Krieg in Osteuropa: 10 Mythen über Putin und die Ukraine

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KommentarKrieg in Osteuropa: 10 Mythen über Putin und die Ukraine

von Florian Willershausen

Noch immer ist die Ukraine-Krise nicht gelöst – doch im Netz wimmelt es von anonymen Schreiberlingen, die Putin als Helden vergöttern. Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.

Eigentlich ist die Kommentar-Funktion bei Online-Artikeln eine wunderbare Erfindung: Der Leser kann mit dem Redakteur in Dialog treten – und dieser nimmt dankend manche Idee auf, die der Kommentator hinterlässt. So funktioniert moderner Journalismus, ein ständiger Dialog zwischen Leser und Journalist.

Sobald es aber um Wladimir Putin und des Kremls Politik in der Ukraine geht, bleibt die Sachlichkeit vieler auf der Strecke. Antiamerikanismus verdrängt nüchterne Debattenbeiträge, Fakten gehen im Meer der Verschwörungstheorien unter, plumpe Relativierungen verhageln jede konstruktive Kritik. Ist Wladimir Putin wirklich der Herrscher, nach dem sich die Deutschen sehnen? Sind ihre Lobhudeleien gekauft? Oder sind die Vorzüge der hiesigen Wohlstandsgesellschaft so selbstverständlich geworden, dass sie sich mangels eigener Probleme imaginäre Feinde wie den US-Kapitalismus selber schaffen? Das sind Fragen, die wir an dieser Stelle wohl kaum beantworten werden. Allerdings mag es in der aufgeheizten Debatte weiterhelfen, einige Mythen über Putins Ukraine-Politik nüchtern zu betrachten.

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1. Russland schürt den Krieg in der Ost-Ukraine nicht, Putin will nur schlichten

Man muss die Augen ziemlich fest zukneifen, wenn man die technische und personelle Beteiligung der Russen bei der Rebellion in der Ost-Ukraine übersehen will. Die meisten Teilnehmer des Aufstands kommen aus Russland – die kaukasische Herkunft ist ihnen anzusehen. Wer sie bezahlt und verpflegt, weiß man nicht. Dass Waffen aus Russland in die Hände der Separatisten gelangt sind, ist indes über zig Fotos nachgewiesen. Offen bleibt, wer die Waffenlieferungen organisiert und finanziert. Sicher ist unterdessen, dass die russische Regierung die Versorgung der anti-ukrainischen Kämpfer duldet, indem die Grenzen löchrig gehalten werden. Zudem betreibt das Moskauer Staatsfernsehen praktisch rund um die Uhr einen Informationskrieg gegen Kiew, wo angeblich eine „faschistische Junta“ an der Macht ist. Schlichten geht anders.

2. Flug MH-17 haben die Ukrainer abgeschossen, um die Separatisten zu belasten

Bis heute fehlen hieb- und stichfeste Beweise, wonach Separatisten das malaysische Flugzeug MH-17 abgeschlossen haben. Die Verantwortung für den Tod von 298 Passagieren versuchen Separatisten ebenso wie russische Medien und windige Verschwörungstheoretiker der Kiewer Regierung zuzuschieben. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass ein Kampfjet der ukrainischen Armee die Maschine abgeschossen hat, zumal die Separatisten bislang keinen Luftkrieg führen. Umgekehrt deutet alles darauf hin, dass die Rebellen den Flieger in elf Kilometern Höhe irrtümlich abgeschossen haben. Rebellenführer rühmten sich in sozialen Medien und russischen Online-Portalen mit dem Abschuss eines Militärflugzeugs vom Typ Antonow-26 in der Region Horliwka – bis sie die Trümmer der Boeing fanden.

Fragen und Antworten zum Absturz von MH17

  • Können die Experten sicher sein, dass vor Ort nichts verändert wird?

    Nein. Der OSZE-Forderung, nichts an der Absturzstelle zu verändern, wurde nach Angaben einer Sprecherin zumindest nicht gänzlich nachgekommen. So seien Gepäckstücke von Flugzeuginsassen fein säuberlich aufgereiht worden. Ein anderer OSZE-Vertreter berichtete, am Samstag seien Leichen von Passagieren des Flugs MH17 von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand gebracht worden, ohne dass die OSZE-Experten Erklärungen dafür erhielten.

  • Können sich die Fachleute in der Ostukraine frei bewegen?

    Nein. Sowohl die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als auch die ukrainische Regierung haben sich auch am zweiten Tag nach der Katastrophe beschwert, dass die prorussischen Separatisten die Arbeit der Experten massiv behindern, die bereits jetzt vor Ort sind. Die Ermittler können sich nach den Angaben nicht völlig frei bewegen und stehen unter Aufsicht schwer bewaffneter Rebellen. Inzwischen sollen die Aufständischen nach ukrainischen Angaben immerhin einer „Sicherheitszone“ rund um die Absturzstelle zugestimmt haben.

