Jagd auf Illegale: US-Farmen gehen die Arbeiter aus

Jagd auf Illegale: US-Farmen gehen die Arbeiter aus

, aktualisiert 28. März 2017, 02:35 Uhr
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Die Landwirtschaft spürt bereits die Folgen der restriktiven Abschiebepolitik unter US-Präsident Donald Trump: Viele illegale Arbeiter trauen sich nicht mehr auf die Farmen.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Die rücksichtlose Ausweisungspolitik von US-Präsident Donald Trump verschreckt in den Vereinigten Staaten illegale Arbeiter. Dabei wird immer deutlicher, wie wichtig sie für das Wirtschaftsleben sind.

San FranciscoDie Nachrichten häufen sich mittlerweile. Da ist der mexikanische Familienvater, seit über 20 Jahren in den USA, der in Los Angeles von Grenzschutz-Polizisten vor den Augen seiner weinenden Tochter verhaftet wird, die er gerade am Schultor abgeliefert hat. Da ist die Frau, die gegen ihren gewalttätigen Partner einen Gerichtsbeschluss erwirken wollte und ihn auch bekam. Doch noch im Gericht wird sie unter den Augen einer konsternierten Richterin verhaftet, weil sie illegal im Land war. Profiteur ist der Partner, dem jetzt viel Ärger erspart bleibt.

Auch die Geschichte der Trump-Wählerin macht im Netz die Runde, deren Ehemann nach 16 Jahren jetzt kurzfristig ausgewiesen wird. Das sind zwar alles Einzelschicksale, doch mittlerweile spürt die erste Industriesparte in den USA die Folgen der restriktiven Abschiebepolitik unter Donald Trump: die Landwirtschaft. Die US-Bürger werden sie wohl mit steigenden Lebensmittelpreisen bezahlen müssen.

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Fünf Apfelpflücker sind laut der New Yorker Business-Seite „Crain’s“ die jüngsten Opfer: Sie waren in ihrem Wagen in Albion unterwegs zur Arbeit, als sie von Beamten der Polizei- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) angehalten und verhaftet wurden. Keiner der illegalen Arbeiter hatte ein Vorstrafenregister, sie gehörten also nicht zur Zielgruppe der von US-Präsident Donald Trump angekündigten Politik, „Drogenhändler und Kriminelle“ zuerst auszuweisen. Zuvor waren schon Aktivisten der Immigrantenszene, die andere Einwanderer über ihre Rechte informieren, verhaftet worden. Ihr einziges Vergehen: die illegale Einreise.

Die Situation in den USA spitzt sich zu. Viele Arbeiter trauen sich nicht mehr aus dem Haus, die Arbeit bleibt liegen. „Crain’s“ zitiert eine Studie von Farm Credit East, einem Landwirtschaftsfinanzierer. 1080 Farmen im Bundesstaat New York seien „sehr verwundbar“, wenn alle illegalen Arbeiter ausgewiesen würden. Im Klartext: Sie könnten Konkurs anmelden. Der Umsatz dürfte um 1,37 Milliarden Dollar fallen, insgesamt stünden 21.000 landwirtschaftliche Arbeitsplätze und 23.000 in Zulieferindustrien auf dem Spiel, darunter die von vielen US-Bürgern. Am Ende müssten vielleicht sogar mehr Lebensmittel importiert werden, unter Umständen aus Mexiko.

„Statt sich auf Leute zu konzentrieren, die eine Gefahr für Menschen und Land darstellen, zielt die Trump-Regierung auf alle und auch auf die, die auf Milchfarmen aushelfen und die ländliche Wirtschaft über Wasser halten“, kritisiert Bernie Sanders, unterlegener Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, das Vorgehen.

Doch Trump braucht Erfolge. Sein Einreisebann für muslimisch dominierte Länder ist vor Gericht zweimal gescheitert. Die groß angekündigte Abschaffung der Gesundheitsreform Obamacare und die Einführung eines abgespeckten Trumpcare-Pakets gingen spektakulär im Sperrfeuer des von den Republikanern beherrschten Kongresses unter. Eine Blamage sondergleichen. Nun muss Trump Härte zeigen und elf Millionen illegale Einwanderer sind da eine Chance, seiner Wählerschaft zu zeigen, dass er seine Versprechen doch einhält. Die Ausweisung dieser Menschen war ein weiteres Kernthema seines Wahlkampfs.


