Jahrestag des Volksaufstands: Das Tiananmen-Trauma

ThemaChina

Jahrestag des Volksaufstands: Das Tiananmen-Trauma

Bild vergrößern

Bilder von den Protesten am 4. Juni 1989 sind im Museum am Tiananmen-Platz ausgestellt. 25 Jahre nach dem Massaker sind die Proteste zwar nicht vergessen, aber in den Hintergrund getreten

Das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens jährt sich zum 25. Mal. Doch China ist weiter im quälenden Spagat - zwischen ökonomischer Freiheit und politischer Repression.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie fällt oft unerwartet zurück auf die ungelösten Fragen der Vergangenheit. Vor genau 25 Jahren endeten die demokratischen Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking mit einem Blutbad. Tausende von Menschen starben im Maschinengewehrfeuer der 27. Feldarmee, die Chinas Führer Deng Xiaoping in die Hauptstadt kommandiert hatte. Für einen kurzen Moment des Schreckens schien es, als ob eine Milliarde Menschen erneut in einer maoistischen Diktatur versinken könnten. Viele erwarteten das Ende wirtschaftlicher Reformen, eine neue Ära der Isolation. Es kam anders.

Zum Autor

  • Bernd Ziesemer

    Ziesemer, 60, war von 1985 bis 1999 Redakteur der WirtschaftsWoche. Er berichtete aus Peking, Moskau und Tokio. Über China schrieb er das Buch „Auf dem Rücken des Drachen“. Der langjährige Chefredakteur des „Handelsblatts“ arbeitet heute als freier Autor.

In den Wochen vor und unmittelbar nach dem Massaker war ich als Reporter der WirtschaftsWoche in China unterwegs. Später kehrte ich mehrmals dorthin zurück. Seit einem Vierteljahrhundert lassen mich die Ereignisse vom Juni 1989 nicht los. Einige meiner chinesischen Freunde und Bekannten leiden sogar unter einem regelrechten Tiananmen-Trauma: eine Vergangenheit, die einfach nicht vergehen will. Für die Männer, die heute China regieren, gehört die Erinnerung an damals zum schwierigsten Erbe, das sie mitschleppen. Wer wissen will, wie es weitergeht mit der wichtigsten Zukunftsmacht der Welt, muss also 25 Jahre zurückschauen.

Anzeige

Der Herbst der Euphorie

Mitte Oktober 1988 reise ich für sechs Wochen nach Peking und Chongqing. In der Hauptstadt zieht es mich sofort zum Mao-Mausoleum auf den Tiananmen-Platz. Das riesige Areal vor dem „Tor des himmlischen Friedens“ hat sich an diesem Tag in einen bunten Rummelplatz verwandelt.

Fliegende Händler bieten am Hintereingang der gewaltigen Marmorhalle, in der Maos einbalsamierter Leichnam in einem Kristallsarg liegt, Erfrischungen, Spielzeug und Souvenirs feil. Liebespärchen posieren vor den Fotografen, Großväter lassen mit ihren Enkeln Drachen steigen.

Alles wirkt leicht und bunt, und es vergeht kein Tag, an dem chinesische Zeitungen nicht neue Reformen melden. Sie schreiben über Privatisierung, die weitere Öffnung zum Ausland, kulturelle Freiheit – und ja: auch über Demokratie. „Das Volk sollte mehr Rechte bekommen, die Arbeit der Regierung zu kritisieren, selbst die höchsten Kader“, fordert etwa die Zeitung „Renmin Ribao“.

Keine Tabus, keine Angst

In Chongqing nehmen sich die Studenten schon dieses Recht, das die Parteizeitung in Peking noch beschwört. Für fünf Wochen studiere ich Chinesisch an der Fremdsprachenhochschule dieser westchinesischen Metropole, in der mehr als 15 Millionen Menschen leben.

Auf dem Campus gibt es keine Tabus und keine Angst. Man schimpft über die Regierung in Peking und macht sich lustig über den tumben Parteisekretär vor Ort, der sich in die Lehrpläne des Englisch-Unterrichts einmischt, obwohl er selbst kein gerades Wort in einer Fremdsprache herausbringt.

Ein junger chinesischer Professor lädt mich ein, seinen Studenten über Medien und Pressefreiheit in Deutschland zu berichten. Lebhaft diskutiert seine Klasse anschließend, warum es in China so „wenig Wahrheit“ gibt in den Zeitungen, wie es eine junge Studentin ausdrückt.

Die jungen Chinesen haben große Träume. Wollen reich werden, wie es ihnen Deng Xiaoping versprochen hat. Wollen ins Ausland reisen, sich nicht mehr bevormunden lassen. Wollen aus der Enge ihrer Dörfer und Städte ausbrechen. Sie reden sich die Frustration vom Hals, dass es so langsam vorangeht mit den Veränderungen, die sie sich erhoffen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%