Haiti: Erdbebenopfer hoffen nicht mehr auf Hilfe

Haiti: Erdbebenopfer hoffen nicht mehr auf Hilfe

, aktualisiert 14. Dezember 2016, 09:44 Uhr
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Adrienne St. Fume träumt davon, in einem „anständigen Haus“ zu wohnen und sich nicht ständig um die Kinder sorgen zu müssen.

Quelle:Handelsblatt Online

Fast sieben Jahre ist das schwere Erdbeben in Haiti her, Hilfszahlungen in Millionenhöhe haben das Land erreicht. Und doch leben noch immer Zehntausende in behelfsmäßigen Lagern. Denn die Politik hat versagt.

Port-au-PrinceVor fast sieben Jahren mussten Adrienne St. Fume und ihre Angehörigen aus ihrem Haus in Port-au-Prince fliehen. Die Erde bebte und die haitianische Hauptstadt fiel vor ihren Augen praktisch in sich zusammen. Die Familie kam in einem Lager an einer Hauptstraße unter – vorübergehend, wie damals alle glaubten. Doch noch immer leben sie in einem Provisorium.

Die Mutter von drei Kindern sagt, sie habe die Sperrholzhütte zunächst als eine befristete Unterkunft betrachtet. Schließlich sollte die Stadt nach dem schweren Erdbeben der Stärke 7,0 am 12. Januar 2010 mit internationaler Hilfe wiederaufgebaut werden. Aber eine feste und dauerhafte Lösung hat die Familie bisher nicht gefunden. „Es ist schwierig, aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen, um hier leben zu können“, sagt St. Fume.

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Wie sie leben noch mindestens 50.000 Menschen in 31 Lagern, die in den Tagen und Wochen nach der schweren Naturkatastrophe entstanden. Die Zahl der Bewohner in diesen Notunterkünften ging nach dem Beben innerhalb kurzer Zeit um 96 Prozent zurück, aber die Verbliebenen machen deutlich, dass sich das Land noch immer nicht vollständig erholt hat.

Rund 1,5 Millionen Menschen lebten nach Schätzungen der Behörden im Juli 2010 – also ein halbes Jahr nach dem Erdbeben – in mehr als 1.500 Lagern. Diese Zahl ging zurück, weil viele von privaten Grundbesitzern vertrieben wurden, genug Geld für den Wiederaufbau ihres Hauses zusammenbekamen oder mithilfe von Mietzuschüssen von der Regierung und Hilfsorganisationen wieder auf eigenen Füßen stehen konnten.

Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stehen noch sieben Millionen Dollar zur Verfügung, um die Menschen aus drei Lagern in Port-au-Prince umzusiedeln. Das Geld reiche jedoch nicht aus, sagt Fabien Sambussy, die IOM-Chefin in dem Karibikstaat. Und selbst wenn mehr Geld da wäre, so wäre es immer noch schwierig, für alle Vertriebenen Unterkünfte zu finden in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag überleben muss und das Wohnen immer teurer wird.


Keine Aussichten auf dauerhafte Unterkunft

Einige Menschen wollen ihr Lager auch gar nicht verlassen, das sich in vielen Fällen zu einer Armensiedlung gewandelt hat. „Es ist ziemlich schwierig, sie zu überzeugen, dass sie nach sechs Jahren dort nicht zuhause sind“, erklärt Sambussy. Ihre Organisation habe versucht, einen humanen Weg zur Räumung der Lager zu finden, nachdem es in den ersten Jahren nach dem Beben zu Vertreibungen gekommen sei.

St. Fume, die mit dem Verkauf von Kohle ein wenig Geld verdient, wäre im Gegensatz zu einigen Nachbarn sofort bereit, mit ihrem Ehemann und den drei Kinder wegzugehen. Die Mutter träumt davon, in einem „anständigen Haus“ zu wohnen und sich nicht ständig um die Kinder sorgen zu müssen.

In einem Gebiet in der Nähe des Flughafens, bekannt als Tabarre, erklären andere Erdbebenflüchtlinge, sie hätten kaum Aussichten, anderswo eine dauerhafte Unterkunft zu finden. Darum hätten sie Vorschläge der Behörden zurückgewiesen, sie mit Mietzuschüssen für ein Jahr in Wohnungen unterzubringen. „Wir haben dieses Land übernommen“, sagt Wilson Mathieu, der sich in dem staubigen Camp einen kleinen Laden aufgebaut hat. „Dieser Ort ist jetzt unser Zuhause. Und wir wollen, dass er als unser Dorf betrachtet wird.“

Die Mietzuschüsse waren ein kurzfristiger Versuch, die Lager zu räumen, sie wurden allerdings nicht von einer langfristig tragfähigen Wohnungsbaupolitik begleitet, wie Robin Guittard von Amnesty International erklärt. Sowohl die haitianischen Behörden als auch die internationalen Organisationen hätten versagt.

Wegen der Wohnungsknappheit hatten viele obdachlose Haitianer keine andere Wahl, als in die bereits überfüllten Wohnungen und Häuser von Angehörigen einzuziehen oder sich Hütten in den Slums an den Berghängen außerhalb von Port-au-Prince zu bauen. In einer dieser Elendssiedlungen leben inzwischen mindestens 250.000 Menschen.

Dabei war alles ganz anders geplant. Die haitianische Regierung und internationale Berater wollten die Zerstörung von Port-au-Prince nutzen, um das Leben in der Hauptstadt zu verbessern und das Land zu dezentralisieren. Das Beben bot die Möglichkeit, einige langjährige Probleme der Stadt zu lösen und ganz besonders die Wohnungsknappheit. Die Pläne zum Bau von Häusern und Wohnungen wurden jedoch nie umgesetzt.

Nach einigen Jahren verließen viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen das Land. Seit 2014 fließt finanzielle Hilfe nur noch, wenn es konkrete Krisen zu bewältigen gilt, etwa Ausbruch von Cholera.

St. Fume hat die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben. „Ich weiß nur, dass wir dem Staat eigentlich egal sind“, sagt sie in ihrer Holzhütte. „Wenn es anders wäre, hätten sie bis jetzt etwas getan.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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