IS und Boko Haram: Islamistische Terroristen paktieren aus Not

IS und Boko Haram: Islamistische Terroristen paktieren aus Not

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Immer wieder drohen IS-Kämpfer mit Terroranschlägen in Europa.

Die islamistischen Kämpfer von Boko Haram wollen künftig mit dem Islamischen Staat paktieren. Was dahintersteckt – und ob die Gefahr von Terroranschlägen im Westen nun wächst.

Der eine schwor Gehorsam, der andere sicherte im Gegenzug militärische Unterstützung zu: Das Bündnis zwischen Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau und IS-Chef Abu Bak al-Bagdadi hat für Aufsehen gesorgt. Die nigerianischen Islamisten, die in ihrem Gotteskrieg mindestens 13.000 Menschen töteten und im vergangenen Jahr 200 Schulmädchen entführten, paktieren mit den Dschihadisten aus Irak und Syrien: Steigt dadurch nun die Terrorgefahr?

Alles reine Propaganda, sagt der Terrorismus-Experte Udo Steinbach, der das "Governance Center Middle East/North Africa" an der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin leitet. Die Gruppen wollten eine nicht vorhandene Schlagkraft demonstrieren. „Beide haben den Höhepunkt ihrer Ausbreitung überschritten“, sagt er. „Nun wollen sie der Internationalen Gemeinschaft Stärke vortäuschen“

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Eine militärische Zusammenarbeit der Organisationen sei unwahrscheinlich, glaubt Stephan Rosiny vom German Institute of Global and Area Studies. „Da Boko Haram keine größere Stadt mit einem Flughafen kontrolliert und mit allen Nachbarländern im Krieg steht, sind die Gebiete der Gruppe nur schwer zu erreichen.“ Eine Kooperation sei so schwierig.

Die Terrorgefahr steigt durch den Pakt also nicht, auch wenn der IS nun wieder mit Anschlägen in Spanien, Frankreich und Großbritannien drohte. „Solche Drohungen dienen nur dazu, die eigene Entschlossenheit zu demonstrieren und Anhänger zu mobilisieren“, sagt Udo Steinbach.

Die Führer des IS

  • Abu Musab az-Zarqawi († 2006)

    az-Zarqawi wurde 1966 geboren und 2006 getötet. Auf seinem Kopf hatten die USA ein Kopfgeld von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt – das entspricht dem Kopfgeld, das auf Saddam Hussein ausgesetzt war. Er galt als Experte für chemische und biologische Kampfstoffe.

    Während des Irak-Kriegs gründete er al-Qaida im Irak – der Organisation aus der heute der Islamische Staat (IS) hervorgegangen ist. Er ist für mehrere Terroranschläge und die Enthauptung des Amerikaners Nicholas Berg verantwortlich.

    Am 7. Juni 2006 töteten ihn US-Spezialkräfte nördlich von Bagdad. Nachdem zu einem Gefecht zwischen US-Militärs und Anhängern az-Zarqawis kam, forderten die US-Soldaten einen gezielten Luftschlag auf sein Lager an. Infolge dieses Luftschlags soll az-Zarqawi gestorben sein.

  • Abu Abdullah ar-Raschid al-Baghdadi (Abu Umar al-Baghdadi) († 2010)

    Die Person hinter dem Pseudonym Abu Umar al-Baghdadi ist immer schattenhaft geblieben. Nach irakischen Angaben war er ein ehemaliger irakischer Armeeoffizier. 1985 soll er in dem Widerstand gegen Saddam Hussein beigetreten sein.
    1987 floh er nach Afghanistan, um erst 1991 zurück in den Irak zu kommen. Seine Festnahme wie sein Tod wurden mehrfach gemeldet. Beobachter äußerten immer wieder die Vermutung, hinter dem Kampfnamen existiere keine reale Person – oder er wäre nacheinander von unterschiedlichen Kämpfern verkörpert worden.
    Seit 2010 sind keine Ankündigungen von ihm mehr in die Öffentlichkeit gelangt, weshalb man ihn für tot hält.

