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Kapitalismusdebatte: Scharfe Kritik des Vatikan

von Dieter Schnaas

Papst Benedikt XVI. seziert in seiner Sozialenzyklika "Caritas in veritate" den Kapitalismus - und beschämt mit seiner scharfen Analyse die Vertreter aller deutschen Parteien.

Es kommentiert WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas
Es kommentiert WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas

Papst Benedikt XVI. und die katholische Kirche haben es ihren Spöttern und Kritikern in den vergangenen Monaten sehr leicht gemacht.

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Die Rehabilitation der erzkonservativen Pius-Bruderschaft, die Wiederaufnahme der Bekehrungsformel in die Karfreitagsliturgie, der katastrophal zögerliche Umgang mit Holocaust-Leugner Bischof Williamson – das alles hat das Ansehen des Vatikans und die persönliche Reputation von Joseph Alois Ratzinger schwer beschädigt.

Wie schön also, dass die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“, die der Papst gestern einen Tag vor Beginn des G8-Gipfels im italienischen L’Aquila veröffentlicht hat, es allen Lesern leicht macht, ja dass sie geradezu um Bejahung buhlt: lauter zustimmungspflichtige Sätze, die den teilweisen Beifall von allen Seiten provozieren werden, von der FDP über die Union und die Grünen bis hin zu SPD und Linkspartei.

Man darf daraus allerdings nicht den Schluss ziehen, dass die Enzyklika unscharf sei, im Gegenteil: Ihre Ausgewogenheit lässt die realpolitischen Verirrungen und Verwirrungen der deutschen Parteipolitik nur umso schärfer hervortreten.

Die Doppelseitigkeit des Eigentums

Tatsächlich rechnet der Papst weder mit dem Liberalismus ab, noch verheiligt er die spontane Ordnung einer wettbewerblichen „Freiheit“ zu einem kulturellen Prinzip, das jeder Steuerung entbehren könne.

Weder sucht der Papst die Lösung aller irdischen Probleme in einer Art aufklärerisch-sozialistischen „Weltregierung“, noch schont er die „kosmopolitische Klasse von Managern, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richten, bei denen es sich normalerweise um anonyme Fonds handelt“.

Wie das alles zusammengeht, hat ein Vorgänger Benedikts, Papst Pius XI., bereits 1931 in seiner Enzyklikla „Quadragesimo anno“ vorgeführt, indem er beispielhaft auf die Doppelseitigkeit des Eigentums hinwies.

Wörtlich heißt es darin: „Zwei gefährliche Einseitigkeiten sind… mit Bedacht zu meiden. Auf der einen Seite führt die Leugnung… der Sozialfunktion des Eigentumsrechts zum Individualismus…; auf der anderen Seite treibt die Verkennung  oder Aushöhlung seiner Individualfunktion zum Kollektivismus.“

Und wie mit dem Eigentum, so in allem: Der Gebrauch der Freiheit ist ohne den „sozialen Rahmen“, in dem er stattfindet, sinnlos; die Aneignung von Gütern ohne das Einverständnis der Mehrheit Raub; die Ausbeutung der Erde ohne Gedanken an die Nächstgeborenen Frevel. Kurzum: Freiheit und Markt sind prima – solange niemand an seiner Entfaltung gehindert wird, Monopole die Preisbildung nicht behindern und das Prinzip der Vertragsfreiheit uneingeschränkt gilt.

Und so bleibt Papst Benedikt XVI. dem Grundsatz einer Ausbalancierung von individuellen und kollektiven Interessen, die alle wichtigen Sozialenzykliken des Vatikan seit Papst Leos XIII. „Rerum novarum“ (1891) auszeichnen, auch in seiner Enzyklika treu: Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der selbstverantwortliche Mensch, der in seiner unteilbaren Würde geachtet und das heißt: vor den Kollektivierungsversuchen seiner Feinde geschützt werden muss.

Gefahr der Kollektivierung

Indes: Dass die Gefahr der Kollektivierung im so genannten „freien Westen“ heute weniger von gescheiterten Sozialisten ausgeht, vielmehr von höchst erfolgreichen Kapitalisten und Aktionären (vor allem den „systemrelevanten“ Banken), gehört zu den zentralen Lehren, mit denen der Papst seinen Vorgänger Johannes Paul II. überwindet. 

