Kampf gegen Terror-Gruppe "Isis": Im Irak geht nichts mehr ohne Teheran

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Kampf gegen Terror-Gruppe "Isis": Im Irak geht nichts mehr ohne Teheran

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Noch sieht BP in den Kämpfen im Irak keine Gefahr für die Ölförderung. Aber der Bürgerkrieg zwischen den Ölfeldern geht weiter

von Hans Jakob Ginsburg

Der Westen hat im Irak auf die Falschen gesetzt und erlebt ein Desaster. Von der Isis-Invasion profitiert ausgerechnet der Iran.

Alles halb so schlimm? BP-Konzernchef Bob Dudley versichert, dass der Gewaltausbruch im Irak die Aktivitäten des britischen Energieriesen im Land bisher nicht beeinträchtige. „Wir sind einfach nur sehr vorsichtig und haben einige nicht so wichtige Mitarbeiter abgezogen, aber die Produktion geht weiter“, sagt Dudley. Vom Bürgerkriegsland Syrien aus sind islamistische Terroristen der schlimmsten Sorte in den erdölreichen Irak eingefallen, haben Mossul erobert, die zweitgrößte Stadt, und stehen bedrohlich nahe vor der Hauptstadt Bagdad. Aber BP ist in beruhigendem Abstand vom Kriegsgeschehen tätig, vor allem auf dem riesigen Ölfeld Rumaila weit im Süden des Landes. Wer in dieser Gegend des Irak zur Waffe greift, ist in aller Regel ein schiitischer Freiwilliger, gerüstet zum Kampf gegen die Eindringlinge weiter nördlich.

Elf Jahre nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak haben sich fast alle großen Erdölunternehmen der Welt dort etabliert. BP arbeitet in Rumaila mit dem chinesischen Konzern CNPC zusammen; auf anderen Ölfeldern sind ExxonMobil, Royal Dutch Shell, Gazprom Neft tätig geworden. Die Ölvorkommen sind alle irakisches Staatseigentum, die Regierung in Bagdad hat 2009 und 2010 langfristige Kooperationsabkommen mit vielen internationalen Unternehmen geschlossen. Aus Sicht der Konzernzentralen in London, New York oder Moskau sieht das immer noch außerordentlich lukrativ aus: Der Irak ist das Land mit den weltweit fünftgrößten bekannten und nutzbaren Rohölreserven der Welt.

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Fakten zum Terror im Irak

  • Wer verbirgt sich hinter ISIS/IS?

    Die Terrorgruppe ISIS („Islamischer Staat im Irak und in Syrien“) ist eine im Syrienkrieg stark gewordene Miliz. Die Gruppe steht seit 2010 unter Führung eines ambitionierten irakischen Extremisten, der unter seinem Kriegsnamen Abu Bakr al-Baghdadi bekannt ist. Die USA haben zehn Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Ihm ist es in den vergangenen vier Jahren gelungen, aus einer eher losen Dachorganisation eine schlagkräftige militärische Organisation zu formen. Ihr sollen bis zu 10.000 Kämpfer angehören.

    Die Gruppe nannte sich Ende Juni in IS um, da sie die Einschränkung auf den Irak und Syrien aufheben wollte.

  • Was sind die Ziele von ISIS?

    ISIS sind Dschihadisten, Gotteskrieger. Sie kämpfen für eine strikte Auslegung des Islam und wollen ihr eigenes „Kalifat“ schaffen. Ihre fundamentalistischen Ziele verbrämt Isis bisweilen - wenn es in einzelnen Regionen gerade opportun erscheint. „Im Irak gerieren sie sich als Wahrer der sunnitischen Gemeinschaft“, weiß Aimenn al-Tamimi, ein Experte für die militanten Einheiten in Syrien und im Irak. „In Syrien vertreten sie ihre Ideologie und ihr Projekt weit offener.“ In der syrischen Stadt Rakka beispielsweise setzen die Extremisten ihre strikte Auslegung islamischer Gesetze durch. Aktivisten und Bewohner in der Stadt berichten, dass Musik verboten wurde. Christen müssen eine „islamische Steuer“ für ihren eigenen Schutz zahlen.

  • Welche Taktik verfolgt ISIS?

    Ihre Taktik ist eine krude Mischung von brutaler Gewalt und Anbiederung - alles zwischen Abschreckung durch das Köpfen von Feinden und Eiscreme für die Kinder in besetzen Gebieten. Das alles dient der Al-Kaida-Splittergruppe Isis nur zu einem Ziel: den Islamischen Staat im Irak und Syrien zu bilden, den ihr Name verheißt. Die Gruppe, der bis zu 10.000 Kämpfer angehören sollen, hat diese Woche die irakischen Städte Mossul und Tikrit überrannt und den Marsch auf Bagdad angekündigt.

  • Wie weit ist ISIS damit gekommen?

    Zu Jahresbeginn hatte Isis bereits die Stadt Falludscha und Teile der Provinz Anbar westlich von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht. Inzwischen hat ISIS maßgeblichen Einfluss auf ein Gebiet, das von der syrisch-türkischen Grenze im Norden bis zu einem Radius von 65 Kilometern vor der irakischen Hauptstadt reicht. Der einstige Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida, den US-Truppen vor ihrem Abzug aus dem Irak 2011 besiegt zu haben meinten, blüht in einer neuen Inkarnation wieder auf. Dabei profitiert Isis von den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, die ihre sunnitische Anhängerschaft radikalisieren.

