Jauch-Talk zu Griechenland: „Wer weiß, wie lange das noch gut geht“

Jauch-Talk zu Griechenland: „Wer weiß, wie lange das noch gut geht“

, aktualisiert 07. November 2011, 08:48 Uhr
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Moderator Günther Jauch.

von Gabriela M. KellerQuelle:Handelsblatt Online

Griechenland hält die Welt in Atem: Erst das EU-Hilfspaket, dann ein Referendum, dann ein Rückzieher - und schließlich eine Übergangsregierung.  Sind die Griechen noch zu retten? Dieser Frage widmete sich Günther Jauch.

BerlinBei schwer abstrakten Themen greift der Mensch gern zu Metaphern.  Wenn es um die Eurokrise geht, bieten sich medizinische Sprachbilder an: Griechenland ist der „kranke Mann Europas“, dessen Siechtum eine hohe „Ansteckungsgefahr“ für andere angeschlagene Staaten wie Italien, Portugal oder Spanien birgt. Zeit also für eine Sprechstunde bei Günther Jauch. „Chaos-Tage in Griechenland – wer will die Griechen jetzt noch retten?“, hieß das Thema der Sendung am Sonntag.

Der Patient hat sich zuletzt verblüffend therapieresistent gezeigt. Kaum hatten sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf ein Hilfspaket geeinigt, versetzte Griechenlands Premierminister Georgios Papandreou Europa mit der Idee einer Volksabstimmung in helle Aufregung. Dann kam gleich wieder die Kehrtwende, das Referendum wurde abgesagt. Statt dessen tritt Papandreou nun zurück, und Griechenland kriegt eine Übergangsregierung.

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Auch in der deutschen Politik geht es hin und her: Bislang hieß es immer, Griechenlands Ausscheiden aus der Eurozone käme einer Katastrophe gleich. Mit einem Mal aber gilt ein Austritt des Krisenstaates nicht mehr als Tabu. „Blicken Sie nicht mehr durch oder erzählen Sie uns einen vom Pferd?“, fragte Jauch für seine Verhältnisse ungewöhnlich forsch. Die ehemalige Ärztin Ursula von der Leyen antwortete mit einem medizinischen Gleichnis: Stellen wir uns einen Patienten mit schwerem Herzleiden vor. Zunächst seien „zwei Dinge zu klären“, weiß die Bundesarbeitsministerin: Erstens sei wichtig, „dass er seine Lebensweise ändert.“ Also Schluss mit Rauchen und Trinken. Dann müsse aber auch sein Kreislauf stabilisiert werden, ehe es ab in den Operationssaal geht. Dem Moderator fiel gleich auf, dass an diesem Befund etwas nicht stimmt. „Eine Herzkrankheit ist doch gar nicht ansteckend!“, warf er sachkundig in die Diskussion.

Ansonsten aber lieferte die Runde wenig Erhellendes. Zwar hätte das Thema durchaus das Potenzial für eine interessante Debatte geboten. Kann man den Griechen noch zutrauen, mit Hilfe ihrer Euro-Nachbarn ihren Haushalt zu sanieren? Oder wäre ein Ausstieg der Hellenen aus der Eurozone nicht doch besser für alle, für die anderen Staaten der Eurozone ebenso wie für die Griechen selbst? Statt dessen aber wirkte die Diskussion hölzern und verspannt.

Die Politiker, Ursula von der Leyen und Gregor Gysi, Vorsitzender der Partei Die Linke im Bundestag, hatten offenbar jeweils eine These vorbereitet, die sie möglichst ungestört vortragen wollten. Eine klare Strategie im Umgang mit der Euro-Krise hatte keiner der beiden anzubieten. Die beiden Fachleute in der Runde, der Wirtschaftsprofessor Max Otte und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl dagegen bekamen so wenig Redezeit zugeteilt, dass auch sie der Sendung nicht mehr Tiefgang geben konnten.


Kein Ende der Krise in Sicht

Außerdem hatte sich der Runde noch der Journalist Michalis Pantelouris beigesellt, der sich selbst als „geborener Europäer und gelernter Hamburger“ vorstellte. Geladen war er jedoch als Griechenland-Deuter und Anschauungsobjekt. Damit es in der Sendung mit dem trockenen Thema etwas menschelt, wurde nämlich zu Beginn der Sendung ein Film über die Familie seiner Cousine in Griechenland eingespielt.  „Ein bisschen wie ein Krankenbesuch“ sei der in Athen gewesen, sagte er. Die Cousine, eine technische Zeichnerin, hat ihre Stelle verloren, ihr Mann, ein Ingenieur, ist auf Kurzarbeit. Und nun muss auch noch eine neu eingeführte Stromsteuer bezahlt werden. „Wer weiß, wie lange das noch gut geht“, raunte dazu eine Stimme apokalyptisch aus dem Off.