  • Und was ist mit den Familien der Opfer?

    Das ukrainische Innenministerium hat in Charkow für Angehörige und Hinterbliebene der Opfer Hunderte Hotelzimmer reserviert. In der Großstadt stünden auch Übersetzer und Psychologen bereit. Noch ist es nach Angaben der Fluggesellschaft Malaysia Airlines nicht in allen Fällen möglich gewesen, Familienangehörige ausfindig zu machen.

  • Was ist mit den Opfern?

    Noch sind längst nicht alle 298 bei dem Absturz getöteten Insassen der malaysischen Passagiermaschine entdeckt worden. Zudem herrschen in dem Gebiet Temperaturen von um die 30 Grad. Nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums wurden die sterblichen Überreste der Passagiere und Besatzungsmitglieder nach Charkow gebracht, weit weg von den Gefechten. In der etwa 300 Kilometer von der Absturzstelle entfernten Stadt werde ein Labor zur Identifizierung eingerichtet, hieß es. Separatisten wiederum kündigten an, die Leichen würden in Mariupol identifiziert.

  • Wer koordiniert die internationale Untersuchung?

    Das ist noch immer nicht definitiv geklärt. Viele Länder, die Opfer zu beklagen haben, schicken eigene Experten in die Ukraine. Dort ist die Lage aber nach Angaben des Bundeskriminalamtes recht unübersichtlich. Sowohl der genaue Einsatzort als auch die Führung der Mission müssten noch geklärt werden, sagte ein Sprecher. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) schlug in einem Brief an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) die Einsetzung einer aus mehreren Nationen besetzten Untersuchungskommission vor. Deutschland biete für einen Einsatz unter der Leitung der ICAO die Unterstützung der Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung an, sagte Dobrindt „Focus Online“.

  • Wie ist die Situation im Absturzgebiet?

    Das Gebiet östlich von Donezk, in dem die Trümmer der abgestürzten Maschine liegen, ist riesig. Die Wrackteile sind nach Angaben des ukrainischen Rettungsdienstes über eine Fläche von etwa 25 Quadratkilometern verstreut. Das entspricht in etwa der Größe der ostfriesischen Insel Norderney. Wo die Flugschreiber sind, ist weiterhin nicht definitiv geklärt. Sie könnten in den Händen der Aufständischen sein. Separatistenanführer Alexander Borodaj sagte, die Black Boxes könnten dem Internationalen Roten Kreuz übergeben werden.

3. Die ukrainische Armee führt Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Ein Standardsatz der russischen Propaganda, der auf jeden Bürgerkrieg der Welt übertragbar wäre: Wo Krieg herrscht, gibt es immer auch Opfer unter der eigenen Zivilbevölkerung. Das ist die Tragik des Krieges: Ein Artilleriebataillon zielt auf ein Haus, aus dem der Gegner schießt – und trifft das Gebäude nebenan, wo friedliche Menschen getroffen werden. Dass sich Separatisten absichtlich in Wohngebieten verschanzen ist ebenso wenig bestätigt wie gezielte Morde vonseiten der ukrainischen Armee. Sicher ist indes, dass die Kriegsparteien so schlecht ausgestattet und ausgebildet sind, dass „Kollateralschäden“ besonders häufig vorkommen. Gegen die eigene Bevölkerung kämpft die ukrainische Armee dennoch nicht, zumal Kiew nach dem Konflikt irgendwie die Einheit des Landes wiederherstellen muss.

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30 Kommentare zu Krieg in Osteuropa: 10 Mythen über Putin und die Ukraine

  • Sehr geehrter Herr Willershausen,
    grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass in der Anonymität des Internets schnell unsachgemässe Kritiken und sonstige ideologischen Verirrungen kundgetan sind. Ich begrüsse Ihren Appell zu mehr Nüchternheit und dem Anerkennung auch entgegengesetzter Meinungen. Nur: Meinungen sollten als solche gekennzeichnet sein. Bei einem Onlinekommentar ist klar, dass der Verfasser seine persönliche Meinung kundtut. Bei dem kommentierten Artikel ist dies jedoch nur klar, wenn er deutlich als "Kommentar" gekennzeichnet ist. Dies ist bei Ihrem Artikel nicht der Fall.
    Ein "Mythos" ist eine "behauptete Wahrheit", wobei das Wort impliziert, dass er eben nicht die Wahrheit abbildet.
    In Ihrem "Artikel" fallen mir aber mehr Behauptungen und Argumente als belegbare Fakten auf. Dies ist per se nicht schlimm, wenn eben nicht in der Form des Artikels ein Anspruch auf Wahrheit (Fakten) erhoben würde.
    Ad Punkt 1) "Teilnehmer aus Russland", "kaukasische Herkunft" - die Ostukraine besteht aus ethnischen Russen, das sollte aber nicht mit einer Landeszugehörigkeit verwechselt werden. "Waffen aus Russland" - korrekter wäre "Waffen sowjetischen/russischen Ursprungs", und natürlich sind alle ukrainischen Waffen (beider Konfliktparteien) aus sowjetischer/russicher Produktion. "Grenzen löchrig" - wenn die Grenzen so löchrig sind, wieso kann dann der aktuelle Hilfsgütertransport nicht in die Ukraine rein?
    Ad 2) "deutet alles (auf die Separatisten) hin" - einziges Argument Ihrerseits sind Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Wenn Sie sich nicht - wie die russische Seite - der Propaganda bedienen wollen, wäre es mit dem ersten Hinweis auf fehlende Beweise getan.
    Ad 3) inhaltlich korrekt, aber im letzten Satz rechtfertigen Sie "dass Kiew (etwas tun) muss" - wenn eine Regierung eine Stadt im eigenen Land beschiesst, ist dies ein Bürgerkrieg und wenn eine Regierung sich auf die Seite einer der Konfliktparteien stellt, dann "führt sie Krieg gegen die eigene Bevölkerung".

