Kommentar: USA und Israel drohen Iran - aber bombardieren nicht

Kommentar: USA und Israel drohen Iran - aber bombardieren nicht

, aktualisiert 08. November 2011, 14:18 Uhr
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Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

von Josef JoffeQuelle:Handelsblatt Online

Hinter den Spekulationen um einen Iran-Angriff stecken gezielte Drohgebärden von Israel und Amerika. Die Verbündeten wissen um die hohen Risiken eines Kriegs. Eher dürften sie schärfere Sanktionen im Blick haben.

Alle Jahre wieder lärmen die Medien: „Krieg in Sicht.“ Gemeint ist ein Angriff Israels und/oder Amerikas auf die iranischen Anlagen zur Atomrüstung. Was ist dann neu am jüngsten Alarm?

Erstens der Bericht der Atomenergiebehörde IAEA in dieser Woche, der vorsichtig die Existenz eines Bombenprogramms bestätigt, im krassen Gegensatz zum berüchtigten Report der US-Dienste (NIE) vor genau drei Jahren. CIA und Co. hatten damals behauptet, Iran hätte den Bombenbau 2003 gestoppt. Die Uno-Behörde glaubt, dass Iran zügig an den Komponenten arbeitet, etwa an konventionellen Sprengstoffen, die die Kettenreaktion auslösen, an hochpräzisen Zündern für diese Explosion und am Sprengkopf-Design. Was man außer Uran so braucht.

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Zweite Nachricht: Die israelische Luftwaffe (IAF) hat gerade über Sardinien ein Manöver mit der italienischen beendet für das Auftanken über eine große Distanz. Das Terrain, so die Einflüsterer, gleiche dem iranischen

Drittens berichtet der britische „Guardian“, die britischen Streitkräfte bereiteten sich auf einen US-geführten Angriff vor, um auf See und in der Luft zu helfen.

Viertens hat Israels Heimatschutz letzte Woche überraschend eine Alarmübung in Tel Aviv durchgezogen, die einen Raketenangriff simulierte.

Fünftens meldet ein hochgestellter US-Militar, anonym versteht sich, dass Washington „absolut besorgt“ über einen möglichen israelischen Angriff sei. Auf Englisch nennt man das „am Gitter rütteln“, auf Deutsch Säbelrasseln. Die Wirklichkeit aber ist so neu nicht. Ganz knapp lautet sie: Israel will, kann aber nicht; Amerika kann, will aber nicht.

Wenn da nicht Meldung Nummer sechs wäre, wonach die Regierung Obama laut „Newsweek“ 55 Bomben vom Typ „Bunkerbrecher“ an Israel geliefert habe. Diese Betonknacker hatte Bush 2007 noch verweigert. Mächtig genug, um 30 Meter Erde oder sechs Meter Beton zu durchschlagen, sind sie handlich genug für die taktischen Flugzeuge der IAF, die F-15 und F-16. Die letzten zehn Kilometer fliegt das Zwei-Tonnen-Ding allein, der Pilot kann der dichten Flugabwehr am Ziel entgehen.


Wochenlang kämpfen kann nur die Air Force, nicht aber Israel

Also im Osten was Neues? Mit den Bunkerbrechern hätten die Israelis zum ersten Mal eine Option, mit Betonung auf eine. Ein echter Luftkrieg läuft ab wie über Irak, Serbien und Libyen: wochenlang. Die Luftabwehr muss gelähmt, der Feind im militärischen Sinn taub und blind geschlagen werden. Das bedeutet die Zerstörung seiner Radar-, Funk- und Computerzentralen. Erst dann können die Bomber halbwegs risikolos vorstoßen. In Iran müssten sie tage- und nächtelang wiederkommen, weil die Piloten nicht immer treffen, was sie angreifen, und nicht immer vernichten, was sie treffen.

Wochenlang kämpfen kann nur die US Air Force im Verbund mit Flotte und Verbündeten, nicht aber Israel. Die IAF müsste 1500 Kilometer Feindesland wie Irak oder die Türkei überqueren, oder unsichereres wie Jordanien oder Saudi-Arabien. Hochgefährdet, können ihre sieben Tanker nicht auf Station bleiben, um den Kampfbombern ein verlässliches Tankstellen-Netz zu bieten. Es bliebe bei der einen Option: mit 70 oder 90 Jets, einmal hin und zurück. Ziele aber gibt es mindestens 50, manche in Städten wie Isfahan und Teheran, andere stark verbunkert. Und noch andere, die niemand kennt.

Der taktische Erfolg hielte sich in Grenzen, das strategische Risiko ist unkalkulierbar. Was wäre, wenn die libanesische Hisbollah im Norden und die Hamas im Süden zuschlüge? Wenn die Iraner Rache an den Amerikanern in Afghanistan und Irak nähmen oder Tanker im Golf in Brand schössen? Dieses Risiko präemptiv beseitigen kann nur die Supermacht.

Hören wir Verteidigungsminister Barak zu. Der BBC erzählte er nach einer Woche Psycho-Kriegführung: „Wir glauben fest an Sanktionen, die wirklich lähmen. Diplomatie kann funktionieren, wenn die Hauptakteure zusammenbleiben.“ Das ist das eigentliche Ziel des Säbelrasselns rundum. Der Bericht der Wiener Atombehörde soll den Diplomaten die Munition für ihr Vorgehen liefern.

Nur haben die üblichen Verdächtigen Russland und China schon vor der Veröffentlichung durch die IAEA gewarnt, dass Bloßstellung die Iraner noch mehr reizen werde. Also: Wer den Dieb anprangert, steigert dessen kriminelle Energie. Moskau und Peking werden nicht für verschärfte Sanktionen votieren.

Was bleibt? Das, was jetzt schon passiert. Vor einem knappen Jahr zerfetzte eine Magnetbombe das Auto des Atomwissenschaftlers Madschid Schahriari im Verkehrsstau von Teheran. Zur selben Zeit hätte es fast auch seinen Kollegen Fereidun Abbasi erwischt. Derweil hat der Computerwurm Stuxnet, wahrscheinlich eine US-israelische Koproduktion, das iranische Atomprogramm um ein bis zwei Jahre zurückgeworfen.

Das ist kein Krieg, aber „zielführend“. Denn in diesem Spiel um die allergrößten Einsätze geht es um Zeitgewinn. Je länger der Weg zur Bombe, desto weiter das Feld für Politik. Kritisch wird es, wenn Religionsführer Chamenei befiehlt, was er bisher peinlichst vermieden hat: Her mit der Bombe, jetzt!

Quelle:  Handelsblatt Online
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