  • Abu Bakr al-Baghdadi

    Al-Baghdadi wurde 1971 im Irak geboren. Seit 2010 ist er der Anführer des IS. Seitdem er Mitte 2014 in Teilen Syriens und des Iraks das Kalifat ausgerufen hat, nennt er sich Kalif Ibrahim.
    In Bagdad soll er ab seinem 19. Lebensjahr zehn Jahre lang in einem privaten Moscheegebäude gelebt und Religion studiert haben. Sein Studium soll er zu Beginn der 2000er Jahre mit einer Promotion in Islamischen Recht beendet haben.
    Als die USA 2003 im Irak einmarschierten, gründete al-Baghdadi eine militante Islamistengruppe. 2004 soll er von US-Streitkräften im Irak interniert worden sein.
    Seitdem er 2014 das Kalifat auf syrischem und irakischem Boden ausgerufen hat, ist er nach Ansicht seiner Anhänger oberster Führer der Muslime.

Doch auch wenn die Organisationen militärisch wohl nicht zusammenarbeiten werden: Das nun geschlossene Bündnis unterstützt die Idee des IS, einen weltweiten Gottesstaat zu errichten. „Die Organisation braucht Erfolgsmeldungen, um ihr eigenes Heilsnarrativ eines expandierenden Kalifats aufrechtzuerhalten“, sagt Stephan Rosiny. „Deswegen nimmt sie immer neue Provinzen auf, auch wenn sie in ihnen keine wirkliche Kontrolle ausübt.“

Das Kalifat des Islamischen Staats erstreckt sich über Gebiete Syriens und des Irak, Boko Haram kontrolliert im Norden Nigerias ein Areal von der Größe Belgiens. Ziel der beiden sunnitischen Gruppen ist ein islamischer Gottesstaat, in dem die „reine Lehre“ des Islams als Gesetz gilt.

"IS wird in andere Organisationen übergehen"

„Im Großen und Ganzen sind die Gruppen also kompatibel“, sagt Udo Steinbach. „Die Rechtfertigung ihrer Existenz ist in beiden Fällen brutale Gewalt.“  Die Organisationen würden den Islam für ihre politisch-ideologische Agenda missbrauchen, Religion an sich spiele nur eine untergeordnete Rolle.

Boko Haram scheint zudem vom Islamischen Staat zu lernen: In den vergangenen Monaten hat sich die afrikanische Terrorgruppe einige der Propaganda-Methoden der Dschihadisten abgeschaut. Zuletzt starteten die Kämpfer Social-Media-Accounts, auf denen sie unter anderem Videos von Enthauptungen verbreiteten.

Und auch andere islamistische Gruppen nehmen sich den IS zum Vorbild, einige Organisationen in Ägypten, Mali, Libyen und dem Jemen bezeichnen sich mittlerweile als Ableger der Terrorgruppe. Dass der IS jetzt zum internationalen Netzwerk wird, hält Udo Steinbach aber für unwahrscheinlich. „Diese Bündnisse sind eher ein Zeichen der Schwäche“, sagt er. „Das sind Organisationen die früher unabhängig handelten und nun gemeinsame Ziele vorgeben, um nicht an Einfluss zu verlieren.“

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Tatsächlich gerät der Islamische Staat immer weiter unter Druck. Anfang des Jahres verlor die Organisation die strategisch wichtige Schlacht um die kurdische Hochburg Kobane, zurzeit belagern irakische Truppen die IS-Stadt Tikrit.

„Kobane war für die Organisation eine Art Stalingrad und sie verliert weiter an Boden“, sagt Steinbach. Aus seiner Sicht ist das Ende des islamischen Kalifats im Irak und Syrien absehbar. „Ein dreiviertel Jahr kann der Islamische Staat vielleicht noch bestehen, dann wird er sich auflösen“, sagt er. Das Problem des Islamismus in der Region werde sich dadurch aber nicht lösen. „Der IS wird danach in andere Organisationen übergehen.“

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