Kapitalmarkt: Sturm auf islamische Geldanlagen

Kapitalmarkt: Sturm auf islamische Geldanlagen

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Iranische Bankfiliale in Dubai

von Hans Jakob Ginsburg

Da religiöse Muslime keinen Zins nehmen dürfen, entwickelte sich am globalen Kapitalmarkt ein spezieller Sektor. Fromme muslimische Banker verweisen darauf, dass ihre Produkte die Finanzkrise besser überstanden haben. Die Nachfrage ist groß.

Zu Wirtschaftsfragen hat der Islam eine deutliche Botschaft. „Wer Zins nimmt, wird enden wie einer, den Satan mit Wahnsinn geschlagen hat“, warnt der Koran und erläutert in der gleichen Sure, dass „Allah Handel erlaubt und Zinsnehmen untersagt hat“.

Da mag es überraschen, dass nach Schätzung der „Financial Times“ 900 Milliarden Dollar in sogenannten islamischen Geldanlagen investiert sind, immerhin 1,5 Prozent des weltweiten Anlagevermögens. Fromme muslimische Banker verweisen nur zu gern darauf, dass ihre Produkte wegen einer eingebauten Risikominderung die Finanzkrise besser überstanden haben als vergleichbare Anleihen und Fonds – und dass die Nachfrage ungebrochen ist. „Islamic Finance wächst immer weiter“, sagt Razi Fakih, zweiter Mann von HSBC Amanah. Das arabische Wort im Firmennamen heißt „Vertrauen“, und mit diesem Ableger ist die Londoner Großbank zum führenden Player in der Welt des islamischen Banking geworden.

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In den meisten Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit operiert der Finanzsektor keineswegs streng nach den Regeln der Religion. Nur der Iran, Pakistan und der Sudan verbieten ihren Banken ausdrücklich, Zinsen zu nehmen und einzufordern. Die meisten Geldhäuser in Dubai oder Djakarta kümmern sich wenig um das Zinsverbot; auch die sonst so strikten Saudis legen das Wort „Zins“ ziemlich eng aus – als ausbeuterischen Wucher.

Fromme Muslime machen ihre Geschäfte herkömmlich ohne Banken – durchaus erfolgreich, wie die florierende Basarwirtschaft in Damaskus, Marrakesch oder Maskat beweist. Und für reiche Araber, Türken oder Inder kommen die großen iranischen Finanzhäuser wie die Bank Melli schon deshalb nicht in Betracht, weil sie als Sunniten den iranischen Schiiten nicht über den Weg trauen. Da bedarf es gar nicht der UN-Sanktionen gegen das Teheraner Regime, um das Kapital der Frommen nach London zu lenken, vielleicht zu islamisch zertifizierten Banken in Kuala Lumpur, Dubai oder Bahrain – oder sogar nach Magdeburg.

Denn zu den Pionieren des globalen islamischen Anlagemarktes gehört ausgerechnet das für Islamisierungstendenzen nicht besonders bekannte Sachsen-Anhalt. 2002, nach der Asienkrise, hatte Malaysia als erster Staat der Welt mit einer sogenannten islamischen Anleihe Geld eingesammelt. Schon zwei Jahre später folgte das ostdeutsche Bundesland mit seinem speziellen Angebot für islamische Geldanleger.

Beteiligung statt Zins

Was aber sind „islamische Anleihen“, wenn doch Zinsen geächtet sind? Schon vor Jahrhunderten nahmen fromme muslimische Kaufleute auf dem Weg des fiktiven Kaufs und späteren Rückverkaufs irgendwelcher Waren Quasi-Kredite auf, eine auch von den religiösen Gelehrten gebilligte Umgehung der Vorschrift. Heute stellen bei einer islamischen Staatsanleihe die Anleger nicht einfach Geld zur Verfügung, sondern „kaufen“ kleine Anteile am Besitz des Schuldnerstaates. Der zahlt ihnen dafür eine festgesetzte jährliche Miete, um nach ein paar Jahren die Infrastruktureinrichtungen zum ursprünglichen Verkaufspreis wieder zurückzukaufen. So „gehörten“ von 2004 bis 2009 Elbbrücken und sachsen-anhaltinische Amtsgebäude reichen Muslimen, ohne dass dies jemandem aufgefallen wäre.

Einen Kapitalmarkt, der solche Fiktionen nachfragt und sie auch mit einer geringeren Rendite erkauft, gibt es nur, weil die Worte „Kapitalmarkt“ und „Rendite“ hier eigentlich ungehörig sind. Muslime, so die Regel des traditionellen islamischen Rechts, dürfen nicht Geld zu noch mehr Geld machen. Erlaubt sind allerdings Unternehmensgewinne, zum Beispiel als stiller Teilhaber. Der fromme muslimische Investor ist in der Theorie darum stets Teilhaber der Unternehmen, an denen er Geld verdient.

Was zum Beispiel auch bedeutet, dass islamische Aktienfonds, wie sie seit Jahren etwa die Deutsche-Bank-Tochter DWS auflegt, keine Anteile an Unternehmen kaufen, die der fromme Muslim selber nicht betreiben dürfte: europäische Hersteller von Lebensmitteln (Schweinefleisch!), Gastronomiebetriebe (Alkoholausschank!) oder normale Banken (Zinsgeschäfte!) sind tabu. Außerdem schreiben fast alle islamischen Theologen vor, dass der islamische Fonds seinen Besitz dauerhaft hält. „Islamische Hedgefonds sind ein Widerspruch in sich“, sagt ein Banker in London.

Was die Erträge manchmal mindert, aber nicht den Geschäftserfolg des Sektors. Und keine Regel des Korans verbietet es islamischen Anlageberatern, ihre Produkte auch Ungläubigen zu offerieren.

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