Grubenunglück in der Türkei: Eine Katastrophe mit Folgen

ThemaNaher Osten

Grubenunglück in der Türkei: Eine Katastrophe mit Folgen

von Hans Jakob Ginsburg

Beim Grubenunglück im Westen der Türkei macht Regierungschef Erdogan wieder einmal eine erdenklich schlechte Figur. Für die türkische Wirtschaftsentwicklung gibt es aber möglicherweise noch ganz andere Folgen.

Hunderte Bergmänner sterben in der Kohlenzeche von Soma nördlich von Izmir, Rettungsversuche scheinen unmöglich oder werden erst gar nicht gestartet. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan tritt mal wieder in Fettnäpfchen und nennt tödliche Unfälle das normale Berufsrisiko von Bergleuten, also irgendwie nicht so schlimm. Sein Zuarbeiter Yusuf Yerkel, mit ihm auf Kondolenzbesuch im Bergbaustädtchen, tritt auch, aber nicht in Fettnäpfchen, sondern mit Füßen auf einen am Boden liegenden Anti-Erdogan-Demonstranten.

Das Video kursiert durch die sozialen Netzwerke. Irgendwie hat Erdogan schon gewusst, warum er Twitter und Facebook schon vor Wochen abschalten wollte.

Anzeige

Ein zweites Filmchen aus Soma zeigt Erdogan selber, wie er vor protestierenden Angehörigen der Kumpel in einen Supermarkt flieht. Die Erdogan-kritische Istanbuler Zeitung „Hürriyet“ stellt die Frage, ob es nicht Erdogan selber sei, der im Geschubse vor dem Geschäftseingang zum Schlag auf eine junge Frau aushole.

Wirklich erkennbar ist dergleichen nicht, aber politische Gegner in der Türkei trauen sich inzwischen gegenseitig so ziemlich alles zu.

Fragt sich nur, was das schreckliche Unglück für die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung der Türkei bedeutet. Soma liegt in einer Gegend der Türkei, wo sich Erdogans islamistische AK-Partei bei Wahlen schon immer schwer getan hat, die Bergleute und ihre Familie waren sicher schon vor der Katastrophe keine Fans des Ministerpräsidenten. Vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung der Erdogan-Jahre haben auch sie profitiert, aber zu einem hohen Preis.

Ausgerechnet in der bei aller Erdogan-Kritik stets auch sehr unternehmerfreundlichen „Hürriyet“ schreibt heute der Kommentator Özgür Korkmaz: „Die türkischen Kohlezechen sind privatisiert worden – die meisten wurden an Unternehmer verkauft, die der Regierungspartei nahe stehen – und der neue Besitzer des Bergwerks in Soma hat stolz verkündet, er habe die Produktionskosten pro Tonne von 130 oder 140 auf 23,80 US-Dollar gesenkt. Und wir alle haben ihn nicht gefragt, wie er das eigentlich geschafft hat.“

Das Üble daran ist, dass Erdogans Regierungspartei erst vor ein paar Wochen im Parlament einen Antrag der Opposition auf Verwirklichung strengerer Sicherheitsmaßnahmen für den Bergbau abgelehnt hat. Schon vor Soma gab es der Opposition zufolge in der Türkei bei der Kohleförderung relativ zur Produktion mehr Unfallopfer als in China. Für die im Vergleich zu anderen Industrien gut organisierte türkische Bergarbeitergewerkschaft besteht jetzt aller Anlass zu einer Massenmobilisierung, wie sie das Land seit den innenpolitischen Wirren der Siebzigerjahre nicht mehr erlebt hat.

Grubenunglück in der Türkei Gewerkschafter sprechen von Massenmord

Die Türkei trauert um die Opfer des verheerenden Bergbau-Unglücks: Die Zahl der Opfer immer weiter steigt, in mehreren Städten protestieren Menschen. Gewerkschafter sprechen von „Massenmord“.

Weinende Bergleute stehen nahe der Unglücksmine in der Türkei. Quelle: dpa

Und das in einem keineswegs unbedeutenden Gewerbe. Zwar muss die energiearme Türkei auch einen Großteil ihres Kohlebedarfs importieren – aber der internationale Vergleich zeigt die Wichtigkeit der Förderung von Stein- und vor allem von Braunkohle für das Land. Unter den Kohleförderern der Welt liegt die Türkei auf Platz 12 und hat seit 2000 traditionelle Kohleländer wie Kanada, Tschechien und die Ukraine abgehängt. Die Produktionssteigerung ereignete sich vor allem in den Boomjahren von 2005 bis 2008, zeitgleich mit der jetzt auf einmal ins Gerede geratenen Privatisierung.

Und dieses Gerede, zusammen mit der auf einmal möglichen Auferstehung der Gewerkschaften, bringt Erdogans erschüttertes Wirtschaftsmodell in weitere Nöte.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%