Katar-Krise: Kurzes Durchatmen vor der Eskalation

Katar-Krise: Kurzes Durchatmen vor der Eskalation

, aktualisiert 06. Juli 2017, 09:13 Uhr
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Zwei Hotelangestellte unterhalten sich während eines Sonnenuntergangs am Persischen Golf. Doch die Idylle trügt. In der Krise um Katar zeichnet sich in naher Zukunft keine Lösung ab.

von Mathias BrüggmannQuelle:Handelsblatt Online

Die Blockade-Staaten haben ihre Sanktionen gegen Katar erst einmal nicht verschärft. Doch eine Lösung zeichnet sich nicht ab, der Konflikt wird eskalieren. Am Ende schaden sich alle Beteiligten selbst. Eine Analyse.

BerlinDie Erleichterung nach drei anstrengenden Tagen Pendeldiplomatie am Golf war Sigmar Gabriel anzumerken: Das Treffen der Außenminister der vier Blockade-Staaten, die sich am Mittwochabend in Kairo zunächst nicht auf verschärfte Sanktionen gegen Katar einigen konnten, „war zwar kein Durchbruch“, sagte der deutsche Außenminister nach seiner Landung vom Rückflug in Berlin. Es sei aber ein Ergebnis erzielt worden, „das den weiteren Prozess zumindest nicht erschwert“. Nun seien echte Verhandlungen aller Beteiligten gefragt.

Es herrscht also möglicherweise nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten haben bereits ein Folgetreffen in der bahrainischen Hauptstadt Manama vereinbart, Datum bisher offen. Bei dem wollen sie über härtere Strafen gegen Katar entscheiden, dem sie Terrorfinanzierung, Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten, Propaganda über den TV-Sender Al Dschasira sowie ein klammheimliches Bündnis mit dem verfeindeten Iran vorwerfen. Seit dem 5. Juni versuchen sie, mit Grenzschließungen und ökonomischen Würgegriffen Katar zu isolieren.

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Das kurzzeitige Innehalten der Blockierer Katars ist ohnehin nur zwei Männern zu verdanken, und kaum von langer Dauer. Denn die arabischen Nachbarstaaten, die sich gern als „Brüder“ Katars bezeichnen, schäumen, da das kleine Land auf der Halbinsel vor Saudi-Arabien am Persischen Golf kaum einen Millimeter nachgegeben hat. Wenn sie dies akzeptieren würden und nicht mit schärferen Strafen reagierten, wäre das ein massiver Gesichtsverlust – gerade für den neuen, jungen saudischen Kronprinzen Mohamed bin Salman. Er will radikale Reformen in seinem Land umsetzen und mit außenpolitischer Härte sowohl im Jemen, wie auch in Katar Kritik der zahlreichen Erzkonservativen in der Heimat an der Aufweichung starrer Statusregeln abfedern.

Dass es nun erst einmal etwas Atempause gibt, ist natürlich auch Sigmar Gabriel zu verdanken. Er will zwar offiziell gar nicht vermitteln. Doch er war eben bei allen Beteiligten. Und die wissen, dass er im engen Kontakt mit US-Außenminister Rex Tillerson und der EU steht, und dass dort wenig Verständnis für die Blockademaßnahmen besteht, sondern vielmehr Misstrauen gegenüber Saudi-Arabien selbst – weil das Land ebenfalls Extremisten fördert.

Vor allem aber war es Donald Trump. Seine Außenpolitik wird seit Amtsantritt scharf kritisiert, erratisch ist dabei bisher noch der mildeste Vorwurf. Und so ist es auch in dieser Krise: Erst stärkt er der Blockade-Front den Rücken, indem auch er – natürlich per Twitter – Katar Terrorfinanzierung vorwirft. Dann lässt er seinen Außenminister Rex Tillerson den heftigen Zwist, bei dem die diplomatischen Vertretungen geschlossen, Grenzen abgeriegelt, tausende Bürger zwangsumgesiedelt werden und Banken Gelder abziehen, zum „Familienstreit“ herunterdimmen. Den sollten die Konfliktparteien bitte selbst schlichten.

