Kommentar: Die Lücken im „Merkozy-Pakt“

Kommentar: Die Lücken im „Merkozy-Pakt“

, aktualisiert 07. Dezember 2011, 17:20 Uhr
Bild vergrößern

Eine Euro-Münze im Funkenregen.

von Torsten RieckeQuelle:Handelsblatt Online

Merkel und Sarkozy haben eine Strategie zur Rettung der Eurozone. Allerdings sind noch viele Fragen offen. Die müssen schnell beantwortet werden - schon um den Ratingagenturen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nein, es ist keine Verschwörung gegen den Euro. Dass die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) Europa ausgerechnet am Tag der vielleicht historischen Beschlüsse von Merkel und Sarkozy in Sippenhaft nimmt und droht, selbst finanzkräftigen Ländern wie Deutschland die Bonitätsbestnote zu entziehen, hat einen viel banaleren Grund: S&P macht in der Kommunikation einfach einen lausigen Job. Europa sollte die Warnung aber nicht aus Unmut in die Tonne treten. Der „Merkozy-Pakt“ hat nämlich noch Lücken, die bereits beim EU-Gipfel am Donnerstag geschlossen werden müssen.

Die Empörung in Europa über das merkwürdige Timing der Bonitätswächter ist jedoch verständlich. Dürfte den Analysten in New York doch nicht entgangen sein, dass „Merkozy“ wenige Stunden zuvor weitreichende Schritte zur Lösung der Euro-Krise verkündeten. Da die S&P-Experten in ihrer Entscheidung mit keinem Wort darauf eingehen, haben sie die Beschlüsse offenbar ignoriert. Noch schlimmer: Die Agentur bemängelt ausdrücklich, dass die Europäer bei der Lösung der Schuldenkrise nicht vorankämen.

Anzeige

Europa sollte sich nicht allzu lange über die Querschüsse aus New York ärgern. Zumal die Gelbe Karte der Bonitätsprüfer den Reformdruck auf die Europäer noch erhöhen dürfte. Merkel und Sarkozy haben damit ein zusätzliches Argument, um die geplanten Verfassungsänderungen für eine Fiskalunion auf dem Gipfel in Brüssel durchzupauken.

Überhaupt nicht in den Kram passen dürfte Merkel dagegen, dass S&P die Sicherheit von Staatsanleihen aus dem Euro-Raum erneut infrage stellt. Hat die Kanzlerin doch gerade versprochen, dass Europa künftig zu seinen Zahlungsverpflichtungen stehen wolle. Einen überraschenden Hair-Cut wie in Griechenland solle es nicht mehr geben. Das bezweifeln jedoch nicht nur die Kreditwächter, sondern auch die Aufseher des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht. Die denken angeblich darüber nach, wie sie die Liquidität der Banken mit anderen Anlageklassen sichern können.


Deutschland wird wohl glimpflich davonkommen

Solche Überlegungen dürften auch Versicherungen und große Fondsgesellschaften anstellen, die bislang ihr Anlageportfolio rund um die scheinbar „risikolosen“ Staatsanleihen aufgebaut haben. All das zeigt, wie schwer es werden wird, das erschütterte Vertrauen der Anleger wiederherzustellen.

Zur Panik besteht dennoch kein Anlass. Den USA ist es nach dem Verlust der AAA-Note ganz gut gelungen, den Schaden zu begrenzen. Die Finanzierungskosten sind kaum gestiegen. Auch Japan lebt mit niedrigen Zinsen, obwohl das Land schon vor Jahren seine Spitzenbonität verloren hat. Umgekehrt hält Großbritannien immer noch seine Bestnote, obwohl der Schuldenberg dort deutlich schneller wächst als in Deutschland.

Europa dürfte eine massenhafte Abmahnung durch die Ratingagenturen nicht ganz so einfach wegstecken. Deutschland wird als finanzstärkstes Land noch glimpflich davonkommen, da Bundesanleihen innerhalb der Euro-Zone der sicherste Hafen bleiben. Andere Länder wie Frankreich werden ihre Haushaltsdefizite dagegen nur noch gegen höhere Risikoprämien finanzieren können.

Denn anders als die USA, Japan und Großbritannien haben die Anleger im Euro-Währungsraum eine Alternative - nämlich Deutschland. Teurer würde die Kreditaufnahme auch für den europäischen Rettungsschirm, der auf die Top-Bonität der Garantieländer angewiesen ist. S&P hat bereits angekündigt, in diesem Fall auch dem EFSF eine schlechtere Note zu verpassen.

Das alles ist nicht angenehm, aber auch kein Weltuntergang. Zumal die Märkte vieles, was S&P jetzt bemängelt, längst wissen und eingepreist haben. Die Bonitätsprüfer legen ihren Finger jedoch auch in ein paar offene Wunden der Währungsunion, für die Merkel und Sarkozy noch kein Heilmittel gefunden haben. Und hier sollte Europa die Ohren spitzen. So ist völlig unklar, ob die politischen Vorleistungen von „Merkozy“ ausreichen, damit EZB-Chef Draghi auch seinen Teil des „stillen Paktes“ erfüllt und mehr Staatsanleihen kauft. Ohne die Hilfe der Europäischen Zentralbank wird es jedoch kaum gehen.

Überaus vage bleiben Berlin und Paris auch in der Frage, wie man künftig mit einem überschuldeten Land wie Griechenland umgehen will. Dass es zu einem ähnlichen Fall kommen könnte, ist angesichts der Konjunkturrisiken keineswegs ausgeschlossen.
Sollen die privaten Gläubiger außen vor bleiben, müssen die Partnerländer einspringen - sei es mit Euro-Bonds oder anders. Hier liegt ein Risiko, das die Bonität Europas wirklich bedrohen könnte.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%