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High-Tech-Strategie: China auf dem Weg zur Forschungs-Großmacht

von matthias.kamp@wiwo.de

Mit aller Macht will China Forschungs-Großmacht werden. Kann die neue High-Tech-Strategie der Bundesregierung gegen Pekings breit angelegte Innovationsoffensive bestehen?

Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland und China
Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland und China

Wenn Jiang Kai in Shanghais Einkaufszentren auf Schnäppchenjagd geht, vertraut er ganz auf sein Mobiltelefon. Sucht er etwa nach einem bestimmten Herrenparfüm, fotografiert er in einem beliebigen Geschäft mit der eingebauten Kamera den Barcode auf der Verpackung. Jiangs Handy leitet die Daten an einen Zentralrechner, der ihm postwendend eine Liste mit Läden in der Umgebung auf sein Display schickt, die den gleichen Duft im Sortiment führen – inklusive Adressen, Telefonnummern und Preisen. Nach dem Vergleich kauft Jiang das Parfüm dort, wo es am billigsten ist. Der mobile Preisvergleich, den Jiangs Unternehmen Kaible im vergangenen Jahr mit zwei Shanghaier Universitäten entwickelt hat, ist bei Chinas preisbewussten Verbrauchern derzeit ein Renner. Täglich laden Hunderte das kleine Zusatzprogramm von Jiangs Firmenhomepage auf ihr Handy. Allein in Shanghai nutzen es jeden Tag bereits mehr als 10.000 Einkäufer, um Geld zu sparen. Bei mehr als 400 Millionen angemeldeten Mobiltelefonen in China hat das Unternehmen noch reichlich Wachstumspotenzial. „Wir konzentrieren uns zunächst auf den hiesigen Markt, aber bald werden auch Konsumenten im Ausland von unserem Service profitieren“, verspricht Jiang. Beispiele wie Jiang gibt es täglich mehr in China. Vorbei sind die Zeiten, als das Land sich mit der Rolle als Werkbank des Westens zufriedengab, das die Welt mit einfach herzustellenden Billigwaren versorgte – von Turnschuhen über T-Shirts bis zu Tischtennisschlägern. Das Reich der Mitte, das einst Kompass, Buchdruck und Schießpulver erfand, will wieder eine High-Tech-Großmacht werden. Dafür stecken Wirtschaft und Staat immer mehr Geld in Forschung und Entwicklung (F+E). Innerhalb weniger Jahre schnellten die Ausgaben von fast null auf einen Anteil von 1,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) empor und erreichten im vergangenen Jahr ein Volumen von knapp 26 Milliarden Euro. Deutschland investiert zwar mit fast 55 Milliarden Euro derzeit noch mehr als doppelt so viel in neue Produkte und Dienstleistungen, das entspricht einem Anteil von rund 2,5 Prozent am BIP. Halten die Chinesen jedoch das gegenwärtige Tempo mit jährlichen Steigerungsraten von durchschnittlich 20 Prozent bei, werden sie die Lücke in absehbarer Zeit geschlossen haben. „China hat zu einer dramatischen Aufholjagd angesetzt“, warnt EU-Industriekommissar Günter Verheugen die Europäer. Eine Studie von Battelle und der US-Fachzeitschrift „R&D-Magazine“ bestätigt diesen Befund: Danach löst China bis 2007 Japan als drittgrößte Forschungsnation ab. Vorn bleiben die USA und Europa.

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Worauf sich der Westen einstellen muss, zeigt ein aktuelles rund 50-seitiges Papier der chinesischen Regierung. Detailliert listet es mehr als 60 Maßnahmen auf, mit denen der 1,3-Milliarden-Einwohner-Staat bis zum Jahr 2020 zu einem „innovationsorientierten Land“ entwickelt werden soll. Unter anderem sollen bis dahin die FAusgaben auf 2,5 Prozent des BIPs steigen. Um das zu erreichen, sollen die Ausgaben für Wissenschaft und Technologie während des elften Fünfjahresplans, der die Jahre 2006 bis 2011 umfasst, stärker wachsen als die Einnahmen der öffentlichen Haushalte. Deren Steigerungsquote lag zuletzt bei 12,03 Prozent. Die Wirtschaft, die in China rund 60 Prozent der FAusgaben schultert (Deutschland: 67 Prozent), wird gleich mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen dazu ermuntert, mehr Geld in die Forschung zu investieren: So erhalten alle Unternehmen einen Freibetrag bei der Umsatzsteuer, der bei 150 Prozent der FAusgaben liegt. Steckt ein Unternehmen mehr als 2,5 Prozent seiner Personalkosten in Weiterbildung, reduziert sich seine Steuerschuld um diesen Prozentsatz. Darüber hinaus sind Hochtechnologiefirmen für zwei Jahre von der Körperschaftsteuer befreit und zahlen danach lediglich 15 Prozent Körperschaftsteuer. Bei der Anschaffung von Anlagen und Rohstoffen entfällt für diese Unternehmen außerdem die Mehrwertsteuer. Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen brauchen für mehrere Jahre weder Einkommen- noch Grundsteuer zu bezahlen. Vorrangiges Ziel der Chinesen ist es, bei Spitzentechnologien vom Ausland unabhängig zu werden. Die geballte Offensive aus Fernost lässt bei der Bundesregierung die Alarmglocken schrillen. Die deutsche Botschaft in Peking warnt in einem internen Vermerk vom Juni dieses Jahres an das Auswärtige Amt und an das Bundesforschungsministerium vor einem rasch zunehmendem Wettbewerbsdruck aus China. „Für Länder, die wie Deutschland auf den Export von Technologie angewiesen sind, folgt daraus, dass ihre Produkte nicht nur erheblich besser sein müssen, sondern außerdem auch so gestaltet werden sollten, dass sie schwer nachzuentwickeln sind“, heißt es in dem Papier.

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