Bis Trump eben am Mittwoch zum Telefonhörer greift, Ägyptens Militärmachthaber Abdel Fatah al-Sisi anruft und klarmacht: Der Konflikt müsse beendet werden. Zumindest kommen in der Folge erst einmal keine Sanktionsverschärfungen.

Das Interesse der USA ist klar: Sie haben in Katar ihr Kommandozentrum für den Nahen Osten. In Bahrain sind ihre Seestreitkräfte für die Region stationiert. In allen beteiligten Ländern verfügt Washington über eine starke Militärpräsenz. Unter Trump wollen die USA wieder die Rolle der Schutzmacht am Golf spielen. Und vor allem will Amerika dort allen seine Waffen verkaufen – selbstverständlich der „America first und der „Jobs, Jobs, Jobs“-Parolen Trumps wegen.

Allerdings werden in diplomatischen Hinterzimmern auch zwei andere, weniger ehrenwerte mögliche Motive genannt: Die Hochrüstung aller Seiten könnte zu einem so heftigen Konflikt führen, dass „Nachbestellungen“ oder „Ersatzbeschaffungen“ nötig werden könnten. Oder dass Washington das überambitionierte Saudi-Arabien in diesem Konflikt offen ins Messer rennen lässt – um am Ende die Kontrolle über den wichtigsten Petrostaat der Welt selbst zu übernehmen und der US-Energiewirtschaft Konkurrenz aus dem Weg zu räumen.


Wirtschaftliche Folgen könnten verheerend sein

Ein Verschwörungstheoretiker natürlich, wer derartiges denkt. Sachlich betrachtet jedenfalls kann Washington kein Interesse daran haben, dass sich die arabischen Golfstaaten zerlegen. Das stärkt nur den Erzfeind Iran, führt zu neuer Konfrontation, Instabilität, einer Verschärfung der Kriege in Syrien, Jemen und andernorts und natürlich zu höheren Ölpreisen. Das ist zwar einerseits gut für die US-Frackingindustrie, die bei aktuellen Öltarifen kriselt, aber es schwächt eben auch die Wirtschaft insgesamt.

Es könnte sich ein neuer Teufelskreis zu drehen beginnen: Keine Investitionen der Golfstaaten mehr in ihre Öl- und Gaswirtschaft, Ressourcenknappheit, Preissteigerungen, Wirtschaftskrise – also nichts für den Geschmack eines „Dealmakers“ wie Trump, wenn er denn aus den Höhen seiner Trump Towers in die Niederungen schaut.

Für die Wirtschaft, auch sehr stark die deutsche, ist aber schon die losgetretene Krise schlimm. Gar nicht, was die bisherigen Folgen angeht. Zwar müssen deutlich höhere Flug- und Verschiffungskosten und deutlich gestiegene Reisezeiten für Manager in der Region schon jetzt in Kauf genommen werden. Vielmehr ist durch die Blockade Katars für viele der Traum einer reichen, wachsenden und stabilen Staatengemeinschaft am Golf geplatzt. Da waren die Saudis die Ölförderer, die Kataris als weltgrößte Flüssiggasexporteure die Hasardeure mit Milliarden-Investments in den Aufbau neuer Städte und der Austragung der Fußball-WM 2022 und die Emirate die Giganten der Luftfahrt und über Dubais Hafen Jebel Ali eine Drehscheibe der Welt.

Mit der Schließung Jebel Alis für Katar-Lieferungen und der Konfiszierung der für Katar bestimmten Fracht hat sich Dubai aber einen Bärendienst erwiesen. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind nicht mehr zuverlässig. Sie werden ihre Rolle als Makler und Drehscheibe einbüßen. Allerdings nicht nur wegen Katar, das sich nun über Iran, Oman und den eigenen Hafen Port Hamad Ausweichlösungen aufbaut. Sondern vor allem auch wegen der Expansion Saudi-Arabiens: Dort entsteht mit den Reformen des Kronprinzen eine gewaltige eigene Entertainment- und Tourismusindustrie und vor allem eine Logistikkette mit Ost-West-Eisenbahn und Mega-Häfen, die Zeit, Geld und vor allem Dubai und Doha als bisherige heimliche Metropolen von Lust, Unterhaltung und Verkehr ablösen.

Da könnte die aktuelle Krise nur ein Vorbote sein, was an Konkurrenz, Rivalität und Egoismus statt arabischer Brüderlichkeit noch kommen dürfte.

