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Koalition: Wie der Sparzwang des Bundes die Bürger erreicht

von Cornelia Schmergal und Christian Ramthun (Berlin)

Die Sanierung der Staatsfinanzen stellt die schwarz-gelbe Koalition vor ihre bislang größte Herausforderung. Nach Jahrzehnten der Volksbeglückung auf Pump werden die Bürger nun am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie es sich anfühlt, wenn Vater Staat den Gürtel enger schnallt.

Vizekanzler Westerwelle und Quelle: dpa
Vizekanzler Westerwelle und Bundeskanzlerin Merkel Quelle: dpa

Es war einmal ein Finanzminister, der hätte gern ein Märchen erzählt. Ein Märchen von einem Land, in dem Milch und Honig fließen und die Steuerquellen sprudeln, das keine Sparpakete kennt und keine Volksparteien in der Krise. Ein Land, in dem der erste Mann ein fröhlicher Souverän mit einem Schloss aus Gold ist – und nicht etwa ein Bundespräsident mit einem Amt aus tiefschwarzem Stein, der entnervt die Brocken hinschmeißt. Ein Land, von dem Bürger und Politiker derzeit nur träumen können.

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Am vorvergangenen Freitag hätte Wolfgang Schäuble die Geschichte von der goldenen Gans vorlesen sollen. Aber alle Neugierigen, die sich auf den Weg in das Max Liebermann Haus nahe dem Brandenburger Tor gemacht haben, müssen enttäuscht wieder kehrtmachen. Krisenzeiten sind keine guten Zeiten für Märchenonkel. „Tut uns leid, aber der Finanzminister musste den Termin kurzfristig absagen“, sagt die Dame am Eingang und zieht entschuldigend die Schultern hoch. „Sie wissen schon: das Sparpaket, der Euro, irgendeine internationale Verpflichtung.“

Vertrauen der Wähler verspielt

Die Politik befindet sich im Ausnahmezustand, seit Wochen schon. Nach dem größten Rettungsschirm für die Banken und dem größten Rettungspaket für den Euro-Raum bastelt Berlin schon am nächsten Superlativ im Berliner Politikbetrieb: am größten Sparpaket aller Zeiten. An diesem Montag will das Kabinett entscheiden — obwohl die Regierung in der schwersten Krise ihrer Amtszeit steckt. Da ist sie wieder, die maximale Steigerungsform. Von dieser Woche hänge „das ganze Schicksal unseres Landes“ ab, tremoliert Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP). Und ganz nebenbei gilt das auch für sein eigenes. Denn sein Verhältnis zu den Wählern und seinen Parteifreunden hat genauso gelitten wie seine Beziehung zu Bundeskanzlerin Angela Merkel.

So schnell wie das Bündnis von Konservativen und Liberalen hat in der Geschichte noch keine Regierung das Vertrauen der Wähler verspielt. Ende Mai, kaum acht Monate nach der Wahl, erklärten nur noch 20 Prozent der Bürger in einer Infratest-dimap-Umfrage, sie seien mit der Arbeit der schwarz-gelben Koalition zufrieden. Und als wäre das nicht bitter genug, ging der Regierung am vergangenen Montag auch noch der Bundespräsident von der Fahne. Dabei galt Horst Köhler als Symbolfigur der Koalition. Seine Wahl hatten Merkel und Westerwelle einst in nächtlicher Runde am Esstisch des Liberalen-Chefs ausgekaspert – um damit ihr bürgerliches Projekt zu beschwören.

Bereit für Einschnitte

Nun werden Union und FDP den Deutschen einiges abverlangen müssen. Nichts ist mehr sicher. Nicht der Etat für die Arbeitslosen, nicht das Elterngeld für junge Mütter und Väter, nicht die verbliebenen Steinkohlesubventionen oder die nächsten Rüstungsprojekte. Sicher ist nur, dass Steuersenkungen auf absehbare Zeit gestrichen sind. Union und FDP haben sich in die Einsicht gefügt, dass es vorläufig nichts mehr zu verteilen gibt. Aber Parteiendemokratie ohne Geschenke – geht das überhaupt?

Es geht, lautet die überraschende Erkenntnis dieser Tage. Unter den nach Sicherheit und Stabilität süchtigen Deutschen habe sich eine riesige Angst vor der Inflation ausgebreitet, erklärt Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid. Letzter Auslöser dafür sei das Griechenland-Paket gewesen, erklärt Schöppner. Seitdem fürchten die Deutschen noch mehr als schon zuvor, das Schlimmste stehe ihnen noch bevor, und ihr Geld sei nicht mehr sicher. Insbesondere sorgten sich die Menschen vor einer „explodierenden Staatsverschuldung“, so der Meinungsforscher. Für 80 Prozent der Deutschen gelte ein Sparpaket als notwendiges Übel – und werde weitaus mehr akzeptiert als Steuererhöhungen. „Die Bereitschaft, zu sparen, war nie größer als heute“, sagt Schöppner.

