Kommerzielle Leihmutterschaft in Asien: Das Geschäft mit dem Frauenbauch

Kommerzielle Leihmutterschaft in Asien: Das Geschäft mit dem Frauenbauch

, aktualisiert 31. Dezember 2016, 12:31 Uhr
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Leihmütter in der der Akanksha-Klinik in Anand, Indien. Bald könnte der Staat dieses Geschäftsmodell verbieten.

Quelle:Handelsblatt Online

Kinderwunsch auf Rechnung: Immer mehr Staaten gehen gegen die kommerzielle Leihmutterschaft vor. Doch die Branche wandert einfach immer weiter. Die wohl größten Baby-Fabrik der Welt steht vor dem Aus. Ein Ortsbesuch.

AnandIn der Lobby der Akanksha-Klinik strahlt die Sonne auf blank geputzte Fliesen. Doch dorthin, wo das Leben heranreift, kommt nur wenig Licht. Durch ein dunkles Treppenhaus geht es hinunter in das wahre Zentrum der Klinik.

Rund 25 Frauen leben hier unten, sie verbringen ihre langen Tage in einem karg eingerichteten Gemeinschaftsraum, der an eine Jugendherberge erinnert. Zur Mittagszeit tratschen die Frauen und essen Gemüse mit Reis. Aber was nach einem gemütlichen Treffen aussieht, nennen die Frauen Arbeit – sie alle sind schwanger und tragen ein Kind aus, das nicht ihres ist. Viele nennen die Klinik deswegen auch: die Baby-Fabrik.

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Anand im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat ist das Zentrum der indischen Leihmutter-Industrie. Hunderte Frauen verdienen in der Region mit dem Austragen von Babys ihr Geld, allein in der Akanksha-Klinik sind bereits mehr als 1200 Kinder geboren worden. Die wohl größte Leihmutter-Klinik gilt als Aushängeschild der Branche und Klinik-Chefin Nayana Patel als eine der prominentesten Verfechterinnen der kommerziellen Leihmutterschaft. Dass arme Frauen vom Land reichen Städtern den Kinderwunsch erfüllen, nennt sie eine „Win-Win-Situation”.

Derzeit kämpft Patel ihre vielleicht letzte Schlacht. Denn im indischen Parlament beraten die Abgeordneten über ein Gesetz, das die kommerzielle Leihmutterschaft in Indien komplett verbieten würde. Es wäre eine Zäsur: Mehrere tausend Leihmutter-Kliniken bieten in Indien ihre Dienstleistung an. Der Umsatz der Branche lag einst bei rund zwei Milliarden Euro. Zwar dürfen ausländische Paare seit Kurzem keine Leihmütter mehr in Indien in Anspruch nehmen, doch immerhin blieben noch Inder als große Kundengruppe erhalten. „Kommt das Gesetz in seiner jetzigen Form, würden Kliniken endgültig schließen und ins Ausland abwandern”, sagt Patel. „Oder einfach im Geheimen weiter operieren.”

Wieder einmal steht die globale Leihmutter-Industrie vor einem Umbruch und wieder einmal wird die Branche wohl einfach weiter wandern: Das Austragen von Kindern ist in der globalisierten Weltwirtschaft zu einer Dienstleistung geworden, und in den Schwellenländern bleibt das Angebot dieser Dienstleistung nahezu unerschöpflich – trotz zahlreicher Gesetzesverschärfungen. „Die gesamte Branche ist im Umbruch, aber sie verschwindet nicht”, sagt Sam Everingham, Global Director der Beratungsorganisation „Family through Surrogacy“.

Gleich mehrere Regierungen waren in der jüngsten Vergangenheit nach Skandalen gegen die kommerzielle Leihmutterschaft vorgegangen: Die thailändische Junta verbot die kommerzielle Nutzung der Reproduktionstechnik, nachdem 2014 ein japanischer Millionär rund ein Dutzend Leihmutter-Kinder in Auftrag gegeben hatte und ein australisches Pärchen sich weigerte, ein mit Down-Syndrom geborenes Baby mit nach Hause zu nehmen. Fast zeitgleich verschärften auch die indischen Behörden die Gesetze und untersagten Leihmutterschaften für Ausländer.


Leihmütter weichen in ärmere Länder aus

Es dauerte nur wenige Wochen bis Kliniken und Agenten in Ländern wie Nepal und Kambodscha versuchten, die Lücke zu schließen. Doch mittlerweile haben auch diese beiden Staaten das Geschäft mit den Bäuchen verboten. In Kambodscha, wo innerhalb kurzer Zeit aus dem Nichts schätzungsweise rund 50 Kliniken entstanden, griff der Staat diesen Oktober durch. Im November nahmen die Behörden des Landes auch noch eine australische Agentin fest. Jetzt sind viele Eltern in Sorge um ihre noch nicht eingepflanzte Embryos – und ihre bereits in Leihmüttern wachsenden Kinder.

