Kommentar zur Berlin-Rede: Obamania? Nicht in Amerika

Kommentar zur Berlin-Rede: Obamania? Nicht in Amerika

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Berlin: Mehr als 200.000 Menschen wollten Barack Obama sehen und hören

Man will ja kein Spielverderber sein. Aber am Morgen nach der Berliner Rede von Barack Obama muss man die in frischer Liebe zu Amerika entflammten Deutschen vielleicht doch auf zweierlei hinweisen.

Erstens: Es handelt sich um Worte eines Kandidaten; sie sind vorerst ohne konkrete politische Relevanz. Zweitens: Auch der 44. Präsident der Vereinigten Staaten wird nicht im Wege weltweiter Akklamation ins Weiße Haus berufen, sondern am 4. November in den USA gewählt. Und dort steht es nicht 80:20 für Obama wie in Deutschland – sondern 47:43.

Und das ist die eigentliche Sensation in diesen Wochen. Während Barack Obama um die Welt jettet und dem Irak, Afghanistan, Israel und Deutschland fotogene Besuche abstattet; während er sich ein außenpolitisches Poesiealbum zusammenstellt, das vor allem dazu gedacht ist, in den USA als falscher Beweis seiner diplomatischen Erfahrung und Weltläufigkeit herumgereicht zu werden, während er einen Vertrag mit dem Fernsehsender NBC abschließt, der ihn zum Werbepartner der Pekinger Spiele macht mit garantierten Primetime-Auftritten rund um die schönsten olympischen Momente – kurzum: während Barack Obama von einer Erfolgswelle zur nächsten surft, sitzt sein republikanischer Gegenspieler John McCain in der PR-Falle. Der „Freundfeind“ von George Bush, weitgehend ignoriert von den Medien, grummelt sein politisches Programm eher herunter, als dass er mit ihm sich selbst zu begeistern wüsste – und ist trotzdem längst noch nicht abgehängt.

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18 Monate tingelt Barack Obama nun schon mit seiner Botschaft des Wandels, der Hoffnung und des Aufbruchs durch Amerika; werden sie ihrer langsam überdrüssig? Tatsächlich treibt Barack Obama ein gefährliches Schauspiel: Das demonstrative Umarmen von Israels Präsident Schimon Peres ging ja als symbolische Geste und Versicherung der Schutzmacht USA noch durch; aber dass er gleich alle Politiker, mit denen er zusammentrifft, berühren, anfassen, leiten, seiner frohen Botschaft gleichsam zuführen muss, ist denn doch ein wenig übertrieben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat denn auch gestern konsequent zurückgefasst: Es war keine Geste der Freundschaft, sondern ein Distanzsignal: Ich lasse mich nicht vereinnahmen.

Obama ist nur Kandidat

Barack Obama wäre nicht nur deshalb gut beraten, sich selbst ein wenig rhetorische Abkühlung zu gestatten. Auch um seiner selbst willen, wäre der vorsichtige Abbau von Hoffnungsüberschüssen in seiner Zuhörerschaft wünschbar. Denn wenn Barack Obama in vier Monaten zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte, wird er seine Anhänger notwendig enttäuschen: Er kann gar nicht anders, als hinter die tausenden Projektionen, Sehnsüchte und Wünsche, die seine Wähler mit ihm verbinden, zurückzufallen: Barack Obama redet stets vom „Moment“, der gekommen ist – und im Grunde meint er damit nichts anderes, als Helmut Kohl mit dem „Rockzipfel der Geschichte“. Der Unterschied ist allein, dass Obamas neue, friedliche Weltordnung ihm nicht in einem glücklichen Moment zufallen wird. Sondern dass ihn andere Mächte sehr zeitnah über ihre Vorstellungen von Fortschritt aufklären werden.

Und doch: Dass Barack Obama – nicht als US-Präsident, sondern als Kandidat! - schon heute seine Spuren in der Weltgeschichte hinterlässt, das ist eine Leistung, vor der man bewundernd den Hut zu ziehen hat. Barack Obama interessiert junge Menschen für Politik – und weiß im Namen der Humanität bewegend, ja gänsehauterzeugend von einer besseren Zukunft zu sprechen. Und zu dieser besseren Zukunft gehört, dass wir Deutsche uns über unsere weltpolitische Rolle neue, frische Gedanken zu machen haben: Wie viel sind uns Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wert? Welche Opfer sind wir bereit, für die Verteidigung unserer Werte zu erbringen – zum Beispiel in Afghanistan? Diesen Fragen werden wir uns – wie schön, wie überfällig - ab November gründlich zuzuwenden haben. Ob der Präsident Obama heißt – oder McCain.

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