Kontra Olympia-Boykott: Alle Augen auf Russland!

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KommentarKontra Olympia-Boykott: Alle Augen auf Russland!

von Florian Willershausen

Je mehr sich ein Land der Welt öffnet, desto offener wird seine Gesellschaft. Daher ist ein Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi falsch – plumpe Empörungsrhetorik lässt Putin nicht zum Demokraten werden.

Schließen wir mal für einen Moment die Augen und stellen uns vor, die Winterspiele fänden nicht in Russland statt. Sondern in Österreich, nur als Beispiel, eine gestandene Demokratie mit Blasmusik und Hopsasa. Würden wir viel Neues über Russland erfahren? Wohl kaum!

Längst hätte sich die Aufregung um Putins Anti-Homosexuellen-Politik gelegt: Gesetze gegen Schwule und Lesben sind in Russland seit einem halben Jahr ein Faktum, ob es uns passt oder nicht. Auch wäre niemand positiv von den Russen überrascht, die sich der Welt als gastfreundlich und kreativ präsentieren wollen. Wären die Olympischen Spiele in Österreich, könnte sich der Deutsche samt Weißbier vor die Glotze fläzen und in eine vertraute Alpenkulisse blicken. Niemand müsste über den Tellerrand nach Russland schauen, wo Steinzeit-Kommunisten in schlecht isolierten Plattenbauten leben und Bären über die Straße flanieren. Das ist fantastisch!

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Pro Olympia-Boykott Warum Politiker von den Spielen wegbleiben sollten

Ich bin begeistert. Endlich zeigt Deutschland dem menschenfeindlichen Regime in Russland die rote Karte - und dann gleich noch das Staatsoberhaupt. Danke, Herr Bundespräsident!

huGO-BildID: 34217077 ARCHIV- Bundespräsident Joachim Gauck spricht am 12.04.2013 im Schloss Bellevue in Berlin. Am 50. Todestag des ersten Bundespräsidenten Heuss kommt sein aktueller Amtsnachfolger Gauck in die Landeshauptstadt. Foto: Maurizio Gambarini/dpa (zu lsw "Bundespräsident Gauck würdigt Amtsvorgänger Theodor Heuss" vom 10.12.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Öffnen wir die Augen: Heute beginnen die Olympischen Winterspiele in einem Land, über das man im Westen immer noch viel zu wenig weiß – und unsere Politiker boykottieren einfach die Spiele. Frankreichs Präsident François Hollande fährt nicht hin, Großbritanniens Premier David Cameron auch nicht, die EU-Kommission bleibt dem Sportfest fern, und weder Bundespräsident Joachim Gauck noch Kanzlerin Angela Merkel wollen Deutschland vertreten. Alle empören sich über Russland unter Präsident Putin, der gegen Homosexuelle ist, Menschenrechte mit Füßen tritt, kein tadelloses Rechtssystem pflegt oder einem aus weißnichtwelchen Gründen zuwider ist.

Das ist naiv! Mit bloßer Empörungsrhetorik wird niemand Putin zum Demokraten umerziehen. Der zieht nur ins Schneckenhaus des Autoritarismus zurück, wenn man ihn öffentlich geißelt. Ein Reflex des Westens, an den sich Putin längst gewöhnt hat. Es ist Selbstbetrug zu glauben, der Kreml würde etwa die Anti-Homo-Gesetze auf außenpolitischen Druck hin kassieren. Zumal die rein innenpolitisch motiviert sind: Diese Abgrenzung von Schwulen und Lesben soll ähnlich wie Erdogans Islamisierung in der Türkei den konservativen Teil jener Gesellschaft sammeln, die zumindest in Städten immer liberaler und offener wird.

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Olympische Spiele öffnen ein Land. Wie durch ein Brennglas richtet sich die Aufmerksamkeit aller Welt auf Sotschi. Seit Wochen reitet die Werte-Kavallerie in Gestalt von Journalisten und Menschenrechtlern durch das Land und schreibt alle moralisch verwerflichen Missstände auf, von der Behandlung der Gastarbeiter bis hin zu Umweltsünden. Und das ist auch gut so – wiewohl ein kaum verhohlener Hass auf Putin leider oft in eine unfaire Bewertung ganz Russlands mündet. Ins Bild von Olympia werden sich aber auch positive Töne mischen, eine farbenfrohe Eröffnungszeremonie vielleicht, oder schlicht der reibungslose Ablauf. Sicher die Gastfreundlichkeit der Menschen, die ich während meinen viereinhalb Jahren als Russland-Korrespondent erleben durfte.

Nichts ist schwarz und weiß – nicht einmal Russland. Der massierte Blick auf das Land wird das Russlandbild im Westen ein Stück weit der Realität anpassen. Umgekehrt bedeutet Olympia für die Russen einen massiven Austausch mit dem Rest der Welt, mit neuen Ideen, frischen Sichtweisen, modernen Werten. Die Liberalisierung der russischen Gesellschaft steht 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion noch recht am Anfang. Aber je mehr Politiker in Russland erscheinen, je intensiver auch Sportler vor den Ort den Dialog mit den Russen suchen, je größer das weltweite Interesse für Sotschi wird, desto mehr wird sich Russland der Welt öffnen.

Also auf nach Sotschi!

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