Julian Assange: Cyber-Schurke oder Streiter für Transparenz?

Julian Assange: Cyber-Schurke oder Streiter für Transparenz?

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Assange

Für Wikileaks-Gründer Julian Assange hat am Montag die entscheidende Phase im Streit um seine Auslieferung nach Schweden begonnen. Das Gericht will bis Dienstag entscheiden, ob einem Auslieferungsantrag der schwedischen Justiz stattgegeben werden kann. Assange lebt derzeit unter strengen Auflagen bei einem Freund in Großbritannien. Die schwedische Justiz wirft dem Australier Sexualdelikte vor. Er soll im August 2010 in Stockholm Sex mit zwei Frauen gehabt werden - gegen den Willen der Frauen ungeschützt. Die Vorwürfe waren von der schwedischen Polizei zwischenzeitlich fallengelassen, dann aber wieder aufgenommen worden. Assange bestreitet jede Schuld.

Auf einem Forum in Kalifornien im vergangenen Jahr äußerte sich WikiLeaks-Gründer Julian Assange ganz ruhig zu Themen wie Gerechtigkeit und Transparenz. Und dann beschrieb er, wie die Enthüllungsplattform einmal mit einem Gegner in einem Rechtsstreit umging: „Wir haben sie zerquetscht wie ein Insekt“, sagte Assange und untermalte seine Aussage mit einer Fingerbewegung. Die gewaltsame Rhetorik passte so gar nicht zu Assanges verbindlicher Fassade, und das Publikum reagierte überrascht.

Assange ist ein Rätsel, ein Spiegel dessen, was Menschen in ihm sehen möchten - wahlweise einen Cyber-Schurken oder eine treibende Kraft für die offene Gesellschaft. Er wirkt vielschichtig und ein wenig sonderbar, und er kultiviert das Mysterienhafte seiner Person. Ein Blick auf die intellektuellen Einflüsse, die ihn geprägt haben, zeigt, dass der 39-jährige Australier ohne festen Wohnsitz seit langem zürnt über Ungerechtigkeiten, die zu viel Macht seiner Ansicht nach mit sich bringt, und dass er seit langem Angst vor Verfolgung hat.

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Assanges Enthüllungsplattform veröffentlichte in den vergangenen Monaten geheime Dokumente zu Afghanistan und zum Irak sowie eine Fülle von diplomatischen Depeschen der USA, die die Großmacht in Verlegenheit brachten. Washington sieht mit den Veröffentlichungen die nationale Sicherheit gefährdet. Am 7. Dezember wurde Assange in Großbritannien festgenommen, nachdem er sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden der britischen Polizei gestellt hatte. Der 39-Jährige hat die Vorwürfe zurückgewiesen und von einer Intrige gesprochen. Er wehrt sich gegen eine Auslieferung nach Schweden.

Sein selbstgeschaffenes Image als einsamer Streiter gegen die herkömmliche Ordnung hat möglicherweise viel mit seinen literarischen Wurzeln zu tun. Computer sind sein Leben, doch Bücher sind es auch. George Orwell, der beschrieb, wie Macht korrumpiert und wie totalitäres Ideengut auf Lügen basiert, hatte starken Einfluss auf ihn. Ebenso der US-Schriftsteller Kurt Vonnegut, der für Satire und Nonkonformismus steht, sowie der Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der die Schrecken sowjetischer Arbeitslager beschrieb. „Wenn es ein Buch gibt, dessen Empfindung mich fesselt, ist es „Der erste Kreis (der Hölle)' von Solschenizyn“, schrieb Assange 2006. „Wie stark die Parallelen zu meinen eigenen Abenteuern sind! Solche Verfolgung in der Jugend ist eine Schlüsselerfahrung. Den Staat als das zu sehen, was er wirklich ist!“

Assange arbeitet an Buch mit

Als Jugendlicher in Australien verschaffte sich Assange als Hacker Zugang zu Computern. Er wurde 1991 festgenommen und erhielt eine Geldstrafe. Es wird allgemein angenommen, dass seine Geschichte in „Underground“ dokumentiert wird, einem Buch von 1997 über Hacker, an dem Assange mitarbeitete. Zahlreiche Medien haben Mendax, einen Hacker in dem Buch, als Assange identifiziert. „Underground“ geht der Psychologie der Hacker nach, beschreibt ihre Rivalitäten, ihre Egos und ihre Getriebenheit, die persönlichen Probleme einiger und das euphorische Gefühl von Macht, das sich einstellte, wenn sie in ein Netzwerk eingedrungen waren und seine Strukturen beherrschten. Eine australische Hackergruppe, die in dem Buch auftaucht, nennt sich „Die internationalen Subversiven“, und Assange soll dort Mitglied gewesen sein.

