Konjunktur: War's das, China?

Konjunktur: War's das, China?

Bild vergrößern

Mitarbeiter in einer Fabrik in Dongguan

Ausgerechnet die Reichen und der chinesische Staat gefährden den sagenhaften wirtschaftlichen Erfolg des asiatischen Riesen.

»Ach«, sagt der Immobilienmakler, »das ist ein völlig veralteter Stadtteil.« – »Wie alt ist er denn?« – »Wurde vor zehn Jahren gebaut.«

Dongguan ist eine atemlose Stadt. Wer hierherkommt, der tut es nicht aus Interesse an Kultur, nicht des Klimas oder der Liebe wegen, sondern um Geld zu verdienen. Noch in den siebziger Jahren war Dongguan ein Bauernkaff, bis der Süden Chinas zur Werkstatt der Welt wurde und Dongguan zu ihrer meistgenutzten Werkbank. Zu Millionen strömten Menschen aus allen Landesteilen hierher, um sich in den Fabriken zu verdingen.

Anzeige

Wer in China einen Schuh kaufte oder ein Möbelstück, der hielt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Stück aus Dongguan in der Hand. Und die Stadt wandelt sich schon wieder.

Dongguan, das sind die schmutzigen Abwässerkanäle, die Fabriken, vor denen abends die Arbeiter mit nacktem Oberkörper Billard spielen. Das sind aber auch Parks und Hightech-Unternehmen, die die Stadtverwaltung angelockt hat. Mittlerweile leben hier zwei Millionen Einheimische und dreimal so viele Zugereiste. Einige von ihnen scheiterten, stürzten sich von den Dächern ihrer Häuser, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht aushielten, andere schafften es vom Wanderarbeiter zum Fabrikbesitzer. Viele der Zugereisten sind jung und zum ersten Mal weg von zu Hause. Hier zeigt sich das Leben in vielen Facetten – ein idealer Ort, um der Frage nachzugehen, wie es um die chinesische Wirtschaft bestellt ist.

Auf den ersten Blick: fantastisch. Die USA und Europa versuchen verzweifelt, ihre Schuldenkrisen zu bewältigen, China aber sitzt auf Währungsreserven von 3,2 Billionen US-Dollar. Im vergangenen Jahrzehnt wuchs die chinesische Wirtschaft durchschnittlich um 10,5 Prozent, derzeit sind es 9,5. Ein Großteil des Wachstums geht auf den Investitionseifer des Staates zurück, 47,89 Prozent, so genau wird so etwas hier in die Statistiken eingetragen. Nur rund 34 Prozent steuert der private Konsum bei.

Fabrikbesitzer Bao Genfa, 39, leidet auf hohem Niveau, auf einer breiten, mit Goldrand verzierten Couch, in der Ecke ein Golfcaddie, doch er leidet. Bao hat die hochgezogenen Brauen eines staunenden und die Unterlippe eines schmollenden Menschen, aber er ist vor allem nervös. Unablässig wippt er mit dem Fuß, irgendwie, ahnt er, ist eine Ära vorbei, die ihn, Bao Genfa, auf diese Chefcouch gehoben hat.

Einst war Bao selbst ein Wanderarbeiter, der für umgerechnet 60 Cent am Tag Schuhe zusammenklebte, bis er sich sagte: Was die da oben können, kann ich auch, und vom mühsam Ersparten eine eigene Firma für Schuhmaterial eröffnete. Dort lässt er Stoffe und Plastik zusammenfügen, später entstehen daraus Schuhe. Studiert hat Bao nicht, doch er bildete sich weiter, lernte Buchhaltung. »Wenn andere acht Stunden arbeiten, dann arbeite du 16«, sagte er sich. Und hat es nicht funktioniert? Hatte seine Firma in guten Zeiten nicht 400 Angestellte?

Die guten Zeiten aber sind lange vorbei. Bao hatte sich daran gewöhnt, dass sich die Wirtschaft zuweilen so launenhaft verhielt wie eine zickige Geliebte, doch letztlich ging es immer wieder bergauf. Jetzt aber hat sich etwas verändert. »Das Schuhgeschäft ist einfach nicht mehr das, was es einmal war.«

Bao erinnert sich noch gut an die Asienkrise von 1997, als Japans Banken unter faulen Krediten zusammenbrachen, sich die Krise auf viele Nachbarländer ausweitete und die Japaner keine Markenschuhe mehr kaufen wollten. Damals hatte er viel Geld verloren, später aber zog das Geschäft wieder an. Doch nach der Finanzkrise von 2008 lief das Geschäft nie mehr wirklich gut. Nach dem Neujahrsfest von 2009 kehrten viele Wanderarbeiter nicht mehr zurück nach Dongguan. Sie wussten, dass die Auftragsbücher ihrer früheren Firmen leer waren.

Stattdessen versuchten sie, Arbeit in der Nähe ihrer Heimat zu finden. Und weil viele Lokalregierungen das gewaltige Stimulusprogramm der Zentralregierung genutzt hatten, gab es diese auch. Als sich im Sommer die Auftragsbücher der Fabriken in Dongguan wieder füllten, waren keine Arbeiter mehr da. Bao musste seinen Leuten mehr Gehalt bieten. Auch weil die Regierung beschlossen hatte, die ausbleibende Nachfrage aus dem Ausland durch inneren Konsum zu ersetzen. In vielen Provinzen stieg der Mindestlohn, denn Arbeiter können nur mehr konsumieren, wenn sie mehr verdienen. »2007 bekam ein Arbeiter 800 bis 1.000 Renminbi, umgerechnet bis zu 110 Euro, inzwischen sind es 2.300 bis 3.000 Renminbi, dazu kommen Essen und Unterkunft.« Und das, seufzt Bao, sei längst nicht alles. Die Inflation! Alles werde teurer! Der Strom, das Material!

Dongguans Erfolgsrezept, das war billige Produktion. Inzwischen aber ist Dongguan nicht mehr so günstig. Dazu komme, klagt Bao, dass die Lokalregierung materialintensive Industrien wie die seine loswerden wolle. Viele Kollegen hätten Dongguan bereits verlassen, seien nach Myanmar oder Kambodscha, in den armen Westen Chinas umgesiedelt. Die Banken gäben den kleinen Firmen keine Kredite mehr, es blieben nur die privaten Verleiher, und die verlangten Wucherzinsen von bis zu 36 Prozent. Und zu all dem, seufzt Bao, der Renminbi! Unaufhörlich steige er! Die meisten Handelspartner Chinas halten den Renminbi für künstlich unterbewertet, für Unternehmer wie Bao kann er nicht schwach genug sein.

Ein schwacher Renminbi verschafft ihm einen Vorteil auf dem Weltmarkt, Baos Produkte sind dann günstiger als die der Nachbarländer. Die Exportunternehmer drängen daher die chinesische Führung, den Renminbi nicht aufzuwerten. »Unsere Regierung«, sagt Bao, »darf den Amerikanern nicht nachgeben.«

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%