Irland: Der Filz zwischen Politik und Finanzwelt

Irland: Der Filz zwischen Politik und Finanzwelt

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Irlands Regierungschef Brian Cowen

von Yvonne Esterházy

Politik und Wirtschaft gehen Hand in Hand - das hat den Immobilienboom, unter dessen Folgen das Land jetzt leidet, erst möglich gemacht.

Was Irlands Premier Brian Cowen an Charisma fehlt, das macht er durch Hartnäckigkeit wett. Als der Sturm tobte und die EU längst ein Rettungspaket für den Inselstaat an der westlichen Peripherie Europas vorbereitete, wiederholte er stur: „Irland hat keinen Antrag auf fremde Hilfe gestellt.“ Cowen ist Rechtsanwalt, Sohn eines Gastwirts, dessen Parlamentssitz er erbte. Ein wohlgenährter Mann, der im Pub gelegentlich ein Liedchen anstimmt. Durch und durch bieder wirkt er und längst nicht so geschmeidig wie viele seiner Vorgänger, und er ist auch nicht so beliebt wie der elf Jahre amtierende Ex-Premier Bertie Ahern, der über Korruptionsvorwürfe stolperte und den er 2008 abgelöst hat.

Heute löffelt Cowen die Suppe aus, die ihm Ahern hinterlassen hat, aber schuldlos ist er nicht: Schließlich war er früher Finanzminister. Für die Bankenaufsicht war er zwar nicht direkt verantwortlich – die fiel in den Zuständigkeitsbereich von Patrick Neary, dem Ex-Chef der irischen Finanzaufsicht IFR und in die Verantwortung des inzwischen abgelösten Notenbankchefs John Hurley.

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Wichtiges Mitglied

Doch als Finanzminister und vorher als Chef von vier anderen wichtigen Ressorts (Arbeit und Energie, Verkehr, Gesundheit, Äußeres) war Cowen ein wichtiges Mitglied der Fianna-Fail-Regierung, die jahrelang enge Beziehungen zu Baulöwen und Bankenbossen unterhielt und es zuließ, dass in Irland eine riesige Immobilienblase entstand, die dem Land jetzt zum Verhängnis wird.

Bei Griechenland denkt heute jeder an Korruption, bei Irland nicht, denn die Regierung hat weder die Bilanzen frisiert noch das Defizit schöngerechnet. Doch in den Tiger-Jahren geriet in Vergessenheit, was vorher ein offenes Geheimnis war: Dass in dem kleinen Land mit rund 4,6 Millionen Einwohnern schon immer ein enger Filz zwischen der wohlhabenden Elite, den Chefetagen der Wirtschaft und den politischen Parteien wucherte. Man kennt sich, ist zum Teil verwandt oder verschwägert. So stammt auch Finanzminister Brian Lenihan aus einer Politiker-Dynastie: Schon der Großvater war Abgeordneter, der Vater 25 Jahre lang Minister, Bruder Conor brachte es bis zum Staatsminister, und Tante Mary O'Rourke war mal Ministerin. Im wilden Westen Europas lebte es sich schon immer recht gut nach dem Grundsatz : „Eine Hand wäscht die andere.“

Die ungesunde Nähe von Finanzaufsicht und Banken, die zur heutigen Krise beitrug, beschreibt Shane Ross, Autor des Bestsellers „The Bankers“. Er schildert, wie sich im November 2008 die Crème der irischen Bankenwelt heimlich zu einem Gourmet-Essen traf. Einer der Ehrengäste war der Chef der Finanzaufsichtsbehörde Pat Neary, der sich einladen ließ. Man ließ es sich schmecken und beglückwünschte sich zur laxen Aufsicht, die viele ausländische Banken nach Irland geholt hatte. (Darunter war auch das einst deutsche Institut Depfa, das vor seiner Übernahme durch die HRE rein bilanzsummenmäßig einmal die größte Bank Irlands war.) Wenige Wochen danach wurde Neary gefeuert, und die meisten anderen Gäste des geheimnisvollen Dinners verloren später ebenfalls ihren Job.

Exzessive Geschäfte

Kurz vor Weihnachten 2008 trat der langjährige Verwaltungsratvorsitzende der inzwischen verstaatlichten Pleitebank Anglo Irish Bank, Sean Fitzpatrick, zurück, als klar wurde, dass er sich private Kredite in Höhe von knapp 90 Millionen Euro genehmigt hatte, die nicht in der Bilanz auftauchten. „Seanie“ war einst der Mittelpunkt der Dubliner Geschäfts- und Cocktailparty-Szene. Auch Anglo-Vorstandschef David Drumm ging, weil er Fitzpatrick gedeckt hatte. Er setzte sich in die USA ab, lebt nun an der Ostküste in einem Millionenanwesen, entzog sich der Justiz. Mit ihren exzessiven Immobiliengeschäften riss die Anglo Irish Bank die irische Volkswirtschaft in den Abgrund, aber auch die beiden anderen Großbanken Allied Irish Bank (AIB) und die Bank of Ireland trugen dazu bei.

Die faulen Kredite der Institute wurden mittlerweile in die Bad Bank Nama (National Asset Management Agency) eingebracht, doch wie die irische Zeitung „Sunday Independent“ im April enthüllte, geht es auch dort nicht ganz sauber zu: So hält angeblich einer der Nama-Direktoren 20 000 Aktien der Bank of Ireland, ein anderer hochrangiger Mitarbeiter Aktien einer Immobilienfirma im Wert von 2,3 Millionen Euro. Beide dürften damit einem Interessenkonflikt ausgesetzt sein: denn die Nama entscheidet ja, mit welchen Abschlägen sie die faulen Immobilienkredite der Banken übernimmt.

Willkommen im Club Ein Dinner im Shelbourne Hotel im November 2008 bekam den Geladenen nicht – sie verloren ihre Jobs

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