Interview mit Arcandor-Vorstand Helmut Merkel: "Die Zeit der Geschenke ist vorbei"

Interview mit Arcandor-Vorstand Helmut Merkel: "Die Zeit der Geschenke ist vorbei"

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Arcandor-Vorstand Helmut Merkel

Arcandor-Vorstand Helmut Merkel über Sourcing in Asien, die Entwicklung von Chinas Binnenmarkt und einen möglichen Multi-Channel-Einstieg im Einzelhandel.

WirtschaftsWoche: Herr Merkel, die Kosten der Produktion in China steigen, Hersteller wandern in andere Länder ab, Chinas Export zeigt Schwäche. Ist China nicht länger Fabrik der Welt?

Merkel: Doch. Allein in der Textil- und Bekleidungsindustrie entfallen auf China 50 Prozent der Weltproduktion. Da ist es gar nicht vorstellbar, kurzfristig 10 oder 15 Prozent in andere Teile der Welt zu verlagern. Es gibt kein Land, das derzeit solche Volumina übernehmen kann.

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Aber diese Kostenkrise kratzt doch erheblich am Mythos Chinas, nämlich dass hier so billig wie nirgendwo sonst auf der Welt produziert werden könne.

Das ist richtig. Die 20, 30 Jahre, in denen China Geschenke an die Welt verteilt hat in Form von Billigstpreisen und uns weltweit stabile Preise beschert hat, sind vorbei. Die Kosten in China steigen. Das lässt sich nicht zurückdrehen.

Europäische Firmen dürften dank der Euro-Aufwertung aber die steigenden Kosten gut wegstecken können, da hier auf US-Dollar-Basis abgerechnet wird.

Das ist nicht generell so. Es gibt eine Reihe von Händlern, die auch in Asien auf Euro-Basis einkaufen. Wir allerdings kaufen in Ostasien in Dollar ein. Insofern haben wir von der Dollarschwäche profitiert.

Was treibt die Kosten?

Das sind vier Faktoren. Erstens will China nicht länger Raubbau an der Natur betreiben, es hat begriffen, dass die natürlichen Ressourcen kein freies Gut sind. Zweitens klettern auch hier die Energiepreise. Drittens sind die Löhne und Gehälter in den vergangenen Jahren auch in Euro gerechnet stark gestiegen. 80 Prozent der chinesischen Exporte stammen aus den boomenden Küstenprovinzen, hier werden die Arbeitskräfte langsam knapp. Die Fabriken konkurrieren um qualifizierte Arbeitskräfte, die ihre Position natürlich für ordentliche Aufschläge nutzen. Viertens steigen auch die Preise für die Nutzung von Land, weil die Hightech-Industrien mit ihren viel höheren Margen wesentlich mehr zu zahlen bereit sind für Grundstücke, die vor 20, 30 Jahren noch die Textilindustrie belegte. Dadurch kommt die Textilindustrie unter Riesendruck, sie muss die Produktion verlagern.

Die deutschen Verbraucher sehen chinesische Produkte nach dem Skandal über das Blei in Kinderspielzeug oder der Verletzung sozialer Standards heute kritischer. Hat China nicht nur ein Kosten-, sondern auch ein Qualitätsproblem?

Dieser Prozess hat schleichend schon vor einigen Jahren begonnen, ist aber in jüngster Zeit eskaliert. Die Fabriken sind immer mehr unter Produktions- und Wettbewerbsdruck geraten, sie versuchen ihren Ausstoß mit Prämien zu steigern, arbeiten in drei Schichten, geben dem Management und den Arbeitnehmern hohe Ziele vor. Wenn wir das nicht genau überwachen, kann es leicht passieren, dass sie die Umwelt- und Sozialstandards nicht einhalten, sondern dem Zeit- oder Kostendruck opfern. Derjenige, der das Produkt bestellt, hat genauso wie der Produzent die Verantwortung dafür, dass die Produktanforderungen eingehalten werden. Das ist bei dem Spielzeug von Mattel nicht passiert. Da ist über Monate hinweg mit blindem Vertrauen das abgenommen worden, was produziert wurde, ohne Überprüfung.

Haben Sie denn die personellen und sachlichen Kapazitäten, um laufend diese Produkttests durchzuführen?

Wir sind schon vom Gesetz dazu verpflichtet. Aber wir können das aber gar nicht alles selber stemmen, deshalb beauftragen wir dafür eine Vielzahl von dritten Unternehmen, unter anderem den TÜV-Rheinland, der hier in Asien sehr präsent ist. Diese Firmen, die hier mit Labors und speziellen Testeinrichtungen vertreten sind, kümmern sich um Materialproben, führen im Betrieb Inspektionen durch oder nehmen sogar die Fertigungsendkontrolle vor. Wir selbst führen die Kontrollen nur zu etwa 20 Prozent durch. Wir kümmern uns dabei intensiv um Lieferanten, bei denen nicht immer alles stimmt. Wir versuchen, ihnen eine gewisse Zeit lang zu helfen, sich zu verbessern. Wenn das nicht funktioniert, dann trennen wir uns von ihnen.

Auf einmal denken Hersteller wie Adidas über Alternativen zu China nach. Gilt das auch für Karstadt/Quelle?

Klar. Aber das ist ein ständiger Prozess. Von den sechs Milliarden Euro unseres weltweiten Einkaufs entfällt derzeit etwa die Hälfte auf China. Wir lassen in Asien schon in Indien, Indonesien oder Vietnam produzieren. Aber ein Ersatz für China kann das nicht sein, weil dort gar nicht die Kapazitäten existieren, die wir brauchen. Wir könnten nicht von heute auf morgen mit den großen Volumina woanders hingehen.

Aber Sie wollen den China-Anteil tendenziell verringern?

Ja, wir haben aus strategischen Gründen einen Plan B mit alternativen Beschaffungsmärkten. Etwa für den Fall, dass Antidumping-Klagen drohen und wir plötzlich auf ein anderes Land umschalten müssen. Wir beobachten genau, in welche Länder wir gehen können, wie sich die Lohnkosten dort entwickeln, die Infrastruktur, die Regulierung. Dazu kommen noch weitere Faktoren, etwa im Textilbereich die Fähigkeit, Materialien zu verarbeiten. Denn es gibt es eine ganze Reihe von Materialien, die viele Firmen nicht bearbeiten können, weil sie nicht die Ausrüstung dafür haben.

Im Fall des Plan B: Wohin würden Sie gehen?

Nach Indien, Vietnam, Bangladesh, Pakistan, Kambodscha. Indien hat größere Kapazitäten, 20 Prozent unseres Einkaufs beziehen wir schon von dort. Aber die indische Infrastruktur ist noch in dürftigem Zustand. Da kann es passieren, dass auf dem Landweg wertvolle Zeit im Transport verloren geht, was uns dann teurer kommt als die höheren Kosten an anderen Orten. Und dann fällt in Indien noch häufig der Strom aus. Das gibt es in China inzwischen nicht mehr.

Das Ziel der Pekinger Führung ist, die arbeitsintensive Billigproduktion aus den Küstenregionen mehr ins Landesinnere zu verlagern. Sind denn die Voraussetzungen dafür gegeben?

Ja. China hat seine Infrastruktur systematisch ausgebaut und verfügt heute über ein gut ausgebautes Autobahnsystem, baut neue Zugstrecken und die Häfen aus. Damit werden die Voraussetzungen für die Produktionsverlagerung ins Inland geschaffen, der Transport ist zuverlässig.

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