Konjunktur: Japan taumelt in die Krise

Konjunktur: Japan taumelt in die Krise

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Konsum und Arbeitsmarkt in Japan (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft, die siebenjährige Wachstumsperiode ist zu Ende. Die jüngsten Daten zeigen allesamt nach unten. Die Zeichen sind deutlich: Japan taumelt in die Krise.

Nach außen hin geben sich die Währungshüter der Bank von Japan (BoJ) cool. Von Rezession könne keine Rede sein, beteuert Notenbankgouverneur Masaaki Shirakawa. „Es ist unwahrscheinlich, dass unsere Wirtschaft eine tiefgreifende Korrekturphase durchleben muss.“ Allenfalls werde das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt in den kommenden Monaten „etwas schleppend verlaufen“. Etwas schleppend? Nun ja. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im fernöstlichen Industriestaat ist zwischen April und Juni um 0,6 Prozent geschrumpft. Auf das gesamte Fiskaljahr hochgerechnet würde sich daraus ein Minus von 2,4 Prozent ergeben. Setzt sich der Trend fort, geht eine siebenjährige Wachstumsperiode zu Ende – der längste Boom, den Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat. Im vergangenen Monat senkte die BoJ die Wachstumsprognose bereits um drei Basispunkte auf nur noch 1,2 Prozent. „Wenn die BoJ im Oktober die nächste Prognose wagt, wird der Konjunkturdaumen wahrscheinlich weiter gesenkt“, befürchtet Masaaki Kanno, Chefvolkswirt bei JP Morgan Chase & Co in Tokio. Der Ökonom hält ungeachtet aller offiziellen Beschwichtigungen eine Rezession für „unvermeidlich“.

Einbruch auf breiter Front

Die Unternehmen bekommen den Gegenwind schon zu spüren. Das Brokerhaus Nomura rechnet bei den 350 größten japanischen Konzernen (ohne Geldinstitute) für das laufende Finanzjahr mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von 3,3 Prozent. „Sinkende Exporte, schwächelnde Binnennachfrage, fallende Immobilienpreise, eingefrorene Investitionen, hohe Lagerbestände und steigende Kosten führen zu einem Einbruch auf breiter Front“, beschreibt Akira Maekawa vom Schweizer Bankhaus UBS in Tokio die Lage. Nach Analyse von Kyohei Morita, Ökonom bei Barclays Capital, bilden die „drei fundamentalen Schwächen der japanischen Wirtschaft wieder eine gefährliche Mischung“. Nippon ist abhängig von Exporten, aber auch von teuren Importen wie Öl, Stahl und anderen Rohstoffen sowie nicht zuletzt von der Kaufkraft der privaten Haushalte, die mehr als die Hälfte des BIPs beisteuern. Die jüngsten Daten zeigen allesamt nach unten. Der Export sank im zweiten Quartal mit minus 2,3 Prozent so heftig wie seit dem Krisenjahr 2001/02 nicht mehr. Die Lieferungen in die USA fallen seit neun Monaten. Erstmals seit Dezember 2006 wurden im Mai auch weniger japanische Waren nach Europa exportiert. Bisher hatten Ausfuhren in aufstrebende Märkte, vor allem nach China, die Schwächen im US-Geschäft noch kompensiert. Aber auch darauf ist kein Verlass mehr. Die Lieferungen ins Reich der Mitte legten im Juni statt der gewohnten Steigerung von über zehn Prozent nur noch halb so stark zu.

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Angst vor der Stagflation

Nippon

BIP und Tankan-Geschäftsklimaindex in Japan (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Besonders trifft die Abkühlung Nippons Maschinenbau, traditionell neben der Auto- und Elektronikindustrie die wichtigste Stütze der Wirtschaft. Zwischen Januar und Juni bestellten chinesische Kunden 0,3 Prozent weniger Maschinen und Ausrüstungen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – der erste Rückgang seit drei Jahren. Und Nippons Firmen droht ein weiterer Einbruch ihrer Umsätze, wenn in Peking die von den Olympischen Spielen entfachte Sonderkonjunktur endet. Der japanische Binnenmarkt wird diese Verluste kaum kompensieren können. Die Verbraucherpreise stiegen bis Juni mit 1,9 Prozent schneller als in jedem anderen Quartal der vergangenen Dekade. Öl- und Materialkosten sprangen um 7,1 Prozent nach oben – so stark wie zum letzten Mal während der Ölkrise vor 27 Jahren. Ökonomen befürchten, dass die Teuerungsrate im Spätsommer auf ein neues Zehnjahreshoch steigt. „So wie es aussieht, steuert Japan auf eine Stagflation zu“, fürchtet Morita. „Zwar ist die Inflationsrate nach zehn Jahren Deflation im Vergleich zu anderen Industriestaaten noch immer gering“, sagt Ryutaro Kono, Chefvolkswirt bei BNP Paribas in Tokio. „Aber dafür ist das Angstsparen weit ausgeprägter.“ Die 128 Millionen Japaner geben immer weniger aus, allein die Warenhausumsätze sanken im Juli im Jahresvergleich um 2,5 Prozent. Die Regierung reagiert nun auf die Krisensymptome mit einem staatlichen Konjunkturprogramm, das dem Vernehmen nach einen Umfang von umgerechnet rund 50 Milliarden Euro haben soll. Geplant ist unter anderem, das von steigenden Spritpreisen gebeutelte Transportgewerbe durch eine reduzierte Autobahngebühr zu entlasten. Kleinbetriebe sollen öffentliche Kreditgarantien erhalten, Fischer und Bauern winken Beihilfen zur Anschaffung energiesparender Ausrüstungen. Auch die Notenbank will Flagge zeigen. „Niedrige Zinsen sind unser bewährtes Rezept“, ließ BoJ-Chef Shirakawa verlauten. Ökonomen interpretieren die Aussage so, dass die Zentralbank den Leitzins nicht vor Herbst 2009 über die aktuellen 0,5 Prozent anheben will. Damit die Wirtschaft bald nicht mehr „schleppend“ läuft.

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