Hochqualifizierte: Warum die Leistungsträger auswandern

Hochqualifizierte: Warum die Leistungsträger auswandern

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Clemens Fuest, Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford

Die Zahl der Auswanderer steigt und steigt. Besonders die Leistungsstarken kehren der Heimat den Rücken. Eine exklusive Studie zeigt, warum so viele Deutsche ihr Glück in der Ferne suchen.

Ein kleines bisschen, sagt Clemens Fuest, fühle er sich schon wie ein Verräter. Wie einer, der seine Getreuen im Stich lässt, die Koffer packt und sich aus dem Staub macht. Fuest ist Finanzwissenschaftler an der Universität Köln, er gilt als einer der forschungsstärksten Ökonomen seines Jahrgangs und genießt internationales Renommee. Der 39-Jährige hat in jungen Jahren so ziemlich alles erreicht, was ein Volkswirt in Deutschland erreichen kann. Fuest kam ins Grübeln: „Möchte ich jetzt 29 Jahre bis zur Pension so weitermachen?“

Der Kölner hat diese Frage mit Nein beantwortet und einen Entschluss gefasst, der sein ganzes Leben umkrempeln wird: Er wechselt in wenigen Wochen an die Universität Oxford. Dort wird er am Centre of Business Taxation endlich genug Zeit haben, tagelang vor sich hin zu forschen. Er wird Tür an Tür mit den Besten seines Faches arbeiten, und er wird sehr anständig verdienen. Zugleich lässt er den zeitfressenden Verwaltungskram eines deutschen Lehrstuhlinhabers hinter sich, ebenso die Pflicht, neun Stunden pro Woche im Hörsaal zu stehen. Fuest, ein Zahlenmensch, der nicht zum Pathos neigt, strahlt aus seinen blauen Augen, wenn er sagt: „Für mich geht da ein Traum in Erfüllung.“

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Der Wissenschaftler gehört zu den Tausenden hoch qualifizierter Deutscher, die der Heimat Adieu sagen und sich in das Abenteuer Ausland stürzen. Sein Abgang ist ein herber Verlust für die Uni, wenn nicht für die gesamte deutsche Volkswirtschaftslehre. Fuests Weggang wird in der Wanderungsstatistik im nächsten Jahr auftauchen. Sehr wahrscheinlich, dass bis dahin die Zahl der Auswanderer erneut steigen wird – wie schon in der gerade veröffentlichten Statistik für 2007 und wie auch in den Jahren zuvor: In den vergangenen sechs Jahren stieg die Zahl deutscher Auswanderer um 47 Prozent. Allein im vergangenen Jahr packten 161.000 Deutsche ihre Koffer, das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl von Osnabrück. Vermutlich ist die Gruppe der Abtrünnigen sogar um ein Drittel größer, sagen Forscher. Denn die Statistik erfasst nur diejenigen, die sich ordnungsgemäß abmelden.

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Die Folgen der Auswanderungswelle werden in Politik und Wissenschaft kontrovers diskutiert. Die einen befürchten den sogenannten Brain Drain und glauben, dass Deutschland geistig veröde. Vor allem die gut Qualifizierten gehen, die Leistungsstarken, Selbstbewussten, Risikobereiten. Diese Talente fehlen der Wissenschaft als Ideenlieferanten und Lehrende, sie fehlen den Unternehmen als Fachkräfte, sie fehlen dem Staat als Steuerzahler, dem Standort als Gründer. Und sie fehlen der Gesellschaft als Vorbilder.

Andere Experten warnen vor einer Dramatisierung des Problems und weisen darauf hin, dass einige Auswanderer zurückkehren (wollen), dass sich zudem die Arbeitswelt und damit der Wettbewerb um die klügsten Köpfe immer stärker internationalisiert und deshalb mehr Menschen aus Karrieregründen das Land verlassen. Der Standort im weltweiten Wettbewerb müsse attraktiv genug bleiben, damit Auswanderer zurückkehren – und hoch qualifizierte Einwanderer nach Deutschland kommen.

Beides richtig, glaubt der renommierte Migrationsforscher Klaus Bade. „Vor allem aber ist Auswanderung eine Abstimmung mit Füßen, ein Indiz, dass etwas nicht stimmt in diesem Land.“ Man müsse die Motive der Auswanderer erforschen, die Probleme klar benennen und beseitigen. Bade erkennt einen doppelten Nutzen: „Genau die Gründe, mit denen Deutsche ihre Auswanderung erklären, halten auch gut ausgebildete Ausländer davon ab, nach Deutschland zu kommen.“ Jahrelang hätten die Politiker Ursachenforschung vernachlässigt. „Da will einfach keiner so richtig ran“, sagt Bade, „denn dann geht es ans Eingemachte.“

Das Wegducken funktionierte auch deshalb so gut, weil über Auswanderer naturgemäß schwer zu forschen ist: Sie leben überall verstreut in der Welt. Die Datenlage ist unübersichtlich; Statistiken, oft genug ungenau, beleuchten meist nur einzelne Berufsgruppen. Viele Fragen sind offen: Flüchten die Auswanderer aus Deutschland, weil sie die Nase voll haben von der kalten Steuerprogression, den schlechten Aufstiegschancen und der wuchernden Bürokratie? Oder sind es die verlockenden Karrierechancen im Ausland, denen sie nicht widerstehen können? Und vor allem: Wollen sie jemals wieder zurückkommen – und wenn ja, aus welchen Gründen? 

Erstmals bringt jetzt das Forschungsinstitut Prognos Licht in das statistische Dunkel. In einer umfangreichen Studie haben die Prognos-Leute im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Motive ausgewanderter Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft untersucht. 1400 im Ausland lebende Deutsche beantworteten den Prognos-Fragebogen, die Ergebnisse liegen der WirtschaftsWoche exklusiv vor. Wichtigster Befund der Studie: 68 Prozent der Befragten erhofften sich von ihrem Wechsel ins Ausland einen besseren Job und mehr Geld. 38 Prozent gaben an, dass auch die hohe Steuer- und Abgabenlast ein Grund dafür war, das Land zu verlassen, 31 Prozent störten sich an der Bürokratie.

Damit bestätigen die Forscher, was viele befürchtet hatten. An erster Stelle stehen erwartungsgemäß Karrieremotive, auf der anderen Seite sind es aber auch fiskalische Gründe, die die Menschen aus der Heimat vertreiben. Ein fataler Kreislauf: Ausgerechnet gut verdienende Steuer- und Abgabenzahler, die das Land dringend braucht, flüchten vor hohen Steuern.

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