Assange unterstützte die Autorin Suelette Dreyfus beim Schreiben des Buchs mit Analysen und technischer Expertise. Sie erinnert sich daran, dass Assange ein großer Fan von Orwells „Farm der Tiere“ gewesen sei, ebenso wie von Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“, der in der Zeit der Stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren spielt. „Das hat vielleicht einen Nerv bei ihm getroffen und auf fiktive Art ins Thema eingeführt: wie Gesellschaften ohne Transparenz und offene Regierung kippen können“, schrieb Dreyfus in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AP. Assange habe auch die griechischen Klassiker wie Aeschylus, Euripides und Sophokles gelesen und sie seinem Sohn Daniel vorgelesen, der heute in der Softwareentwicklung arbeitet. „Er wusste, dass die Literatur der Antike für den Blick auf die Gesellschaft eine moralische Linse bot.“

„Für Julian erschien das Entstehen des Internets Anfang der 90er Jahre in Australien wie die Eröffnung des Bonbonladens! Er war ein Jugendlicher und Teil einer Gruppe junger Leute, die vom Netz und vom völligen Fehlen von Sicherheit bei damaligen Computern fasziniert waren“, erklärt Geoff Huston, ein australischer Netzwerkexperte, der im Prozess gegen Assange in den 90er Jahren vor Gericht aussagte.

Von den technologischen Aspekten abgesehen, entwickelte Assange in jener von Widerstand gegen die Atomkraft geprägten Zeit auch ein politisches Bewusstsein sowie eine Art von Underdog-Individualismus. „Ich bin einer ländlichen Stadt in Queensland aufgewachsen, wo die Menschen offen sagten, was sie dachten. Sie haben einem übermächtigen Staat misstraut als etwas, was korrumpiert werden kann, wenn man nicht genau darauf achtet“, schrieb Assange Anfang Dezember in einem Beitrag für die Zeitung „The Australian“.

Verschlossener Führungsstil

Vor Jahren stellte Assange Einträgen in einem inzwischen nicht mehr existierenden Blog ein Zitat des deutschen Anarchisten Gustav Landauer voran, der 1919 von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten ermordet wurde. Assange unterstellte, dass einige Großkonzerne Nationalstaaten gleichkämen, frei von jeder Rechenschaftspflicht. Und er gab auch bereits früh einen Einblick in das, was er über die ungenehmigte Weitergabe von Informationen denkt. „Je verschlossener oder ungerechter eine Organisation ist, desto stärker rufen Informationslecks Angst und Paranoia in ihrer Führung und ihren Planungsklüngeln hervor,“ schrieb Assange. Sie seien für jene, die sie durch offenere Regierungsformen ersetzen wollten, besonders angreifbar mit Hilfe des massenhaften Durchsickerns von Informationen.

Frühere Mitstreiter haben einen autokratischen, verschlossenen Führungsstil Assanges kritisiert. Er selbst sang in einem Blogeintrag 2007 das Hohelied von Aktivismus und Selbstaufopferung, inspiriert möglicherweise von seinen literarischen Vorbildern. „So sehr ich es auch versuche, ich kann dem Klang des Leidens nicht entkommen“, schrieb Assange. „Als alter Mann werde ich mich vielleicht gerne damit trösten, in einem Labor herumzuwerkeln und an einem Sommerabend freundlich mit Studenten zu sprechen und werde Leiden mit Sorglosigkeit akzeptieren. Aber nicht jetzt; Männer in ihren besten Jahren, wenn sie Überzeugungen haben, haben den Auftrag, danach zu handeln.“

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