Konjunktur: Druck auf Chinas Exportwirtschaft wächst

Konjunktur: Druck auf Chinas Exportwirtschaft wächst

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Audi-Produktion in China: sinkender PKW-Absatz

Die schwächere Konjunktur in den USA und Europa setzt Chinas exportlastiges Wachstumsmodell unter Druck. Jetzt ist der Binnenkonsum gefragt.

Wenn es etwas gibt, das den Aufstieg der chinesischen Mittelklasse symbolisiert, dann ist es das Automobil. China ist mittlerweile der zweitgrößte Automarkt der Welt. Umso beunruhigender ist daher, dass der Pkw-Absatz im August zum ersten Mal seit drei Jahren gesunken ist. Shanghai General Motors etwa, drittgrößter Autoproduzent in China, meldete einen Absatzeinbruch von 19 Prozent zum Vorjahr.

Wie das Auto den neuen Wohlstand der Chinesen, so spiegelt der Export den volkswirtschaftlichen Aufstieg Chinas wider. Stolze 11,5 Prozent betrug der Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2007. Doch nun zeigt auch hier der Trend nach unten. In der ersten Hälfte dieses Jahres fiel der Exportzuwachs auf 22 Prozent nach 28 Prozent im entsprechenden Vorjahreszeitraum – auf US-Dollar-Basis. Gemessen in der chinesischen Währung ist der Knick noch stärker, da der Yuan im ersten Halbjahr um 6,4 Prozent aufgewertet hat. Experten erwarten für 2009 nur noch einen Leistungsbilanzsaldo von 7,0 Prozent.

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Vor allem ist es die internationale Konjunktur, die derzeit die Fortschreibung der chinesischen Wachstumsstory gefährdet. „Die Folgen der nachlassenden Weltwirtschaft“, sagt Stephen Green, Analyst bei der Standard Chartered Bank Shanghai, „bereiten Peking Kopfzerbrechen.“ Mit Europa, den USA und Japan sind die wichtigsten Handelspartner Chinas in die Krise geraten und fragen weniger Güter aus China nach. Damit steht auch das exportlastige Wachstumsmodell auf der Kippe, das China seit Jahren zu zweistelligen Zuwächsen beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) verhilft.

Realismus ersetzt Enthusiasmus

Damit nicht genug: Auch als Standort verliert China an Boden, vor allem bei den Lohnkosten. Im ersten Quartal schossen die Löhne in den städtischen Regionen um 21,4 Prozent in die Höhe. Das ist vor allem dem neuen Mindestlohn von umgerechnet 70 Euro pro Monat geschuldet, den die Regierung zum Jahreswechsel beschlossen hatte. Dadurch werden Länder wie Vietnam, Indien oder Bangladesch für westliche Firmen attraktiver.

Ohnehin ist der China-Enthusiasmus vieler Investoren einem neuen Realismus gewichen. Die Direktinvestitionen sinken. Im ersten Quartal ist die Zahl der Investitionen europäischer Firmen um 26,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken, so die Europäische Handelskammer in Peking. Das liege auch daran, dass China ausländische Firmen immer noch durch bürokratische Schikanen behindere, um heimischen Betrieben Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. „Handels- und Investitionshindernisse werden immer raffinierter“, schimpft Kammerpräsident Jörg Wuttke.

Angesichts der schwächeren Weltwirtschaft sind nun die Chinesen selbst als Nachfrager gefordert. Die Verbraucher haben dazu auch das Geld in der Tasche aufgrund der hohen Lohnzuwächse, zudem treibt der robuste Arbeitsmarkt seit Jahren die Beschäftigung in die Höhe. Die offizielle Arbeitslosenquote ist auf vier Prozent gesunken. Das bedeutet nicht, dass in China schon Vollbeschäftigung herrscht. Die Arbeitslosenstatistik erfasst nur die in den Städten gemeldeten Einwohner, nicht die Wanderarbeiter. Dennoch sind diese Zahlen ein Indiz dafür, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt nach den Entlassungswellen der Staatskonzerne stabilisiert hat. Die Verbraucher jedenfalls sind positiv gestimmt: Der Umsatz im Einzelhandel legte zuletzt mit Wachstumsraten um 15 Prozent zu. Den Absatzeinbruch bei den Autos erklären Experten mit den Olympischen Spielen: Anstatt in die Verkaufssalons zu gehen, hätten viele lieber TV gesehen.

Bruttoinlandsprodukt und Export (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken) Quelle: National Bureau of Statistics of China

Bruttoinlandsprodukt und Export (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Bild: National Bureau of Statistics of China

Ein starker Konjunktureinbruch zeichnet sich bisher noch nicht ab, allenfalls lässt die Dynamik nach. Im zweiten Quartal legte die chinesische Wirtschaftsleistung um 10,1 Prozent zu, nach 10,6 Prozent im ersten Vierteljahr und 11,9 Prozent im Vorjahr. Die Experten des privaten Think Tanks Global Insight rechnen für das Gesamtjahr 2008 mit einem Wachstum von zehn Prozent. Im kommenden Jahr sollen es dann neun Prozent werden. Ähnlich sehen es die meisten anderen Analysten.

„Wir glauben weiterhin an eine weiche Landung“, schreiben auch die in Hongkong ansässigen Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley. Allerdings könnte ihnen die hohe Inflation einen Strich durch die Rechnung machen, die neben der globalen Rezessionsgefahr das Hauptrisiko für Chinas weitere wirtschaftliche Entwicklung ist. Im Februar hatte die Teuerungsrate mit 8,7 Prozent einen neuen Höchststand erreicht.

Chinas Inflationsrate bewegt sich seitdem aber wieder nach unten. Im August lag sie bei 4,9 Prozent, der vierte Rückgang in Folge. Glenn Maguire, Analyst der Société Générale Asia Pacific, glaubt, dass der Preisauftrieb den Höhepunkt überschritten hat. Grund: Die Lage bei den beiden großen Preistreibern Energie und Lebensmittel entspannt sich wieder. Im August stiegen die Nahrungsmittelpreise zwar noch um 10,3 Prozent, im Juli waren es jedoch noch 14,4 und im Juni gar 17,3 Prozent gewesen. Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte die Inflationsrate im vierten Quartal auf 4,5 Prozent fallen. Das wäre Peking sehr recht: Ministerpräsident Wen Jiabao hatte im März auf dem Nationalen Volkskongress ein Inflationsziel von maximal 4,8 Prozent für das Gesamtjahr 2008 verkündet.

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