Krieg gegen IS: Iran dementiert Eingreifen

ThemaNaher Osten

Krieg gegen IS: Iran dementiert Eingreifen

von Hans Jakob Ginsburg

Im Irak hat die iranische Luftwaffe IS-Stellungen bombardiert - sagt Washington. Doch Teheran dementiert. Was steckt dahinter?

Eine spannende, potenziell sogar gute Nachricht: Die Luftwaffe der Iranischen Republik Iran hat Stellungen der IS-Terroristen vom "Islamischen Staat" im Irak bombardiert. Als unbestätigtes Gerücht lief dergleichen seit Tagen durch die internationalen Medien, heute Morgen deutscher Zeit kam die scheinbar völlig klare Bestätigung.

Flottenadmiral John Kirby, Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums, sprach von "Anzeichen, dass sie" – also Flugzeuge des Teheraner Regimes – "solche Aufträge vor wenigen Tagen im Osten des Irak ausgeführt haben".

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Die Wende im Kampf gegen IS? Gar der Auftakt zum wirklichen Bündnis der großen Feinde USA und Iran? Oder doch nur ein Beleg dafür, dass das Pentagon zur Zeit nicht nur ohne Minister an der Spitze, sondern im wahrsten Sinne des deutschen Wortes kopflos agiert?

Fakten zum Terror im Irak

  • Wer verbirgt sich hinter ISIS/IS?

    Die Terrorgruppe ISIS („Islamischer Staat im Irak und in Syrien“) ist eine im Syrienkrieg stark gewordene Miliz. Die Gruppe steht seit 2010 unter Führung eines ambitionierten irakischen Extremisten, der unter seinem Kriegsnamen Abu Bakr al-Baghdadi bekannt ist. Die USA haben zehn Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Ihm ist es in den vergangenen vier Jahren gelungen, aus einer eher losen Dachorganisation eine schlagkräftige militärische Organisation zu formen. Ihr sollen bis zu 10.000 Kämpfer angehören.

    Die Gruppe nannte sich Ende Juni in IS um, da sie die Einschränkung auf den Irak und Syrien aufheben wollte.

  • Was sind die Ziele von ISIS?

    ISIS sind Dschihadisten, Gotteskrieger. Sie kämpfen für eine strikte Auslegung des Islam und wollen ihr eigenes „Kalifat“ schaffen. Ihre fundamentalistischen Ziele verbrämt Isis bisweilen - wenn es in einzelnen Regionen gerade opportun erscheint. „Im Irak gerieren sie sich als Wahrer der sunnitischen Gemeinschaft“, weiß Aimenn al-Tamimi, ein Experte für die militanten Einheiten in Syrien und im Irak. „In Syrien vertreten sie ihre Ideologie und ihr Projekt weit offener.“ In der syrischen Stadt Rakka beispielsweise setzen die Extremisten ihre strikte Auslegung islamischer Gesetze durch. Aktivisten und Bewohner in der Stadt berichten, dass Musik verboten wurde. Christen müssen eine „islamische Steuer“ für ihren eigenen Schutz zahlen.

  • Welche Taktik verfolgt ISIS?

    Ihre Taktik ist eine krude Mischung von brutaler Gewalt und Anbiederung - alles zwischen Abschreckung durch das Köpfen von Feinden und Eiscreme für die Kinder in besetzen Gebieten. Das alles dient der Al-Kaida-Splittergruppe Isis nur zu einem Ziel: den Islamischen Staat im Irak und Syrien zu bilden, den ihr Name verheißt. Die Gruppe, der bis zu 10.000 Kämpfer angehören sollen, hat diese Woche die irakischen Städte Mossul und Tikrit überrannt und den Marsch auf Bagdad angekündigt.

  • Wie weit ist ISIS damit gekommen?

    Zu Jahresbeginn hatte Isis bereits die Stadt Falludscha und Teile der Provinz Anbar westlich von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht. Inzwischen hat ISIS maßgeblichen Einfluss auf ein Gebiet, das von der syrisch-türkischen Grenze im Norden bis zu einem Radius von 65 Kilometern vor der irakischen Hauptstadt reicht. Der einstige Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida, den US-Truppen vor ihrem Abzug aus dem Irak 2011 besiegt zu haben meinten, blüht in einer neuen Inkarnation wieder auf. Dabei profitiert Isis von den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, die ihre sunnitische Anhängerschaft radikalisieren.

    Bislang drangen ISIS-Kämpfer bis zur Provinz Dijala knapp 60 Kilometer nördlich von Bagdad vor. Rund 50 Kämpfer sollen dort laut Medienberichten bei Gefechten mit der irakischen Armee getötet worden sein. Die Isis habe sich daraufhin zurückgezogen, hieß es. Mittlerweile haben die Kämpfer die Städte Dschalula und Sadija in der Provinz Dijala unter ihre Kontrolle gebracht. Die Städte liegen 125 beziehungsweise 95 Kilometer von Bagdad entfernt.

  • Wie finanziert sich ISIS?

