Krawalle in Ferguson: Ferguson wird zur Zerreißprobe für Amerikas Gesellschaft

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KommentarKrawalle in Ferguson: Ferguson wird zur Zerreißprobe für Amerikas Gesellschaft

von Martin Seiwert

Die Wut der Schwarzen in Ferguson hat ihre Wurzeln auch in düsteren wirtschaftlichen Perspektiven. Der Amerikanische Traum ist für die meisten unerreichbar - während weiße Topverdiener so reich sind wie nie zuvor.

Die Krawalle in Ferguson, Missouri, ließen nicht lange auf sich warten. Kaum hatte der Staatsanwalt am Montagabend bekanntgegeben, dass der Todesschütze sich nicht vor Gericht verantworten muss, gingen Dutzende junge Männer auf ein geparktes Polizeiauto los, versuchten es umzustürzen, schlugen die Scheiben ein. Dann ging der Wagen in Flammen auf. Bei der Fernsehübertragung der Ereignisse führte das zu paradoxen Momenten. Während links auf dem Bildschirm schwarze Jugendliche auf das Polizeiauto eintraten, lief auf der rechten Seite eine Live-Übertragung aus dem Weißen Haus, wo Präsident Barack Obama auf das Urteil der Jury in Ferguson reagierte und von Besonnenheit und Friedfertigkeit sprach.


Wut über den Rassismus in der Gesellschaft

So verstörend die Szene war, so symbolisch war sie zugleich: Die Wut, die sich bei den Jugendlichen in Ferguson entlud, kennen Schwarze in ganz Amerika – auch der Schwarze im Weißen Haus. Es ist die Wut über den weit verbreiteten Rassismus unter amerikanischen Gesetzeshütern – aber nicht nur. Die Wurzeln der Frustration liegen tiefer: in den düsteren wirtschaftlichen Perspektiven der schwarzen Bevölkerung.

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Präsident Obama spricht öffentlich nicht gern über seine Hautfarbe. Denn er weiß, dass jede Nähe, die er so zur schwarzen Community herstellt, ihn weiter von den weißen Landsleuten entfernt. Auch 51 Jahre nach Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede verlaufen in den USA abgrundtiefe soziale, ökonomische, kulturelle und religiöse Gräben zwischen den Rassen. Doch im Frühjahr dieses Jahres konnte Obama nicht mehr anders. Ausgelöst von Tod des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin, der in Florida von einem weißen Patrouillengänger und Möchtegern-Polizisten erschossen worden war, machte Obama seine persönliche Lebensgeschichte zum Thema.


Der Präsident brachte Menschen unterschiedlichster Herkunft, darunter die Eltern von Trayvon Martin, Stars und reiche Spender im Weißen Haus zusammen und gab die Gründung der Organisation „My Brother’s Keeper“ bekannt. Ausgestattet mit 200 Millionen Dollar Spenden soll die Organisation schwarzen männlichen Jugendlichen aus armen Verhältnissen helfen, besser in der Gesellschaft klar zu kommen – Jugendliche, wie Barack Obama einer war: „Ich hatte keinen Vater zuhause“, erzählte Obama offen wie nie zuvor. „Ich war wütend darüber, obwohl ich mir dessen damals nicht bewusst war. Ich habe falsche Entscheidungen getroffen, ich habe Drogen genommen, habe die Schule oft nicht ernst genommen, habe mich in Ausreden geflüchtet.“


Vom wütenden Kind zum mächtigsten Mann der Welt

Für Barack Obama wurde trotz Drogenkonsum und Schule-Schwänzen der „Amerikanische Traum“ wahr. Das wütende Kind aus einem gefährlichen Vorort von Chicago wurde der mächtigste Mann der Erde. Doch unter seinen schwarzen “Brüdern und Schwestern” ist er die große Ausnahme. Schon immer war es für Schwarze schwer den Aufstieg zu schaffen, aber es war schon lange nicht mehr so schwierig wie heute.
Der Amerikanische Traum vom wundersamen Aufstieg all jener, die hart arbeiten, ist ein Produkt der 50er- und 60er-Jahre. Damals wurde der Traum für immer mehr Amerikaner Realität. Doch seither geht es für große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich bergab und der American Dream verkommt zunehmend zum Luftschloss.

Nur das reichste Fünftel der US-Haushalte konnte sein Einkommen seit 1970 inflationsbereinigt steigern (plus 20 Prozent), das zweitreichste Fünftel schaffte noch die Stagnation. Der Rest der Bevölkerung hat heute unterm Strich zwischen 13 (mittleres Fünftel) und 40 Prozent (unterstes Fünftel) weniger als 1970.
Schwarze, die bis auf eine winzige Schicht von erfolgreichen „Obamas“ den unteren Einkommensschichten zugeordnet können, sind wirtschaftlich so abgehängt wie lange nicht. Zum allgemeinen Niedergang in ihren Einkommensschichten gesellt sich der spezifische Rassen-Nachteil: 11 Prozent der Schwarzen sind arbeitslos, bei den Weißen sind es fünf Prozent. Schwarze verdienen rund ein Viertel weniger als Weiße und in den vergangenen zehn Jahren ging die Schere immer weiter auseinander: Im Jahr 2000 verdienten schwarze Männer rund 20 Prozent weniger als Weiße, heute sind es rund 25 Prozent.

Viele Schwarze wachsen in Armut auf

Dass immer mehr schwarze Kinder in Armut aufwachsen, ist die logische Folge. Skandalöse 39 Prozent der schwarzen Kinder wachsen in einem armen Haushalt auf, bei den weißen Kindern sind es 14 Prozent. In den vergangenen 25 Jahren konnten weiße Haushalte drei mal mehr ansparen als schwarze und haben heute durchschnittlich ein fünfzehn mal höheres Vermögen.
Und in Ferguson? Dort ist alles noch schlimmer. Nirgendwo wachsen Schwarze und Weiße so strikt getrennt von einander auf. Nirgendwo sind die Einkommen zwischen Schwarzen und Weißen so unterschiedlich. 34 Prozent aller Kinder in Missouri leben in Armut, mehr als in jedem anderen US-Bundesstaat. Im Jahr 2000 waren es noch 25 Prozent. Unter Schwarzen ist der Anteil noch höher. In kaum einer anderen Region der USA sind die Schulen so schlecht. Und nirgendwo sonst sind die sozialen Strukturen – auch aufgrund der einstmals dort verbreiteten Sklaverei – so zerrüttet.

In der Stadt St. Louis, zu der Ferguson gehört, sind 26 Prozent der Schwarzen arbeitslos, verglichen mit sechs Prozent unter den Weißen. Weil sich gleichzeitig die Kosten für eine höhere Ausbildung in den vergangenen zwei Jahrzehnten vervielfacht haben, bleibt für die meisten schwarzen Kinder aus Missouri ein Studium unerreichbar. So kommt es, dass fast nirgendwo in den USA die soziale Mobilität, sprich der Aufstieg in eine höhere Einkommensschicht, so gering ist wie in Missouri.

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Ferguson ist ein Inbegriff der wirtschaftlich auseinanderdriftenden amerikanischen Gesellschaft. Selbst während der Great Depression der 20er-Jahre war die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen nicht so extrem. Das beunruhigt inzwischen sogar den amerikanischen Geld-Adel: „Zu viel Geld ist in die Taschen von zu wenigen geflossen“, sagt der Milliardär und Chef der Investmentbank Goldman Sachs, Lloyd Blankfein. „Die Ungleichheit ist jetzt sehr destabilisierend für Amerika.“
Destabilität - zu besichtigen in Ferguson, Missouri.

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