Großbritannien in der Isolation: Der kurze Triumph der Briten

Großbritannien in der Isolation: Der kurze Triumph der Briten

, aktualisiert 13. Dezember 2011, 22:39 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Der Jubel der Briten über das "Nein" ihres Premierministers währte nur kurz. Mehr und mehr offenbart sich inzwischen, welche katastrophalen Folgen eine Isolation der Briten für die eigene Wirtschaft hätte.

Die Ansage an Cameron vor dem Euro-Gipfel war unmissverständlich. Die traditionell europaskeptische britische Presse forderte ihn zur Standhaftigkeit auf. Er solle bloß nicht mit einem wertlosen Stück Papier zurückkommen wie einst Chamberlain, hatte ein europaskeptischer Abgeordneter angemahnt.

Das hat David Cameron geschafft. Er ist beim britischen "Nein" zu Vertragsänderungen geblieben und hat sein Land damit in der EU isoliert. Das Lob weiter Teile der britischen Presse war ihm damit sicher. Die Freude darüber währte allerdings nur kurz. Mehr und mehr wird den Briten bewusst, dass sie sich mit ihrem Nein ein Eigentor geschossen haben.

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"Es wäre wirklich saudumm, wenn Großbritannien die EU verlassen würde," sagte der britische Wirtschaftshistoriker Timothy Leunig von der London School of Economics (LSE) im Gespräch mit Handelsblatt Online. Die größten Verlierer wären aus Sicht von Leunig der Exportsektor und die Finanzindustrie.

Durch seine EU-Mitgliedschaft kann Großbritannien bislang in Fragen der Finanzmarktregulierung sein Veto einlegen und so Gesetze verhindern, die dem Finanzplatz London schaden. Bei einem EU-Austritt gäbe es diese Möglichkeit nicht mehr. Zwar wäre Großbritannien dann auch nicht mehr direkt an die EU-Gesetze gebunden. Indirekt hätten diese aber dennoch einen sehr großen Einfluss auf den Finanzplatz London, wie Leunig feststellt.

Vom Kontinent kommen dazu schon klare Worte. So droht EU-Währungskommissar Olli Rehn der Regierung von Premier David Cameron am Montag in Brüssel: „Falls das Manöver dazu diente, Banker und Finanzinstitutionen der (Londoner) City vor der Finanzregulierung zu verschonen: Das wird nicht passieren.“ Rehn ergänzte: „Wir müssen alle aus der derzeitigen Krise die Lehren ziehen und dazu beitragen, Lösungen zu finden, und das gilt für den Finanzsektor genauso.“

Auch der britische Bankenverband zeigte sich besorgt und hofft jetzt auf neue Allianzen innerhalb der EU, um den Schaden zu begrenzen. „Wir müssen sicherstellen, dass wir gute und solide Bündnisse haben. Derzeit wissen wir noch nicht, wie sich andere Länder entwickeln werden. Wir müssen beständig und aufmerksam sein“, sagte BAA-Chefin Angela Knight am Montag bei einer Konferenz. Es sei noch zu früh, Schlüsse aus der Politik der britischen Regierung zu ziehen. Die Vereinigung vertritt unter anderem die vier Großbanken HSBC, Barclays sowie die beiden teilverstaatlichten Geldhäuser Lloyds und Royal Bank of Scotland.


Neue politische Architektur Europas

Der Ökonom Leunig warnte außerdem davor, dass ein Austritt Großbritanniens die politische Architektur Europas verschieben würde. Großbritannien steht mit seiner liberalen Wirtschaftsordnung den osteuropäischen Ländern näher als Frankreich. In vielen Bereichen hat es aber auch gemeinsame Interessen mit Deutschland - etwa wenn es um die Senkung der EU-Agrarsubventionen geht.

Aus Sicht von Leunig würde ein EU-Austritt Großbritanniens die dominante Rolle Deutschlands in der EU verstärken - die bereits jetzt für Argwohn bei einigen Mitgliedsstaaten sorgt. "Das wäre nicht im Interesse Deutschlands."

Auch deutsche Ökonomen sehen Großbritannien als großen Verlierer bei einem EU-Austritt. „Ein Austritt aus der EU erscheint mir zwar unwahrscheinlich, wäre aber auch kein Drama für die Union“, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gegenüber Handelsblatt Online. „Wirtschaftlich wäre der Nachteil für Großbritannien angesichts seiner Industrieschwäche und seiner Abhängigkeit vom Finanzsektor viel ausgeprägter als für die EU.“

Der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, sagte dagegen Handelsblatt Online: „Großbritannien muss in der Europäischen Union bleiben.“ Zwar habe das Land den europäischen Einigungsprozess von jeher verzögert. „Aber Großbritannien ist historisch, regional, politisch und ökonomisch Teil von Europa, wo auch langfristig seine wirtschaftlichen Interessen liegen.“ Der IZA-Chef unterstrich in diesem Zusammenhang, dass eine einheitliche, starke Währung, geordnete Staatshaushalte und flexible, interagierende europäische Arbeitsmärkte der Kern der Sicherung unseres langfristigen Wohlstandes sei. „Großbritannien bleibt dafür ein wichtiger Partner. Die Europäische Union muss deshalb mit aller Kraft den Weg zur weiteren wirtschaftlichen und politischen Einheit gehen, sollte aber die Tür für Großbritannien weit offen halten und weiter um eine aktive britische Beteiligung werben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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