Das weiß auch Ursula von der Leyen nicht so genau. „Die Krise ist so tief und so schwer, dass ich nicht sagen kann, wann sie vorbei ist“, murmelte sie düster. Doch Griechenland könne nicht einfach fallen gelassen werden, schließlich stehe die „europäische Idee“ auf dem Spiel.  Zur Heilung des siechenden Staates verordnete von der Leyen eine strenge Diät: „Lippenbekenntnisse“ reichten nicht mehr aus. Von den Regierungen der Krisenstaaten sei nun ein konsequenter Reformkurs gefordert, nicht nur von Griechenland, auch von Italien. Die „Wurzel des Übels“, das sei die Höhe der Staatsverschuldung, und die müsse angegangen werden.

Gregor Gysi dagegen empfiehlt eine Aufbaukur: „Dieses Löhnekürzen, dieses Entlassen kann uns und Griechenland nicht helfen“, sagte er. Vielmehr sei das Gegenteil richtig: Statt die Menschen immer weiter zum Sparen zu zwingen, sollten Löhne und Renten besser angehoben werden, um die Binnenkonjunktur in Gang zu bringen.

Doch mittlerweile plädieren vier von fünf Deutschen in Umfragen dafür, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen, sofern das Land die Reformen nicht angeht. Das Kräfteverhältnis in Jauchs Sendung war genau umgekehrt: Vier der fünf Gäste sprachen sich für einen Verbleib Griechenlands in der Währungsunion aus. Als Quertreiber fungierte der Wirtschaftswissenschaftler Max Otte. Griechenland mache gerade 2,8 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung aus. Die Behauptung, Europäische Union oder der Euro würden fallen, wenn Griechenland fällt, sei damit eine glatte „politische Lüge“. Eine Rückkehr des Landes zur Drachme sei der einzig richtige Weg.


"Wer soll in Zukunft Staaten finanzieren?"

Etwas Tempo brachte die äußerst angriffslustige Wirtschaftsjournalistin Anja Kohl in die Sendung.  „Wer soll denn in Zukunft die Staaten finanzieren?“, rief sie in die Runde, kein privater Investor sei bald mehr bereit, das Risiko zu tragen. Die Wankelmütigkeit Griechenlands habe noch dazu beigetragen, das Vertrauen weiter abzuschwächen. Doch die aggressiven Zwischenrufe der Börsenexpertin führten letztlich auch nicht zu einer angeregten Diskussion, statt dessen redeten alle durcheinander; Kohl monierte die mangelnde „Rechtssicherheit“ in Griechenland und Pantelouris empörte sich, dass über sein Heimatland geredet werde „wie über einen Dritte-Welt-Staat.“

Dann gerieten von der Leyen und Gysi noch kurz aneinander. Als Gysi eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte forderte, spottete die Bundesarbeitsministerin, er spule den „Linke-Werbeblock“ ab. Dabei  sind sich die beiden im Grunde einig: Die Banken haben zu viel Macht.  Nur drücken sie es anders aus, weil es peinlich wäre, wenn das jemand merkt. Die „Ackermänner“ dieser Welt dürften nicht länger bestimmen, was die Politik macht, fasste Gysi zusammen. Es gehe nicht an, dass die Banken künftig immer wieder mit Steuergeldern gerettet würden, meinte von der Leyen.

In seinen bisherigen Sendungen hätten sich Gäste artig ausreden lassen, wandte Günther Jauch ein. Allerdings gewinnt der Moderator allmählich an journalistischem Profil. Zwar lässt er nach wie vor überwiegend die Gäste reden, anstatt das Gespräch zu lenken. Doch zunehmend bricht er das starre Muster staatstragender Abfragerei auf und wird bisweilen richtig aufmüpfig: Mehrfach bohrte er nach, wenn Ursula von der Leyen ihre auswendig gelernten Erklärungen aufsagte statt seine Fragen zu antworten. Als Gregor Gysi sich in seinem Vortrag nicht von sachlichen Einwänden ablenken lassen wollte, forderte er Argumente ein.

Dennoch zerfaserte die Debatte gegen Ende der Sendung zusehends. Mit welchem Mittel der finanziellen Schwindsucht am besten beizukommen wäre, konnte nicht geklärt werden; statt dessen wurden größtenteils bekannte Rezepte ausgestellt. Die Risiken und Nebenwirkungen hatte in diesem Fall der Zuschauer zu tragen, dazu zählten Langeweile, anhaltendes Gähnen und das zwanghafte Suchen der Fast-Forward-Taste auf der Fernbedienung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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