    Bislang drangen ISIS-Kämpfer bis zur Provinz Dijala knapp 60 Kilometer nördlich von Bagdad vor. Rund 50 Kämpfer sollen dort laut Medienberichten bei Gefechten mit der irakischen Armee getötet worden sein. Die Isis habe sich daraufhin zurückgezogen, hieß es. Mittlerweile haben die Kämpfer die Städte Dschalula und Sadija in der Provinz Dijala unter ihre Kontrolle gebracht. Die Städte liegen 125 beziehungsweise 95 Kilometer von Bagdad entfernt.

  • Wie finanziert sich ISIS?

    Nach dpa-Informationen erbeuteten ISIS-Kämpfer in Mossul 500 Milliarden irakische Dinar (318 Millionen Euro) in der Zentralbank. Damit wird Isis zur reichsten Terrororganisation vor Al-Kaida. Experten schätzen das Vermögen der Al-Kaida auf 50 Millionen bis 280 Millionen Euro. Auch schweres Kriegsgerät soll ISIS erbeutet haben. Im Netz kursierende Videos zeigen irakische Panzer und Helikopter mit der schwarzen Flagge der Isis bei einer Militärparade in Mossul.

  • Welche Auswirkungen hat der Feldzug von ISIS auf die Bevölkerung?

    Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf Isis Bombenanschläge in Wohngebieten, Massenexekutionen, Folter, Diskriminierung von Frauen und die Zerstörung kirchlichen Eigentums vor. Einige Taten kämen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen sind mittlerweile rund eine Million Iraker auf der Flucht. Viele versuchten das als stabil geltende kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zu erreichen. Allein in Mossul waren binnen weniger Stunden 500.000 Menschen vor den Extremisten geflohen.

  • Warum ruft der Irak nicht den Notstand aus?

    Ministerpräsident Al-Malikis Versuch, am 12. Juni 2014 den Notstand auszurufen, war am Parlament gescheitert, das eine Abstimmung wegen mangelnder Beteiligung verschob. Seit Monaten zeigt sich Al-Maliki praktisch machtlos gegen den Terror sunnitischer Extremisten im Land. Dieser kostete seit April 2013 Tausenden Menschen das Leben.

  • Bekommt der Irak Unterstützung?

    Der UN-Sicherheitsrat sagte der irakischen Regierung einmütig Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus zu. Die Nato und Großbritannien schlossen einen militärischen Eingriff aus. Auch der iranische Präsident Hassan Ruhani hat dem Nachbarland die uneingeschränkte Solidarität im Kampf gegen die Terrorgruppe Isis zugesichert. Sowohl auf regionaler als auch internationaler Ebene werde der Iran alles im Kampf gegen die Terroristen im Irak unternehmen, sagte Ruhani dem irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki. Mittlerweile prüft die US-Regierung auch militärische Optionen.

Weil unter Saddam Husseins Diktatur und in den ersten Jahren nach dem amerikanischen Einmarsch von 2003 kaum neue Felder erschlossen wurden, verzeichnet das Land derzeit außergewöhnliche Steigerungsraten von Fördermengen und Einnahmen. Von 2009 bis 2013 stieg die gesamte Erdölproduktion im Irak nach Angaben von BP um 28 Prozent, bis in den Mai 2014 setzte sich diese Entwicklung nach Schätzung aller Experten fort. Und die Wirtschaft wächst seit 2011 mit jährlichen Raten von jeweils mehr als acht Prozent, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt inzwischen mit 7100 Dollar pro Kopf wieder im arabischen Durchschnitt, knapp hinter Algerien und deutlich vor Ägypten.

Keine Ruhe mehr im Norden

Aber eigentlich gibt es den Irak als einheitlichen wirtschaftlichen oder politischen Raum schon lange nicht mehr. Das Land zerfällt nicht nur religiös und kulturell in drei sehr unterschiedliche Teile. Die Ölfelder finden sich zum kleineren Teil im Norden des Landes, der im Wesentlichen von Kurden bewohnt wird und sich seit Jahren von den arabischen Landesteilen zu separieren sucht. Rund um die kurdische Provinzhauptstadt Erbil hat sich in den vergangenen fünf Jahren eine Oase der Stabilität und marktwirtschaftlichen Entwicklung etabliert, fast alle der etwa 150 im Irak tätigen deutschen Unternehmen haben sich hier angesiedelt, in aller Regel mit Verkaufsbüros. Nach der Invasion der Terroristen-Armee ist die irakische staatliche Armee aus allen nördlichen Landesteilen verschwunden. Die Kurden sind in das Vakuum vorgestoßen und haben die ölreiche Gegend um die Stadt Kirkuk in Besitz genommen. Erster Schritt zu einem von Bagdad ganz unabhängigen, ölreichen Kurdistan? Oder Eröffnung einer neuen Front im Bürgerkrieg, sobald die Terroristenführer sich stark genug fühlen, die ihnen verhassten Kurden zu attackieren? Das ist noch unklar.

Mit der Ruhe in Kurdistan ist es jedenfalls vorbei. Denn ein unabhängiger Staat im Nordirak ist für die Nachbarn Iran und Türkei eine Horrorvorstellung, schon wegen der mehr oder weniger unterdrückten kurdischen Minderheiten auf eigenem Staatsgebiet. Erst einmal wird die Türkei allerdings den irakischen Kurden gegen die Terroristen beistehen müssen. Denn die haben die Pipeline zwischen Erbil und dem türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan unter Beschuss genommen und türkische Bürger als Geiseln genommen. Die Regierung in Ankara muss jetzt dieselben terroristischen Glaubenskämpfer abwehren, denen sie seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor drei Jahren ein sicheres Hinterland geboten hat.

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