Horst Teltschik im Interview: "Nicht zimperlich"

Horst Teltschik im Interview: "Nicht zimperlich"

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Horst Teltschik in seinem damaligen Amt als Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der erfahrene Sicherheitspolitiker Horst Teltschik plädiert gerade jetzt für einen intensiven Dialog mit Moskau und einen Ausbau der europäisch-russischen Beziehungen.

WirtschaftsWoche: Herr Teltschik, hat mit Russlands Einmarsch in Georgien der zweite Kalte Krieg begonnen?

Teltschik: Ich halte solche Bewertungen für fatal. Der Kalte Krieg ist Gott sei Dank Vergangenheit. Es geht heute darum, zwischen der Europäischen Union oder der atlantischen Allianz und Russland die Beziehungen neu zu gestalten und dabei die Sicherheitsinteressen von allen zu berücksichtigen.

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Ist das mit Russland derzeit möglich?

Das wird sicherlich durch Georgien nicht leichter werden. Präsident Medwedew hat aber wie sein Vorgänger Putin klar bekundet, dass Russland an einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung interessiert ist. Wir müssen uns alle mit Russland an einen Tisch setzen und sehen, mit welcher Strategie wir etwas erreichen können.

Was bringt das, solange Russland so handelt wie jetzt in Georgien?

Georgien ist sicher die erste heiße Konfrontation zwischen Russland und westlichen Interessen. Andererseits waren unsere amerikanischen Freunde auch nicht zimperlich, wenn es um ihre Interessen in Europa ging, ohne das immer hinreichend mit den europäischen Partnern oder gar mit Russland zu diskutieren, etwa bei der Stationierung einer Raketenabwehr in Polen und Tschechien. Es gibt Versäumnisse auf beiden Seiten.

Russland fühlt sich derzeit stärker als irgendwann seit dem Ende der Sowjetunion. Wie soll da eine umfassende Kooperation mit dem Westen noch funktionieren?

Russland mag sich heute wegen Georgien stark fühlen – dabei hat Moskau dort auch verloren: an Vertrauen im Westen, und sie brauchen den Westen. Wenn wir mit den Russen nicht zusammenarbeiten, werden sie ihre inneren Probleme nicht lösen können.

Heißt Zusammenarbeit mit den Russen, dass wir uns nicht um Georgien kümmern und die Ukraine nicht in die EU aufnehmen?

Jeder Staat hat das Recht, sich dem Bündnis seiner Wahl anzuschließen. Man muss aber rechtzeitig mit allen Beteiligten reden, wenn sich Konflikte abzeichnen.

Steht dahinter auch die Einsicht, dass wir von Russland schrecklich abhängig sind?

Wir müssen unsere Sicherheit nicht gegen Russland definieren, sondern mit Russland. Wir brauchen vernünftige Beziehungen zu Russland, aber ich überschätze Russland nicht. Das Land ist viel schwächer, als es die russische Führung selbst wahrhaben will.

Sieht das die politische Spitze in Moskau nicht anders, solange sie mit Öl und Gas viel Geld verdient, ihr Militär den Nachbarstaaten klar überlegen ist und die eigene Bevölkerung über entsprechende Erfolge jubelt?

Möglicherweise glaubt die russische Führung augenblicklich, sie sei machtpolitisch so stark, dass es auf die Beziehungen zur EU oder zu Deutschland nicht ankommt. Eine Weile kann das gutgehen. Aber es müssen doch nur die Rohstoffpreise deutlich fallen, und Russland bekäme mit einem solchen Kurs erhebliche wirt-schaftliche, innenpolitische und soziale Probleme.

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