Indien: Das Modi-Experiment droht zu scheitern

Indien: Das Modi-Experiment droht zu scheitern

, aktualisiert 12. Januar 2017, 16:28 Uhr
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Die hohe Rückgabequote deutet daraufhin, dass viele Inder Wege fanden, den Staat wieder einmal auszutricksen.

von Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

Mit einer Bargeld-Reform will Indien die Schattenwirtschaft im Land bekämpfen. Doch der Plan geht nicht auf, Wirtschaft und Bürger leiden unter dem Bargeld-Mangel. Die Bevölkerung könnte es der Regierung bald heimzahlen.

BangkokEs war wohl keine geplante Aktion: Die Youtube-Videos zeigen eine verzweifelte Mutter, die panisch versucht, die Sicherheitskräfte abzuwehren und sich in ihrer Not einfach auszieht. Die Frau forderte ihr vermeintliches Recht ein, alte Geldscheine auch nach dem 31. Dezember noch bei der Zentralbank einzahlen zu können – so wie es die Regierung für Ausnahmefälle einst versprochen hatte. Doch nun sollen nur noch Auslandsaufenthalte als Grund gelten.

Die kleine Episode zeigt, wie chaotisch und ungeplant Indiens Bargeld-Reform weiterhin verläuft. Und es mehren sich die Hinweise, dass die Reform wohl viele Ziele vorerst nicht erreichen kann: Bloomberg und indischen Medien zufolge haben die Inder wohl mehr als 97 Prozent des für ungültig erklärten Bargeldes in die Banken getragen – die Regierung hatte mit deutlich weniger Rücklauf gerechnet. Gleichzeitig zeigt sich immer stärker, wie der immer noch herrschende Bargeld-Mangel die Wirtschaft des Landes herunterzieht.

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Indiens Regierungschef Narendra Modi hatte am 8. November kurzerhand Geldscheine im Wert von 500 und 1000 Rupien zu unzulässigen Zahlungsmitteln erklärt – und damit rund 86 Prozent des Bargeldes aus dem Verkehr gezogen. Mit dem Schritt sollte die grassierende Schattenwirtschaft in dem Land bekämpft und Transparenz geschaffen werden: Die Inder sollten ihr Geld auf Konten einzahlen und nachweisen, ob sie das Geld jemals versteuert hatten.

Doch die hohe Rückgabequote deutet daraufhin, dass viele Inder Wege fanden, den Staat wieder einmal auszutricksen. Beobachter vermuten beispielsweise, dass wohlhabende Inder einfach ihre Cash-Vermögen über Konten verschiedener Strohmänner eingezahlt haben. Denn nur wer einen hohen Betrag auf sein Konto überweist, gerät in das Visier der indischen Steuerfahnder. Andere dürften ihren Arbeiter den Lohn im Voraus gezahlt haben oder brachten ihr Geld zu korrupten Tempelmanagern. Die konnten den Betrag als anonyme Spende verbuchen und später den vermeintlichen Opfern einen Abschlag wieder zurückzahlen.

Die indische Zentralbank wies die Berichte über die geringen Rückgaben zunächst als spekulativ zurück, die genaue Berechnung würde noch laufen. Doch auch internationale Banken wie die Bank of America-Merrill Lynch gehen mittlerweile davon aus, dass fast das gesamte Bargeld zurück auf Konten floss.

In dem Fall müsste der indische Staat wohl auch seine Hoffnungen auf Extra-Einnahmen durch die Reform senken: Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die indische Regierung nicht zurückgebrachte Scheine gerne als frisches Kapital im Staatshaushalt verbuchen würde. Denn werden die Noten für endgültig ungültig erklärt, verliert die Zentralbank gegenüber dem Besitzer der alten Noten ihre Verbindlichkeiten und könnte dieses Plus an die Regierung weitergeben.


Bargeldlose Gesellschaft bleibt eine Vision

Doch dieser Bonus wird nun vermutlich gering ausfallen – und damit auch die Möglichkeit, die durch den Bargeldmangel ausgebremste Wirtschaft mit einem Konjunkturpaket wieder in Schwung zu bringen.

Der Nikkei Einkaufsmanagerindex ist auf den tiefsten Stand seit Oktober 2013 abgerutscht. „Der Index zeigt, dass die Auswirkungen der Reform auf Wirtschaftsaktivität signifikant ist, wenn auch nicht katastrophal”, kommentiert Shilan Shah, Indien-Ökonom beim Beratungsunternehmen Capital Economics. Ökonomen rechnen laut einer Bloomberg-Umfrage im Durchschnitt nur noch mit einem Wachstum von 6,8 Prozent im aktuellen Haushaltsjahr. Die Prognose liegt damit rund ein Prozent niedriger als vor der Reform.

Noch ist die Hoffnung jedoch nicht verloren: Die Reform sei eben typisch indisch gewesen, meint Pranjul Bhandari, Chefökonom für Indien der britischen Großbank HSBC. „Es ist zunächst eine unperfekte Reform implementiert worden. Der Erfolg wird nun von den kommenden Maßnahmen abhängen.” Wenn es der indischen Regierung gelinge, auch auf dem Land das digitale Bezahlen zu etablieren, wären die Vorteile immens. „Dann würde Schattenwirtschaft in die formelle Wirtschaft übergehen.”

Auch ein anderer von der Regierung gewünschter Effekt zeigt sich: Die Banken versuchen, dass reichlich eingezahlte Kapital wieder als frische Darlehen weiterzugeben und senken dafür ihre Zinsen – die öffentlichen Banken wurden von Modi dazu auch explizit aufgefordert. Theoretisch könnte damit das in einem historischen tief liegende Kreditwachstum wieder ansteigen lassen und die Konjunktur unterstützen. Doch Analysten haben Zweifel, ob dieser Effekt tatsächlich eintreten wird. „Wir glauben, das wird nur ein temporäres Phänomen sein”, kommentiert Kunal Kumar Kundu, Indien-Volkswirt bei der Société Générale. Sobald wieder mehr Bargeld vorhanden sei, würden die Inder das Geld von ihren Konten wieder abziehen.

Und das werden sie vermutlich: Denn die von Modi gewünschte bargeldlose Gesellschaft bleibt weiterhin eine Vision. Zwar wurde eine zum Jahreswechsel vom Staat herausgebrachte App für digitales Bezahlen bereits zehn Millionen mal heruntergeladen und private digitale Bezahlanbieter verzeichnen immense Zuwächse – allein das indische Fintech-Unternehmen PayTM hat seit der Reform rund 14 Millionen neue Kunden gewonnen. Darunter fallen allerdings vor allem junge Inder in den Großstädten, die sich schnell anpassen können. Viele von ihnen sehen Modis Kahlschlag auch weiterhin als die mutige Reform eines Visionärs an.

Doch bei der ärmeren Landbevölkerung könnte die Unterstützung bald schwinden. Ein Großteil von ihnen wird langfristig weiterhin auf Bargeld-Zahlungen angewiesen sein. Sie können sich Smartphones oder Kartenlesegeräte einfach nicht leisten. Sollten ihnen die Geduld ausgehen, haben viele von ihnen bald die Möglichkeit, es Modi und seiner Partei heimzuzahlen: Im Februar beginnen im größten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh die Parlamentswahlen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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