Journalist Richard Gutjahr in Nizza: „Die Panik begann mit den Schüssen“

Journalist Richard Gutjahr in Nizza: „Die Panik begann mit den Schüssen“

, aktualisiert 15. Juli 2016, 15:09 Uhr
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Richard Gutjahr ist Moderator, Journalist und Blogger. Während des Anschlags war er auf einer privaten Reise in Nizza.

von Kevin KnitterscheidtQuelle:Handelsblatt Online

Der Journalist Richard Gutjahr ist auf einer Reise in Nizza und filmte den Anschlag aus nächster Nähe. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse und wie es zu dem Blutbad kam.

Herr Gutjahr, wie haben Sie die Nacht verbracht?
Ich bin gerade im Hotel Westminster, wenige Meter vom Tatort entfernt. Die Polizei hat das gesamte Gelände abgesperrt, niemand kommt herein oder heraus.

Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Anschlags?

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Ich war direkt an der Anschlagsstelle und habe gefilmt, wie der Lkw auf die Menschenmenge zufährt. Den ganzen Nachmittag herrschte Volksfeststimmung auf der Promenade, ähnlich wie beim Public Viewing während der Europameisterschaft. Die Menschen beobachteten die Polizei- und Militärparade und später die Düsenjets, die anlässlich des Nationalfeiertags eine Flugshow präsentierten. Die Atmosphäre war ausgelassen. Um 22.15 Uhr begann das Feuerwerk, für eine Dreiviertelstunde. Danach ging die Party los. Zu diesem Zeitpunkt waren noch viele Familien und viele Kinder auf der Straße. Musikbands haben gespielt.

Sie haben den Lkw gefilmt, schon bevor Menschen zu Schaden kamen. Weshalb?
Als der Fahrer des Lkw auf die Menschen zusteuerte, war das eigenartig. Ich weiß nicht, warum ich die Kamera ausgepackt habe, das war ein Instinkt. Dann kam der Motorradfahrer, der versuchte, das Fahrzeug aufzuhalten. Da fuhr der Lkw noch Schrittgeschwindigkeit oder höchstens 30 km/h. Der Motorradfahrer fuhr sehr schnell und versuchte, während der Fahrt ins Fahrerhaus einzudringen, stürzte aber und wurde dabei überrollt, wie auch im Video zu sehen ist. Dann reagierten zwei Polizisten, die daneben standen.

Wie?
Sie eröffneten das Feuer, mit sehr gezielten Schüssen auf die Fahrerkabine des Lkw. Danach begann der Zick-Zack-Kurs des Fahrers, bis er an der nächsten Straßenecke zum Stehen kam. Erst nach den Schüssen der beiden Polizisten begann das Blutbad. Dann waren wieder Schüsse zu hören, 15 bis 20 Sekunden lang, in schneller Abfolge. Da bin ich in Deckung gegangen.

Wann war Ihnen klar, dass es sich um einen Anschlag handelt?
Erst mit dem Schusswechsel. Vorher habe ich noch gerätselt, ob der Fahrer vielleicht betrunken ist. Auch die Panik begann mit den Schüssen. Menschen flüchteten in nahegelegene Häusereingänge und Hotellobbys.


„Die Straße war gesäumt mit Polizisten“

Wie haben sich die Einsatzkräfte verhalten?
Die Straße war wegen der Feierlichkeiten schon vorher gesäumt und gespickt mit Polizisten. Medienberichte, wonach zu wenige Einsatzkräfte vor Ort gewesen wären, kann ich nicht bestätigen. Nachdem der Lkw zum Stehen kam, wurden wir gebeten, ins Hotel zu gehen. Dort habe ich das weitere Geschehen vom Balkon im ersten Stock aus weiterverfolgt.

Wurden Sie darüber informiert, was passiert war?
Nein. Die Einsatzkräfte hatten genug damit zu tun, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Was genau passiert ist, habe ich erst aus dem Internet erfahren.

Sie sind viel in den sozialen Medien vertreten. Haben Sie die Geschehnisse dort auch verfolgt?
Ich wollte vermeiden, dass ich unbedacht Fotos oder Videos poste, und habe deshalb auf die sozialen Netzwerke verzichtet. Das Material, das ich gesammelt habe, habe ich inzwischen verschiedenen Redaktionen zukommen lassen, die das mit Abstand und Professionalität verwerten. Nur ein Foto habe ich zu Dokumentationszwecken über mein Twitter-Profil geteilt.

Wie geht es nun für Sie weiter?
Die Touristen dürfen nach und nach abreisen, aber es gibt noch Probleme etwa wegen Fahrzeugen, die noch im Absperrgebiet geparkt sind und deshalb nicht bewegt werden können. Viele brechen ihren Urlaub ab. Einige haben auch gar nicht genau mitbekommen, was passiert ist. Auf der Straße ist es menschenleer, außer den Behörden ist niemand mehr auf der Promenade.

Herr Gutjahr, vielen dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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