Kairo-Düsseldorf: Flugchaos: Menschliche Netze funktionieren

Kairo-Düsseldorf: Flugchaos: Menschliche Netze funktionieren

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Zitadelle Saladin in Kairo

von Hans Jakob Ginsburg

Wie WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg von Ägypten nach Hause kam.

So ähnlich ist es Ihnen vielleicht auch ergangen wie dem nach Ägypten entsandten WirtschaftsWoche-Redakteur vergangenen Freitag. Nichtsahnend und unausgeschlafen steht er frühmorgens an der Rezeption seines Hotels und der höfliche Rezeptionist teilt ihm mit, dass der Bus pünktlich um sieben zum Flughafen startet, „but all the flights to Europe are cancelled". Der Journalist fällt aus allen Aschewolken, denn gestern Abend ist es spät geworden und in Ägypten gibt es Interessanteres zu erfahren als die normalen „breaking news" der internationalen Fernsehsender (aber darüber demnächst mehr in der gedruckten Wirtschaftswoche!).

Trotz oder gerade wegen der Warnung Fahrt zum Kairoer Flughafen, wo das erwartete Chaos nicht stattfindet. In Ägypten ist freitags Wochenende, das mindert den Andrang. Aber natürlich findet der Flug nach Frankfurt nicht statt. Auf der Anzeigetafel ist zu erfahren, dass Flüge nach Doha oder Dschibuti planmäßig starten, keine vernünftige Alternative. In einem viel zu kleinen Raum formt sich eine lange und überraschend disziplinierte Schlange vor einem Informationsschalter.

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Passagiere auf dem Wiener Quelle: AP

Passagiere auf dem Wiener Flughafen Schwechat

Bild: AP

Ägypter scheinen zu Hause bei Behördengängen und auf Reisen so viel Ungemach gewöhnt zu sein, dass auch ein Vulkan mit unaussprechlichem Namen sie nicht in Panik versetzt. Bei manchen Europäern scheint das anders, peinliche Reden hinter mir lassen hoffen, dass kein Einheimischer hier Deutsch versteht. Ist aber auch egal, denn die Schlange bewegt sich schnell vorwärts, und am Ende fragt mich der Egypt-Air-Bodensteward, ob ich in zweieinhalb Stunden nach Wien fliegen oder auf meinen Frankfurt-Flug warten will. Die Antwort fällt nicht schwer, und mit einer Bordkarte für den Flug MS 587 versehen werde ich schnell meinen Koffer los und darf mich den Verlockungen des Duty-Free-Shops (lohnt nur für Raucher und Whiskytrinker) und der Flughafengastronomie (erinnert unangenehm an deutsche Bahnhöfe) hingeben.

In nagelneuer Boeing nach Wien

Macht ja nichts. Egypt-Air, eine international eher unauffällige Airline, hat fantastisch reagiert. Sie verzögern den flugplanmäßigen Start nach Wien um eine gute Stunde und setzen eine nagelneue Boeing 777-300 ER ein, sozusagen das Flaggschiff der staatlichen ägyptischen Fluggesellschaft, die eigentlich nur die langen Strecken nach Ostasien bedienen soll. Und um kurz vor zwölf mit über 500 Passagieren aufbricht, die am Abend lieber in Wien sein wollen als in Kairo, wenn schon aus London oder Paris nichts wird, oder eben aus Düsseldorf.

Bratislawa (Slowakei) Quelle: REUTERS

Bratislawa (Slowakei)

Bild: REUTERS

Wunderbarer Flug durch den Sonnenschein, aber in Wien um halb vier ist Schluss. Wir sind die letzte Maschine, die in Wien-Schwechat landen darf, bevor auch Österreich seinen Luftraum schließt. Die Schnellbahnfahrkarte zum Wiener Westbahnhof ist schnell gekauft, aber dort herrscht genau das Chaos, das am Flughafen Kairo so angenehm gefehlt halt. Und wann der nächste Zug nach Deutschland mit Stehplatzkapazität geht, ist keineswegs klar. Dafür gehen Busse – nicht nach Hause, wohl aber in die Nachbarstädte und -länder. Der deutsche Journalist besinnt sich auf Freunde in Bratislava, der slowakischen Hauptstadt, von Wien keine Stunde mit dem Autobus entfernt. Die Adresse hat er im Kopf, die Telefonnummer im Handy gespeichert – und fünf oder sechs Stunden nach dem Aufbruch aus Kairo ist das Wochenende gerettet.

Doch wie kommt man von der Donau an den Rhein? Viel leichter als gedacht. Die eigenen Freunde erzählen Freunden und Bekannten von dem unverhofften Besucher vom Nil, und die slowakischen Buschtrommeln erreichen irgendwie einen Menschen, der dienstlicher Termine wegen nach Amsterdam fliegen wollte und jetzt notgedrungen mit dem Auto fährt. Die Fahrgemeinschaft ist schnell beschlossen, die halbe Fahrt wird rege gestritten, ob der deutsche Beifahrer sich an den Fahrkosten beteiligen darf. Er darf es am Ende nicht, aber jetzt ist ein größeres Geschenk fällig. Strittig war auch, ob man über die ganze Geschichte etwas schreiben darf. Darf der Journalist am Ende, nachdem er versprochen hat, die Identität seines bescheidenen Nothelfers im Dunkeln zu lassen.

Kein großes Problem, aber dank des Vulkanausbruchs – oder doch dank der übervorsichtigen Aufsichtsbehörden? – wissen wir jetzt, dass Vernetzung und schlichte Hilfsbereitschaft überlebenswichtige Ressourcen sind. Gerade wenn die hochtechnischen Netze unserer modernen Lebenswelt ausfallen.

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