    Nach dpa-Informationen erbeuteten ISIS-Kämpfer in Mossul 500 Milliarden irakische Dinar (318 Millionen Euro) in der Zentralbank. Damit wird Isis zur reichsten Terrororganisation vor Al-Kaida. Experten schätzen das Vermögen der Al-Kaida auf 50 Millionen bis 280 Millionen Euro. Auch schweres Kriegsgerät soll ISIS erbeutet haben. Im Netz kursierende Videos zeigen irakische Panzer und Helikopter mit der schwarzen Flagge der Isis bei einer Militärparade in Mossul.

  • Welche Auswirkungen hat der Feldzug von ISIS auf die Bevölkerung?

    Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf Isis Bombenanschläge in Wohngebieten, Massenexekutionen, Folter, Diskriminierung von Frauen und die Zerstörung kirchlichen Eigentums vor. Einige Taten kämen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen sind mittlerweile rund eine Million Iraker auf der Flucht. Viele versuchten das als stabil geltende kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zu erreichen. Allein in Mossul waren binnen weniger Stunden 500.000 Menschen vor den Extremisten geflohen.

  • Warum ruft der Irak nicht den Notstand aus?

    Ministerpräsident Al-Malikis Versuch, am 12. Juni 2014 den Notstand auszurufen, war am Parlament gescheitert, das eine Abstimmung wegen mangelnder Beteiligung verschob. Seit Monaten zeigt sich Al-Maliki praktisch machtlos gegen den Terror sunnitischer Extremisten im Land. Dieser kostete seit April 2013 Tausenden Menschen das Leben.

  • Bekommt der Irak Unterstützung?

    Der UN-Sicherheitsrat sagte der irakischen Regierung einmütig Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus zu. Die Nato und Großbritannien schlossen einen militärischen Eingriff aus. Auch der iranische Präsident Hassan Ruhani hat dem Nachbarland die uneingeschränkte Solidarität im Kampf gegen die Terrorgruppe Isis zugesichert. Sowohl auf regionaler als auch internationaler Ebene werde der Iran alles im Kampf gegen die Terroristen im Irak unternehmen, sagte Ruhani dem irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki. Mittlerweile prüft die US-Regierung auch militärische Optionen.

So mochte es schon nach wenigen Stunden scheinen. Heute Mittag dementierte der Iran die sensationelle Nachricht. "Iran war niemals an Luftangriffen gegen IS-Ziele im Irak beteiligt. Auch kommt irgendeine Zusammenarbeit mit Amerika bei solchen Angriffen für den Iran nicht in Frage".

So zitiert die internationale Nachrichtenagentur Reuters einen ungenannten "hohen Amtsträger" in Teheran. Wird da bewusst gelogen, und wenn ja: in welcher Hauptstadt? Oder laufen die Informations- und Kommunikationsstränge in mindestens einer der involvierten Regierungen ganz schlecht?

Das Bestürzende ist dieser Tage, dass man sich dergleichen sowohl für Washington wie für Teheran vorstellen kann. Ist der iranische "hohe Amtsträger" einer der konservativen Hardliner, die jede Annäherung gegen die USA hintertreiben wollen? Oder will der Sprecher des Pentagon ein Szenario herbeireden, das bisher noch Wunschdenken ist? Für die weitere Entwicklung bedeuten beide Möglichkeiten nichts Gutes.

Denn eindeutiger als im extrem fragmentierten Lager der IS-Feinde geht es bei den islamistischen Terroristen selber zu. Der so genannte Kalif Abubakr al-Bagdadi hat nicht nur den großen amerikanischen Luftangriff in der vergangenen Woche überlebt. Er hat sich nach langer Zeit wieder einmal per Video an seine Anhänger gewandt – nicht nur ein Lebenszeichen, sondern eine gefährliche Botschaft: Bagdadi fordert Gleichgesinnte überall in der islamischen Welt auf, sich seiner Herrschaft zu unterwerden und den Kampf zum Sturz der heutigen Regime zu intensivieren.

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Da mag sich manch einer in Europa ein bisschen freuen, dass Bagdadi und Spießgesellen die Hauptfeinde in der eigenen Weltregion sehen und nicht wie weiland Osama Bin Laden im Westen. In Wirklichkeit ist die IS-Strategie für die Welt und für die Weltwirtschaft gefährlicher.

Der Hetzruf des falschen Kalifen hat bereits Gehör gefunden bei Terrorgruppen auf der ägyptischen Sinaihalbinsel zwischen Suezkanal und israelischer Grenze. Auch in Marokko und sogar in Pakistan haben sich bisher auf Al Qaida eingeschworene Banden dem IS-Kalifat unterworfen.

Das berichtet die von Saudi-Arabien gesteuerte Londoner Zeitung „Asch-Scharq al-Awsat“: Das fromme arabische Königreich hat Angst vor den ultrareligiösen Terroristen – egal, ob der alte Feind Iran beim Kampf gegen IS mitmacht oder nicht.

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