Japan: G8-Gipfel und die Medien: Oben und unten - drunter und drüber

Japan: G8-Gipfel und die Medien: Oben und unten - drunter und drüber

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Ein Protestplakat gegen die Erderwärmung versucht der als "Spiderman" bekannt gewordene Extremkletterer Alain Robert am Montag (07.07.2008) an der Fassade des Skyper-Hochhauses in der Innenstadt von Frankfurt am Main zu befestigen. Ungesichert kletterte der Franzose an der Glasfassade des Gebäudes empor. Hunderte Schaulustige beobachteten die spektakuläre Aktion vom Boden aus, die Polizei griff nicht ein, die Straßen um das Bürogebäude wurden abgesperrt.

Die G8-Führer und Berichterstatter trennen in Toyako unüberwindliche Hürden. Der Weltwirtschaftsgipfel findet so de facto unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Das Medienzentrum ist ein Fun-Hotel für Kinder mit Karussell und nervendem Lärm.

Wer hier ankommt, glaubt sich verfahren zu haben. Viele ausländische Journalisten und Gäste beim Weltwirtschaftsgipfel auf Japans Nordinsel Hokkaido hielten es erst für einen Witz oder mochten Ihren Augen nicht trauen: das Rusutsu-Medienzentrum, in dem auch die Umwelt- und Bürgerorganisationen bei G8 untergebracht sind, ist eigentlich ein Spaßhotel für Kinder.

Erstaunlicherweise haben sich die japanischen Organisatoren wenig Mühe gegeben, diesen infantilen Charakter der Herberge dem Ernst des Ereignisses anzupassen. Da hängen Märchenfiguren und Daddelhelden wie Pokemon von den Decken, da spielt eine Kapelle aus Plüschtieren in der Lobby unbeirrt vor sich hin. Der blaue „Alwick Road Train“ für Passagiere bis zu sechs Jahren zuckelt einsam um die Anlage.

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Die Ansammlung von Plüsch und Kitsch, der oft sogar „westlich“ wirken soll, ist stark gewöhnungsbedürftig. In der Hotelhalle dreht sich langsam und leer ein Kinderkarussell mit immer wieder kehrenden Melodien. Das nervt vor allem das deutsche und französische Medienbüro, die direkt darüber liegen.

Beschwerden bei der Hotelleitung helfen für maximal zwei Stunden, dann setzt sich der nostalgisch wirkende rot-weiße Rummelkreisel wieder in Bewegung. Daneben erklingen Weihnachtsmelodien, weil „White Christmas“ hier das ganze Jahr mit allem, was dazu gehört, verkauft wird. Nur der riesengroße Amüsierpark, der als grobe Umweltsünde mit Riesenrad, Achterbahn und Megawasserrutsche neben das Hotel geklotzt wurde, bleibt während der Gipfeltage ausnahmsweise geschlossen.

Die meisten der insgesamt rund 4000 Journalisten, die von diesem G8-Treffen berichten, wohnen und arbeiten im Rusutsu-Hotel und müssen zwangsläufig ein kindliches Gemüt mit- oder große Nachsicht aufbringen. Verständnis und Geduld sind ohnehin die gefragtesten Tugenden, denn mehr noch als unter der Kitschkulisse leidet das Gros der Gipfelgäste unter den Distanzen, die selten so groß und so deutlich waren wie diesmal in Japan.

Während Medien, Bürgerrechtler und die Mehrheit der Delegationsmitglieder „unten“ in Tälern wie Rusutsu der Dinge harren, treffen sich die Staats- und Regierungschefs „oben“ im noblen Windsor-Hotel, das mehr als 600 Meter hoch auf einem Berg über dem Toya-See thront und hermetisch abgeschirmt wird.

Wer nicht zum ganz engen Kreis der Top-Politiker zählt, hat keine Chance, auch nur in die Nähe des eigentlichen Tagungsortes zu kommen. Japans Sicherheitskräfte, noch vor acht Jahren beim G8-Gipfel in Okinawa erstaunlich entspannt, sind mit dem Verweis auf das Terrorjahr 2001 sowie auf die zurückliegenden Weltwirtschaftstreffen in Genua und Heiligendamm völlig kompromisslos. Für die rund 30 Kilometer zwischen dem Windsor oben und dem Medienzentrum in Rusutsu brauchen die Konvois mit allen Sicherheitskontrollen zwei Stunden und mehr.

Also begibt sich schon aus Zeitgründen keiner, der bei G8 und im erweiterten Kreis etwas zu sagen hat, in die Niederungen der Medien oder Bürgerbewegungen. Die politische Führungselite bleibt völlig unter sich. Journalisten, Diplomaten und NGOs aus aller Welt beschweren sich vehement über diesen „Gipfel unter Ausschluss der Öffentlichkeit“, aber die japanischen Organisatoren schütteln nur mitfühlend, aber unerbittlich mit den Köpfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich wenigstens – wenn alles gut geht – gegen den Widerstand der Gastgeber am Dienstag mit dem relativ kleinen Tross der rund 100 deutschen Medienvertreter treffen. In der kleinen Pizzeria „La locanda del pittore“ relativ weit unten am Fuße des Tagungshotels wird die Regierungschefin über ihre Eindrücke und Ergebnisse von diesem Gipfel berichten. Das wäre immerhin ein bemerkenswerter Abstieg aus dem wie eine Trutzburg wirkenden Luxushotel, den anderen Delegationen bei den Organisatoren noch nicht durchgeboxt haben.

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