Das Chaos spürt derzeit auch Gaurav Wankhede, Gründer der Agentur „Become Parents“ in Kalkutta. Sein Unternehmen bringt Kliniken, Leihmütter und Eltern zusammen – und war auch in Kambodscha tätig. Jetzt ist er damit beschäftigt, Eltern zu helfen, noch nicht eingepflanzte Embryonen außer Landes zu bringen. Viele werden wohl in Asien bleiben, sagt Wankhede. Daneben würden auch Kliniken in Georgien und der Ukraine profitieren.

Die neuen Länder werden dabei immer ärmer: Mittlerweile rücken Staaten wie Laos oder Myanmar in den Fokus der Branche – wo eine hohe Rechtsunsicherheit herrscht, die Institutionen schwach und medizinische Standards niedriger sind. Insbesondere in Laos würden schon jetzt große indische Kliniken investieren, sagt Berater Everingham. In den permanenten Gesetzesänderungen und der Wanderung der Industrie sieht er eine Gefahr für alle Beteiligten, sagt er. “Ständig wird Unsicherheit geschaffen. Darunter leiden sowohl die Leihmütter als auch die leiblichen Eltern.”

Legal sind kommerzielle Leihmutterschaften zwar auch in einigen westlichen Staaten. Doch aufgrund der höheren Kompensationen der Frauen und teurerer medizinischer Kosten ist sie für die meisten unerschwinglich. In der Ukraine ist ein Leihmutter-Kind für rund 45.000 US-Dollar zu haben, in Kambodscha mussten Paare sogar nur rund 30.000 US-Dollar hinlegen. In den Vereinigten Staaten müssen Kunden in der Regel deutlich mehr als 100.000 US-Dollar berappen.

Chefärztin Patel sieht nichts Schlimmes darin, dass Frauen aus armen Ländern ihre Gebärmutter zur Verfügung stellen. Ihre Klinik sieht sie als eine Art Entwicklungsprojekt. "Ich gebe den Frauen eine Perspektive, die sie sonst nie haben können”, sagt Patel. Umgerechnet rund 6000 Euro bekommen Leihmütter für die Strapazen während der neun Monate und der Geburt. Bei Zwillingen legt Patel noch einmal 1000 Euro oben drauf. Ein Vermögen für die Frauen, die mit Feldarbeit weniger als zwei Euro am Tag verdienen würden. Zudem seien die Frauen medizinisch top betreut und abgesichert, sagt Patel.


„Die Menschen werden immer Wege finden“

Der Tagesablauf der Frauen ist streng getaktet. Wann sie welches Medikament nehmen, zu welcher Uhrzeit sie was essen dürfen und wie sie sich zu welcher Phase der Schwangerschaft zu verhalten haben. Damit sie sich dieser Kontrolle nicht entziehen können, bleiben sie die ganze Zeit über in der Klinik. Immerhin dürfen ihr echten Familien sie einmal besuchen kommen. Gelegentlich telefonieren sie auch mit den leiblichen Eltern der Kinder, die sie gerade austragen – falls beide Seiten das möchten.

„Ich würde mich noch einmal dafür entscheiden", sagt die 32-jährige Pooja Mukeshbhai Nair, im achten Monat schwanger. „Das ist die beste Unterkunft, in der ich jemals gewohnt habe.” Angst davor, dass sie eine zu enge Bindung zu dem Kind bekommen, hätten sie nicht, sagen die Frauen. Allerdings äußern sich in Internetforen auch immer wieder Leihmütter, die die Trennung von dem Kind nicht verkraften – selbst, wenn sie keinerlei genetische Verbindung zum Kind haben.

Für die Befürworter regulierter, kommerzieller Leihmutterschaften sind stabile Verhältnisse das beste Argument gegen weitere Verbote. „Der Wunsch nach Kindern ist so groß, die Menschen werden immer Wege für Leihmutterschaften finden”, sagt Agent Wankhede. „Wenn man es schon nicht verhindern kann, dann doch bitte transparent machen und regulieren.”

Doch bisher geht der Trend eher in die andere Richtung: Mittlerweile werden die Geschäfte auch länderübergreifend organisiert, um Gesetzeslücken in den jeweiligen Staaten zu nutzen. Viele Kambodschanerinnen dürften angesichts der Unsicherheiten durch das plötzliche Verbot nun nach Thailand gebracht werden, um zu entbinden – was in Thailand weiterhin vollkommen legal wäre.

Schon davor wurden umgekehrt Thailänderinnen nach Kambodscha für die Einpflanzung der Embryos und die Entbindung nach Kambodscha gebracht. Sollte Indien nun bald die Leihmutterschaft verbieten, dürften bereitwillige Inderinnen wohl bald ins Flugzeug gesetzt werden, vermutet Berater Everingham. „Ich halte das für sehr wahrscheinlich.”

Quelle:  Handelsblatt Online
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