Der beliebte Pole hatte noch 1991 im Völlegefühl eines siegreichen Kapitalismus gemutmaßt: „Sowohl auf nationaler Ebene der einzelnen Nationen wie auch auf jener der internationalen Beziehungen scheint der freie Marktdas wirksamste Instrument für die Anlage der Ressourcen und für die beste Befriedigung der Bedürfnisse zu sein.“

Heute, so Benedikt XVI., scheint der „freie Markt“ einer ethischen Unterfütterung bedürftig, wenn er das Wohl aller nicht aus dem Blick verlieren will – vor allem „derer, die es aus eigener Kraft nicht schaffen“. Folgerichtig fordert der Papst eine „übergeordnete Stufe internationaler Ordnung von subsidiärer Art für die Steuerung der Globalisierung“, eine Art dauerhaftes Gremium, das die Weltwirtschaft, den Umweltschutz, die Klimaziele und die Migrationsströme steuert, lenkt und reguliert – im Interesse aller und vor allem derer, die von der erfolgreichen Bewirtschaftung durch das Geld ausgeschlossen und auf Barmherzigkeit und Gemeinsinn angewiesen sind.

Den Unternehmern schreibt er daher ins Stammbuch, dass das Zweck eines Unternehmens nicht im Geldverdienen bestehe, sondern im Herstellen eines Produktes. Manager dürften  „nicht allein auf die Interessen der Eigentümer achten“, sondern auch auf die ihrer Mitarbeiter und  Konsumenten. Auch den gewerkschaftlich organisierten Egoismus geißelt der Papst: Diese dürften nicht nur die Interessen ihrer Mitglieder im Auge behalten, sondern müssten ihren Blick auch auf die Entfaltungsmöglichkeiten und Lebensverhältnisse der Arbeiter in Entwicklungsländern richten.

In der Summe prangert der Papst jede Form von Freiheit an, die als Freibrief zur Zwangsaneignung eines Guts auf Kosten anderer missverstanden wird. Sein Versuch, auf diese Weise eine theologische Schärfung des zuletzt seitens der Ökonomen hoffnungslos vereinseitigten Freiheits- und Eigentumsbegriffs vorzunehmen, ist aller Ehren wert. Man darf gespannt sein, ob beispielsweise Juristen den Faden aufnehmen und Versuche einer weiteren Ausdeutung unternehmen. So oder so: Es ist eine gute Nachricht, dass die Wirtschaft nach der Krise nicht mehr den Ökonomen allein gehören wird.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.09.2011, 23:01 UhrAnonymer Benutzer: Jürgen

    Witzig ist doch, bei all dem hin und her zwischen individual und kollektiv, Eigentum und Freiheit, dass bis heute die christliche Kirche es noch nicht einmal geschafft hat, die 10 Gebote in positiver Form neu zu formulieren. Und insbesondere erstaunlich ist es immer wieder zu hören, wie man sich erdreistet nach den Jahrhunderten der Verfolgung und Tötung von Menschen, über die Freiheit zu referrieren, ohne daraus jedwede Reformen der eigenen Grundhaltung abzuleiten. Das bleibt für den Normalbürger weiter völlig unverständlich und ewig gestrig.

  • 01.11.2009, 08:26 UhrAnonymer Benutzer: Andreas Höser

    Was zählt sind nicht Reden, sondern Taten.

  • 08.07.2009, 11:41 UhrAnonymer Benutzer: Edgar L. Gärtner

    Endlich mal ein einigermaßen ausgewogener Kommentar zur neuen Enzyklika von Papst benedikt XVi. Diese ist sicher nicht so klar und eingängig wie benedikts erstes Rundschreiben unter dem Titel "Deus Caritas est". Aber aus der neuen Enzyklika eine Generalabrechnung mit dem Liberalismus herauszulesen, wie es gestern der Vatikan-Korrespondent des SPiEGEL tat, finde ich schon abwegig. Meine Lokalzeitung, das Höchster Kreisblatt titelete heute morgen gar: "Der Papst geißelt den Kapitalismus". Das hieße ja, er gäbe einem anderen Wirtscjhaftssystem den Vorzug. Das ist eindeutig nicht der Fall. Was der Papst wirklich will, erschließt sich erst aus seiner Kritik am Materialismus, die das gesamte über 70-seitige Rundschreiben durchzieht. Wer mit dieser Materialismus-Kritik nichts anfangen kann, muss den Papst dahingehend missverstehen, dass er eine Weltregierung herbeisehnt. Tatsächlich ruft er nach einer geistigen Autorität.

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