71 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.06.2010, 18:54 UhrAnonymer Benutzer: Frank

    Nun hat die Politik wieder ihr Ziel erreicht!
    Diese Politiker haben nur eine Chance, wenn man interessengruppen gegenseitig ausspielt und das hat Methode! ich bin kein Experte von Finanzen und Marktpolitik, aber ich habe einen klaren Menschenverstand. Die weltweiten Verflechtungen des Kapitals und die nicht transparenten Geschäfte mit Derivaten werden das globale Finanzsystem zum kollabieren bringen, wenn diese nicht endlich verboten werden!
    Wir haben schon lange keine freie Markwirtschaft mehr, und das ist meiner Meinung nach die Mutter unserer Schulden. Wenn ein kleines Unternehmen finanzunfähig ist (aus welchem Grund auch immer), muss es insolvenz anmelden. Das sind die Regeln des freien Marktes! Wenn eine bank pleite geht, weil es mit Spekulationsgeschäften gezockt hat, dann muß diese insolvenz anmelden! Die anderen banken wären dann allein vorsichtiger. Wer so eine bank mit Steuergeld rettet, macht unsere Schulden und wäscht gleich nebenbei Geld, denn Derivate sind wertloses Papiergeld die aber in den bilanzen geführt werden! Wenn ein Staat pleite ist, muss dieser insolvenz anmelden! Wenn eine Firma pleite ist, muß diese insolvenz anmelden! Was heißt das unter dem Strich? Wir werden nicht von den Politikern regiert, sondern vom Kapital! Wir müssen alle Abstriche machen, weil wir uns defacto von der freien Marktwirtschaft verabschiedet haben. Es herrscht der pure Kapitalismus. Wir bezahlen die Geldgier einiger weniger! Übrigens ist auch berlin so verschuldet, weil für Spekulationen von der Stadt gebürgt wurde! An Opel kann ich nur appelieren, verabschiedet euch von diesem Ami und baut Eure eigene Firma auf. Dafür würde es sich auch lohnen einen Kredit zu nehmen! Fremdes Kapital bringt nur Unglück.

  • 10.06.2010, 16:23 UhrAnonymer Benutzer: johannson

    in diesem Forum werden zahlreiche gute Sparvorschläge gemacht. Hinzufügen könnte man den Verzicht auf die anstehende Volkszählung (1 Mrd. EUR) oder den teuren Schattenregierungssitz bonn.
    ich unterstütze die Forderung, dass die Regierung bei sich selbst zu sparen beginnen muss und zeitgleich an den mittleren/oberen Salären des öffentl. Dienstes. Dazu sind die Politiker bei uns mucksmäuschenstill, während sie sogar in Spanien auch sich selbst in die Sparmaßnahmen einbeziehen. Nachdem zu bezweifeln ist, dass sie in großer Zahl hier mitlesen, müssen wir ihnen unsere Meinungen auch per Mail schicken!

    Obwohl mein Spitzensteuersatz um schlappe 29 Prozent schwankt, möchte ich vor weiteren Erhöhungen „für die Reichen“ warnen. Für die ist das „über die Grenze machen“ ein Leichtes. Und sogar nachvollziehbar. 45% sind mehr als genug, vor allem wenn im Gegenzug hierzulande mehr als 30 Mrd. EUR p. A. verschwendet werden. Konkrete beispiele: Schwarzbuch bund der Steuerzahler.
    Kaum jemand nimmt zur Kenntnis, dass Deutschland seit Jahren eine positive Differenz zwischen Abwandern und Zuwandern von 120 bis 140 T. Personen hat. Wohlhabende verlassen still und leise D, jenes „Fass ohne boden“, was Steuern, Abgaben und Vergeudung anbelangt. Vor kurzem ist ein mir bekanntes unverh. Paar nur deswegen nach Österreich gezogen, weil sie nicht einsehen, in D über 60% Erbschaftssteuer zu zahlen, auf Vermögen, das längst mehrfach versteuert ist. Die auch sonst hohen Steuern der beiden erfreuen von nun an den alpenländischen Fiskus und fehlen dem hiesigen. Unterdessen schwadroniert einmal mehr der semi-sozialistisch anmutende MP Müller aus Saarbrücken von „Unausgewogenheit“, anstatt wie jüngst Zapatero eine Gehaltskürzung für sich und sein Kabinett vorzuschlagen. Dabei hat er gut reden: das Saarland ist im Länderfinanzausgleich seit ewig Nehmerland. Wenn er mit seinen Ansichten konsequenterweise doch in einer anderen Partei auftreten würde.

  • 10.06.2010, 14:17 UhrAnonymer Benutzer: Skipper

    in der Sache hat "@rita" recht. Die Schnauze hätte man allerdings auch anders nennen können. "Klappe" wird gerne genommen. Mein Appell: Mehr Contenance. Aber bitte auch von den roten blaumännern.

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