Weißes Haus nimmt sogenannte „Sanctuaries“ ins Visier

Am Montag trat denn auch Justizminister Jeff Sessions vor die Kameras und bekräftigte, das Weiße Haus werde ernst machen mit der Bestrafung der „Sanctuaries“, der rund 100 Zufluchtsorte für illegale Einwanderer in den USA. Diese arbeiten nicht mit der ICE zusammen und verzichten auf eine Identifizierung und Inhaftierung der Illegalen. Diesen Städten, darunter New York, San Francisco und Los Angeles, sollen Milliarden von Dollar an staatlichen Zuschüssen gestrichen werden. Weil solche Städte oder Bundesstaaten ihre Arbeitgeber nicht verpflichten, sich den Immigrationsstatus nachweisen zu lassen, ist es leichter möglich, dort illegal auf Farmen, in Restaurants oder Bars zu arbeiten.

Knicken die „Sanctuaries“ ein und lassen die ICE in die Städte, fürchten viele eine neue Eskalationsstufe. Aktivisten und Hilfsgruppen berichten schon von Abmeldungen bei Sozialprogrammen wie Essensmarken für Arme. Viele in den USA geborene Kinder aus armen Familien, also US-Bürger, bekommen diese Zuschüsse, auch wenn sich ihre Eltern illegal im Land befinden. Die Betroffenen befürchten, die ICE wird als erstes die Datenbanken der Sozialdienste durchforsten und dann Familien auseinanderreißen, indem sie die Eltern deportieren.

Das Ausbleiben der Arbeiter ist aber nicht nur auf Donald Trumps verschärfte Einwanderungs- und Rückführungspolitik zurückzuführen. Viele wollen auch einfach die schwere Arbeit nicht mehr machen. Das PEW-Research-Center schätzt die Zahl der mexikanischen Einwanderer auf nur noch rund 100.000 pro Jahr, vor zehn Jahren waren es noch gut 350.000.

„Kinder in Mexikos ländlichen Gebieten wachsen nicht mehr so auf wie früher, um Landarbeiter zu werden“, sagte Edward Taylor von der University of California Davis gegenüber der „Los Angeles Times“ und fügte hinzu: „Mexiko hat sehr erfolgreich Schulen in abgelegenen Gebieten gebaut und Kindern Zugang zu Bildung verschafft.“ Sie streben als Erwachsene in die aufstrebende mexikanische Industrie, die Facharbeiter sucht. Die Non-Profit-Organisation „Partnership for a New American Economy” hat ausgerechnet, dass der Arbeitskräftemangel die Produzenten von Obst und Gemüse in den USA schon 2015 Umsatzausfälle von 3,1 Milliarden Dollar gekostet hat.

Das betrifft auch die Kleinstadt Fresno in Kalifornien. Viele Farmen und eine konservative Einwohnerschaft machen die Stadt im brütend heißen Central Valley im demokratischen Kalifornien zu einer Hochburg von Donald-Trump-Unterstützern. Der wollte eigentlich Umweltregularien abschaffen, was die unter chronischem Wassermangel leidenden Wüstenfarmen auf Besserung hoffen ließ. Sie wollen mehr Grundwasser pumpen, doch stattdessen gibt es bislang weniger Arbeiter.

Bis zu 70 Prozent aller Farmarbeiter in den USA sollen mit falschen Papieren unterwegs sein. Das wissen auch die republikanischen Farmer. Sie hatten nur einfach nicht damit gerechnet, dass der Arbeitskräfteschwund in der Landwirtschaft der erste durchschlagende Erfolg der Trump-Regierung sein könnte. Kaliforniens Landwirtschaft spielt pro Jahr 35 Milliarden Dollar ein und liefert mehr als 50 Prozent der US-Produktion an Früchten und Gemüse. Da schaut man nicht so genau hin, wenn ein neuer Arbeiter keine Papiere vorlegen kann. Muss man auch nicht.

Christopher Ranch, die größte Knoblauch-Farm in den USA, fand derweil völlig unerwartet durch das Ausbleiben der saisonalen Wanderarbeiter ein Wundermittel, um Arbeitskräfte anzuheuern. Im Januar wurde der Stundenlohn von elf auf 13 Dollar erhöht. Schon im kommenden Jahr soll er auf 15 Dollar steigen, auch wenn in Kalifornien der Mindestlohn erst ab 2021 Pflicht wird.

Ken Christopher, Manager der Farm, räumte gegenüber der „Los Angeles Times“ ein, wie dramatisch der Effekt dieser Maßnahme war. Seit 2014 waren rund 50 Prozent der Arbeitsplätze verweist, und auch alle Werbemaßnahmen halfen nicht. Jetzt hat Christopher Ranch eine Warteliste von 150 Interessenten für frei werdende Stellen. Doch im Moment ist nichts frei. Die Knoblauch-Produktion läuft auf vollen Touren, die Röstöfen im kalifornischen Gilroy, der Knoblauch-Hauptstadt der USA, verströmen den typischen Geruch, der den Ort weit über seine Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht hat. Wie kommt man nach Gilroy, um sich zu bewerben? Einfach der Nase nach.

Quelle:  Handelsblatt Online
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