Indien: Zum Himmel stinken

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Rajendra Pachauri, Chef der Indischen Regierungskommission zum Klimawandel

Indien erkennt die Notwendigkeit, die Umwelt zu schützen, prinzipiell an, will sich aber keine Vorschriften vom Ausland machen lassen - und tut nur wenig.

Die Windschutzscheibe gesprungen, die Fahrertür herausgebrochen, die Karosserie rostig. Es gibt sie immer noch, die rumpelnden blau-gelben Linienbusse der Delhi Transport Corporation, die tagtäglich Millionen Fahrgäste durch Indiens Hauptstadt karren und bläulich-graue Abgaswolken hinter sich herziehen. Doch an ihren Seitenwänden verkünden sie schon von einer besseren Umwelt-Zukunft. Denn da prangt der Hinweis: „Angetrieben durch sauberen Kraftstoff“. Gemeint ist Flüssiggas.

Indien ist fünftgrößter Emittent von Kohlendioxid, tut bislang aber nur wenig für den Umweltschutz. „Jede Anstrengung, den Ausstoß von Treibhausgasen spürbar zu reduzieren, würde ein anderes wirtschaftliches Verhalten erfordern, das uns Kosten verursachen könnte“, erklärt Kapil Sibal, Minister für Wissenschaft und Technologie, die Gründe für den mangelnden Öko-Ehrgeiz.

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Indien erkennt die Notwendigkeit, Umwelt und Klima zu schützen, zwar prinzipiell an, will sich aber keine Vorschriften vom Ausland machen lassen, weil es dadurch seinen wirtschaftlichen Aufschwung gefährdet sieht. Bitten, insbesondere den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu verringern, weisen die Politiker in seltener Eintracht empört zurück.

„Von Indien kann keine Emissionskontrolle verlangt werden“, sagt Rajendra Pachauri, Chef der Regierungskommission zum Klimawandel. „Wie könnten wir eine Obergrenze für Emissionen einführen, solange Millionen Menschen in Armut und Mangel leben?“ Pachauri sieht stattdessen andere in der Verantwortung für den Globus, reiche Staaten wie die USA und Kanada, die an der Spitze stehen sollten bei der Verringerung der Treibhausgase. Millionen Inder hätten noch keinen Zugang zur Stromversorgung, ihr Pro-Kopf-Verbrauch sei deutlich geringer als im Westen. Pachauri: „Sie können Indien jetzt nicht auffordern, seine Entwicklung einzustellen.“

Immerhin hat jüngst der Regierungschef von Himachal Pradesh, Prem Kumar Dhumal, versprochen, seinen Bundesstaat im Norden Indiens zum ersten klimaneutralen im Land zu machen. Dazu sollen Plastikabfälle zentral entsorgt oder wiederverwertet, Wasserkraft genutzt und große Flächen nahe Industrieanlagen wieder aufgeforstet werden. Einen Zeitpunkt, wann das Ziel erreicht sein soll, nennt er jedoch nicht.

Zudem hat die Regierung einen Nationalen Aktionsplan gegen den Klimawandel (NAPCC) verabschiedet – auch um die eigene Position bei internationalen Gesprächen über den Klimaschutz zu verbessern. Indien möchte nicht länger als Verweigerer betrachtet werden. So setzt der NAPCC acht Hauptziele, die bis zum Jahr 2017 erreicht sein sollen. Allein zehn Gigawatt Strom soll Indien jährlich durch einen effizienteren Einsatz von Energie sparen. Das entspricht etwa fünf Prozent der in zehn Jahren installierten Kraftwerksleistung im Land. Beim Wasserverbrauch möchte die Regierung sogar 20 Prozent einsparen.

Gelingen soll das durch umweltfreundliches Bauen, die Wiederaufforstung brachliegender Landstriche, den Schutz des labilen Ökosystems im Himalaya und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Zudem will Indien auch die Solarenergie ausbauen und ihre Leistung jährlich um ein Gigawatt steigern. Am Ende könnte sie etwas mehr als fünf Prozent zum Energiebedarf beitragen, zehn Mal mehr als heute. Schon der aktuelle Fünfjahresplan, der den Ausbau der Infrastruktur festlegt, gab das Ziel vor, künftig etwa ein Viertel der Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen. Im Dezember will sich Premierminister Manmohan Singh von den zuständigen Ministern die detaillierten Pläne vorstellen lassen.

Die Perspektive für Indien ist düster: Das Land bläst heute bereits 1,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre und liegt damit auf Platz Fünf hinter den USA, China, Russland und Japan. Mit einem jährlichen Wachstum von sechs Prozent wird Indien zuerst an Japan und voraussichtlich 2015 an Russland vorbeiziehen und auf Platz drei vorrücken, prognostizieren Experten. Dazu tragen vor allem überalterte Kraftwerke bei, die nach Angaben der Internationalen Energieagentur 50 Prozent mehr Dreck in die Luft schleudern als vergleichbare in den westlichen Staaten. Schlimmer treibt es nur noch China, dessen CO2-Ausstoß sogar um elf Prozent jährlich wächst und das bald die derzeitig Nummer Eins, die USA, überholen wird.

Die Lässigkeit der Inder verwundert, erwarten Wissenschaftlern doch einen starken Temperaturanstieg mit bösen Folgen für den Subkontinent. „Die Zahl und die Stärke der Stürme wird zunehmen, sie haben verheerende Überschwemmungen zur Folge“, sagt R.V. Sharma, stellvertretender Chef des regionalen Wetterdienstes in Chennai. Im Vergleich zu den Sechzigerjahren hat sich die Zahl der Schäden Sharma zufolge verdreifacht, die finanziellen Verluste sind sogar um das Neunfache gestiegen.

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