaubendem Tempo wandelt sich das Inselreich derzeit vom Jobwunderland mit Vollbeschäftigung zum Problemfall. „Unser Modell wird jetzt einem strengen Test unterzogen“, sagt Professor Alan Manning von der London School of Economics. Nicht wenige Experten erwarten, dass sich die Arbeitslosigkeit rasanter beschleunigen wird als in anderen EU-Staaten. Die entscheidende Frage: Sinkt die Arbeitslosigkeit bei einer späteren Konjunkturerholung in Großbritannien auch wieder rascher als anderswo?

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Immer tiefer trudelt das Vereinigte Königreich in die Rezession. Die Bank of England erwartet beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2009 ein Minus von bis zu zwei Prozent, der Industrieverband CBI rechnet damit, dass die Arbeitslosenquote bis Mitte 2010 auf rund neun Prozent klettert. „Die Rezession wird härter und länger als erwartet“, befürchtet Chefvolkswirt Ian McCafferty.

Die Politiker sind aufgeschreckt. Finanzminister Alistair Darling wird an diesem Montag aller Voraussicht nach ein umfassendes Paket zur Stimulierung der Wirtschaft vorlegen – auf Pump, denn in den öffentlichen Kassen klafft ein riesiges Loch. Spekuliert wird über Steuerentlastungen in Höhe von 20 Milliarden Pfund (23,5 Milliarden Euro). Gleichzeitig dürfte Darling versuchen, die Konjunktur durch eine Erhöhung der Infrastrukturausgaben anzukurbeln; die Rede ist von einem Ausgabenprogramm von umgerechnet 11,7 Milliarden Euro. Die Staatsverschuldung könnte dadurch auf bis zu sieben Prozent des BIPs steigen.

Noch vor wenigen Monaten hatte die Regierung behauptet, Großbritannien werde mit den Auswirkungen der Finanzkrise gut fertig. Das Gegenteil ist der Fall: Großbritannien zählt zu den größten Opfern der Krise, vor allem wegen der hohen Abhängigkeit von Finanzdienstleistungen, die rund 30 Prozent zum BIP beitragen. Premierminister Gordon Browns Argument, wegen ihres flexiblen Arbeitsmarkts seien die Briten besser in der Lage, Konjunkturstörungen abzufedern und eine Rezession abzuwenden, erweist sich als Trugschluss. „Er hat die ernsten strukturellen Probleme unterschätzt, zum Beispiel den hohen Verschuldungsgrad der Haushalte“, sagt Ian Brinkley vom Think-Tank „The Work Foundation“.

Anders als bei der Rezession Anfang der Neunzigerjahre, die vor allem das verarbeitende Gewerbe traf, sind diesmal auch viele Mittelklasse-Jobs im Dienstleistungssektor in Gefahr. Das hat dramatische Folgen, denn der Dienstleistungssektor trägt in Großbritannien rund 75 Prozent zur Wertschöpfung bei. In den vergangenen zehn Jahren war die hohe Spezialisierung auf Finanzdienstleistungen ein Vorteil. Europas größter Börsenplatz zog Talente und Geschäfte aus der ganzen Welt an. Doch nun werden Tausende hochbezahlte Banker und Finanzjongleure gefeuert; von den 350.000 Stellen im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf und in der City werden bis Ende 2009 wohl nur 290.000 übrig bleiben. Zwar dürften viele von ihnen Ausländer sein und deshalb nicht in die Arbeitslosenstatistik eingehen, doch sie fallen als Konsumenten weg. Der Auswirkung auf Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungssektor ist nicht zu unterschätzen.

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