Doch nicht nur mit der sich abzeichnenden heftigen Rivalität mit seinen kleinen Nachbarn geht das sich selbst als „großer Bruder“ verstehende Saudi-Arabien ein hohes Risiko ein. Vielmehr sind in der ohnehin schwierigen Eastern Province, der riesigen Region im Osten des Königreichs, wegen des Wegfalls des katarischen Marktes Probleme zu erwarten. Schon jetzt ist die Provinz, wo die saudischen Haupt-Ölquellen unter dem Wüstensand liegen und der weltgrößte Ölkonzern Saudi-Aramco seine Zentrale in Dammam hat, Konflikte programmiert: Die Region wird hauptsächlich von schiitischen Arabern bewohnt, die sich von Saudi-Arabien als Vormacht der sunnitischen Moslems unterdrückt sehen und immer häufiger aufbegehren.

Jetzt fällt auch noch der zwei Millionen Konsumenten zählende Markt Katars weg. Denn riesige Farmen haben von hier das Nachbarland mit Milch und Hühnerfleisch und anderen Lebensmitteln versorgt, Zementwerke und Baustofffabriken den Bauboom in Doha befeuert. Die Schließung der einzigen Landgrenze hat diesen Markt wegbrechen lassen. Milch in Katar kommt jetzt aus der Türkei, Gemüse und Obst aus Iran und Baumaterial aus Indien. Wer eine politische Änderung des verfehlten Kurses Katars erreichen wolle, müsse Opfer bringen, sagte ein ranghoher Vertreter aus Riad dazu lapidar dem Handelsblatt.

Am Ende schaden sich also alle Beteiligten selbst. Das neuzeitliche Märchen aus 1001 Nacht mit dem orientalisch-fantastischen Wachstum der Glitzermetropole Dubai, dem Wettbewerber Doha, die Blütenträume der Reformer in Riad und Abu Dhabis Aufholjagd wird nur weiter Wahrheit, wenn es in der Region stabil bleibt. Wenn ausländische Investoren sich auf Vertragstreue, offene Märkte und eine Integration der Golfstaaten (GCC) verlassen können – und vor allem auch arabische Investoren selbst. Ihnen aber brechen Familien, Firmen und hier besonders bedeutsame Freundschaften weg: Die Blockade hat bereits zur Zwangsumsiedlungen binationaler Familien geführt (in der etwa ein saudischer Ehemann eine katarische Frau und Kinder hat, die nun entweder nicht mehr in Doha oder nicht mehr in Dschidda leben dürfen). Oder die ihre Fabriken, Läden oder Handelsniederlassungen nicht mehr aufsuchen dürfen.

Und hinter allem droht eine neue Arabellion – ein erneutes Aufbegehren in den Ländern, in denen der „Arabische Frühling“ seinen Ausgang nahm: In Marokko, Tunesien und im Irak begehren die Menschen, die bereits 2011 ihre verkrusteten Führungen hinweggefegt hatten, wieder auf. Zwar hatten Saudi-Arabien und die VAE etwa die neuen Militärführer in Kairo oder den König von Marokko mit Milliarden unterstützt und die eigenen Staatsbürger mit Staatsjobs und staatlichen Subventionen ruhig gestellt.

Doch das Geld etwa in Ägypten versickerte mehr in irrwitzige Pläne wie dem Neubau einer Hauptstadt als es für die Schaffung zukunftsfähiger Industrien verwendet wurde. Und der abgestürzte Ölpreis hat zu massiven Einschnitten bei der künstlichen Verbilligung von Benzin, Strom und Wasser geführt. Das System Brot und Spiele funktioniert nicht mehr, muss deshalb also das altbewährte Modell der Ablenkung von innenpolitischen Problemen durch außenpolitische Aggression her?

Früher waren das allerdings immer Kriege. Diesmal hoffentlich nicht. Doch ist die Lage so verfahren, dass weder Katar auf die Forderungen der anderen eingehen kann – die es als Aufgabe der staatlichen Souveränität hochjazzt – noch die Gegner ohne greifbare Erfolge nun das Nichtstun zum Programm ausrufen könnten ohne Gesichtsverlust. Dramatische Zeiten am Golf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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