Jörg Asmussen: Macher statt Professor

Jörg Asmussen: Macher statt Professor

von Henning Krumrey

Der Chefvolkswirt – das ist gemeinhin ein arrivierter Ökonom, gern promoviert oder gar im Professorenrang, der in langjähriger Arbeit den Ruf der theoretischen Spitzenkraft erlangt hat; der am Besten in empirischen Studien den Wert der selbst gefertigten Gedankengebäude bewiesen hat; der nicht in Tagesaktualität denkt, sondern auf die langen Linien schaut. Jörg Asmussen ist alles Mögliche, aber das gerade nicht.

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Jörg Asmussen, Staatssekretär im Finanzministerium

Der künftige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, der Ende des Jahres die Nachfolge des zermürbt zurücktretenden Jürgen Stark übernimmt, ist ein Macher, ein geschmeidiger Verhandler, ein durch und durch politischer Mensch. Er gilt als ehrgeizigster Spitzenbeamter der Bundesregierung, und zugleich als einer der fähigsten. Wo Stark lieber spröde die reine Lehre vertrat, wird Jörg Asmussen im Vorfeld eine vertretbare Lösung suchen. Konfrontationen vermeiden, um Teilerfolge zu erzielen. In seiner bisherigen Funktion als beamteter Staatssekretär im Bundesfinanzministerium sah er zwar alle ökonomischen Argumente, die am Erfolg der Griechenlandhilfe zweifeln ließen. Aber er verfolgte auch den Auftrag seiner Dienstherren, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Bisher beeindruckte er auch dadurch, dass er – gedanklich und politisch – die zahlreichen Bälle in seinem Terrain sauber in der Luft halten konnte.

Asmussen gilt als Verfechter der Deregulierung

Asmussens Kritiker – vor allem aus der heutigen Opposition – sehen seinen Wechsel zur EZB als gerechte Strafe. Nun müsse er all die Fehler ausbügeln, die er in nationaler Zuständigkeit mit verursacht habe. Dabei zielen sie weniger auf die diversen Hilfspakete und Rettungsschirme als auf den Aufschwung des Finanzmarktkapitalismus, den Höhenflug von Hedgefonds und Investmentbanken. Denn Asmussen gilt auch als Verfechter der noch von Rot-Grün verabschiedeten Deregulierung der deutschen Finanzmärkte.

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Abgeordnete aus Union und FDP waren in den ersten Monaten der neuen schwarz-gelben Koalition erbost, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble den Sozialdemokraten Asmussen nicht in den einstweiligen Ruhestand versetzt hatte, obwohl der sogar auf SPD-Parteitagen zu sehen war. Doch Schäuble scheute nicht nur vor den Schlagzeilen zurück, er würde einen gerade mal 43-Jährigen zum gut bezahlten Frühpensionär machen. Er konnte auch auf die Expertise des Finanzfachmanns nicht verzichten. Eingefleischte bürgerliche Parteigänger gab es nach elf Jahren SPD-Herrschaft im Finanzministerium auf den Führungsetagen kaum. Schon gar nicht im Bereich Finanzmarkt und internationale Finanzpolitik. In diesen Bereichen hatte sich Asmussen seit 2002 getummelt – zuerst mit 35 Jahren als jüngster Unterabteilungsleiter der Regierung, schließlich als Staatssekretär.

Asmussen: Karriere unter Hans Eichel

Sein aussichtsreicher Nachfolger auf einer der anspruchsvollsten Positionen, die die Bundesregierung zu vergeben hat, gilt der derzeitige Leiter der Europaabteilung im Finanzministerium, der 49-jährige Thomas Steffen. Er hat neun Jahre lang in der Bafin die Versicherungsaufsicht geleitet. Mit ihm verfügt Schäuble endlich wieder über einen CDU-nahen Fachmann, dem er guten Gewissens die heikle Aufgabe anvertrauen könnte. Denn Steffen hat seit seinem Amtsantritt vor elf Monaten alle Verhandlungsschritte in der EU und im Euroraum mitgemacht.

Karriere gemacht hatte Asmussen unter dem SPD-Finanzminister Hans Eichel. Zwar war der junge Volkswirt schon 1996 als Referent für internationale Wirtschafts- und Währungsentwicklung in das Ministerium eingetreten. Doch der Karriereturbo zündete erst mit dem Ende der Regierung Kohl. Vom persönlichen Referenten des Staatssekretärs folgte der Umzug ins Ministerbüro. Danach gab es kein Halten mehr.

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