Irland wählt: Im Schatten des Booms

Irland wählt: Im Schatten des Booms

, aktualisiert 26. Februar 2016, 15:13 Uhr
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Für Großstädte wie Dublin sind Obdachlose kein neues Phänomen. Doch es landen immer mehr Menschen auf der Straße, die zwar einen Job haben, sich aber die steigenden Mieten nicht leisten können.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Irlands Wirtschaft wächst, doch der Aufschwung hat noch lange nicht alle erreicht. Die Zahl der Obdachlosen nimmt sogar zu – ein Problem, das die nächste Regierung angehen muss. Heute wird sie gewählt.

DublinDie Jeans ist nicht gebügelt, aber sauber – ebenso wie seine dunkelblaue Kapuzenjacke. Die Turnschuhe aus Stoff sind nicht optimal für die Temperatur von etwas über null Grad und Regen, aber eigentlich in einem guten Zustand. Der Mann unterscheidet sich dadurch von einigen anderen, die an diesem kalten Februartag in einer Dubliner Einkaufsstraße sitzen – vor sich einen Pappbecher mit ein paar Münzen. Und vielleicht ist auch seine Geschichte anders, die er langsam und zögernd erzählt.

„Nein, ich bin hier nicht jeden Tag“, sagt er, „nur ab und zu, wenn ich meinen Kindern was gutes tun will.“ Denn dafür reiche sein Geld nicht. Er arbeite in einem Lebensmittelladen und räume Regale ein. Eine Wohnung könne er sich davon auch nicht leisten. Vor gut einem Jahr habe er daher ausziehen müssen, erzählt der Mann.

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„Irgendwann ging dem Vermieter die Geduld mit uns aus.“ Mit Frau und den beiden Kindern sei er zu den Schwiegereltern gezogen. „Doch das ist nicht gut gegangen.“ Inzwischen schlafe er meist in einer Obdachlosenheim und sehe seine Familie nur selten.

Obdachlose, Bettler, Gescheiterte. Für Großstädte wie Dublin ist das kein neues Phänomen. Was den Hilfsorganisation aber in zunehmenden Maße Sorgen macht: Es landen inzwischen mehr Menschen auf der Straße, die zwar einen Job haben, sich aber die steigenden Mieten nicht leisten können. Das gehört zu den Schattenseiten des neuen Aufschwungs, der die grüne Insel erfasst hat.

Die Wirtschaft wächst wieder – voraussichtlich mit fünf Prozent in diesem Jahr und damit deutlich stärker als in anderen Ländern. Ausländische Unternehmen investieren vor allem in Dublin, schaffen neue Jobs und ziehen Menschen aus dem Umland an.

Die Mieten steigen, weil das Angebot nicht mit der Nachfrage mithalten kann. All diejenigen, die kaum finanziellen Spielraum haben, werden aus ihren Wohnungen rausgedrängt. Dieses Problem zu lösen und wieder mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – das gilt als eine der großen Aufgaben für die nächste Regierung. An diesem Freitag werden die 4,8 Millionen Iren ihr neues Parlament wählen.


Immer mehr Obdachlose

Hilfsorganisationen haben erst vor wenigen Tagen erneut Alarm geschlagen – angesichts neuer Statistiken. Demnach steigt die Zahl der Familien, die in der irischen Hauptstadt obdachlos werden, deutlich. Im Januar sind offiziellen Zahlen zufolge, die Anfang dieser Woche veröffentlich wurden, mehr als 130 Familien mit insgesamt fast 270 Kindern neu in Obdachlosenheime aufgenommen worden – und damit so viele wie nie zuvor in einem Monat. Insgesamt seien derzeit in Dublin 769 Familien mit 1570 Kindern als obdachlos gemeldet worden.

Dazu gehören Menschen, die ihre Miete oder ihre Hypothek nicht mehr bezahlen können. Darunter sind aber auch Familien, deren Vermieter ihre Bankschulden nicht mehr bedienen. Die Mieter müssen dann häufig in solchen Fällen ihre Wohnung räumen, bevor das Haus beispielsweise zwangsversteigert wird.

Um das Problem zu lösen, fordern Hilfsorganisation wie die „Dublin Simon Community“ nicht nur den Neubau bezahlbarer Wohnungen, sondern auch höhere Mietbeihilfen. Diese seien in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, als der Staat in der Krise sparen musste, während die Mieten gestiegen seien.

Um den Menschen, die auf der Straße landen, zu helfen, gaben Behörden in Dublin nach Angaben irischer Medien im vergangenen Jahr etwa 25 Millionen Euro aus. Sie bezahlen damit beispielsweise Hotelzimmer, wo die Obdachlosen unterkommen, und den Umbau von Lager- und Fabrikhallen zu provisorischen Notunterkünften.

In den vergangenen Tagen hat eine Gruppe, die sich „Gimme Shelter Ireland“ nennt, mit einer besonderen Aktion auf das Schicksal der Obdachlosen und auf Wohnungsknappheit aufmerksam zu machen versucht. Sie stellten an einigen Stellen in der Innenstadt größere Sperrholzkiste auf, die eine Art provisorischer Unterschlupf für Menschen ohne Wohnung symbolisieren sollte.

„Wir hoffen, dass auch andere Menschen unseren Frust über die Situation teilen“, heißt es auf der Online-Seite von „Gimme Shelter Ireland“, „und Druck auf die Politiker ausüben werden, damit diese etwas gegen das Problem unternehmen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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