  • (Fortsetzung)
    Ad 4) Bzgl internationalem Referendum gebe ich Ihnen Recht, das hätte weitaus mehr Legitimität erzeugt. Auch stimme ich Ihnen zu, dass das Vorgehen des Faktenschaffens inkorrekt war. Zu wenig Beachtung findet m.E. aber die Tatsache, dass die Krim einzig aus strategischen Überlegungen (Fortbestand des Stützpunktes der Schwarzmeerflotte) annektiert wurde. Sicherlich rechtfertigt dies nicht das einseitige Vorgehen, macht es aber erklärbar und relativiert den oft gehörten Vorwurf, dass Russland sich "ausdehnen" wolle.
    Ad 5) Ihre Argumentation ist klug, keiner kann sich dieser Formulierung entgegenstellen. Allerdings lässt sich der gegenwärtige Konflikt nur mit "Geschichtskenntnis" annähernd verstehen. Und auch wenn dies aufwendig und kompliziert ist, gehören zum Verständnis der Lage Kenntnisse beginnend mit der Kiewer Rus, über die Landesteilung im 2. Weltkrieg, über die Verschenkung der Krim innerhalb der Sowjetunion bis hin zum "Staat Ukraine" der vor 1991 nie als solcher existierte.
    Ad 6.) Der Faschismusvorwurf kommt der russischen Seite gelegen und wird gerne und oft ausgeschlachtet. Fakt ist aber eine Regierungsbeteiligung in Kiew ohne Wahllegitimation. 3 von 20 Ministern gehören zur Swoboda. Dies würde mindestend 15% Wählerstimmen benötigen. Wenn es diese nicht gibt, wieso halten die Minister dann weiter ihre Posten. Die Beteiligung von Rechtsextremen an den Kämpfen im Osten ist leider ebenfalls Tatsache (s. Bataillone Asow, Dnepr, Donbass). Wünschenswert wäre, wenn von unklaren Fronten und unheiligen Allianzen beider Seiten geschrieben würde, statt mit "Mythen" aufzuräumen.
    Ad 7) Einverstanden mit Ihnen. Allerdings wird die nicht untersuchte Eskalation auf dem Maidan verschwiegen, wie auch der anschl. Staats-Coup (trotz bereits erfolgreicher Vermittlung von Deutschland, Polen, Frankreich).
    Ad 8) Danke für die gute und ausgewogene Bewertung.
    Ad 9) Inhalte gut, Überschrift nicht, denn die USA stehen natürlich auch hinter der Krise.


  • (Fortsetzung und Schluss)
    Ohne Partei nehmen zu wollen, wäre auch hier hilfreich, die grösseren Hintergründe miteinzubeziehen, auch wenn dies leider eine Verkomplizierung bedeutet. Die USA sind seit Kurzem Energieexporteur und suchen über TTIP Abnehmer in Europa. Dieses Europa ist aber seit Jahrzehnten gut und sicher aus dem Osten versorgt (nota bene: bereits zu Sowjetzeiten war die Versorgung des Westens mit Öl und Gas verlässlich, da dies Devisen einbrachte). Ein als "unzuverlässiger Bösewicht mit aggresiven Expansionsgedanken" dargestelltes Russland kommt den USA faktisch gelegen. US Einsatz hierbei: gleich Null, da Handelsvolumen minim und der Konflikt weit weg vom eigenen Kontinent ist. Aber dass die USA nicht hinter der Krise stehen (als eine der Parteien) halte ich für bestenfalls blauäugig.
    Ad 10.) Die Ausdehnung der NATO seit 1990 TROTZ versprochener Nicht-Erweiterung ist Fakt. Diesen und seine Auswirkungen auf Russland zu unterschätzen ist fahrlässig. Auch andere osteuropäische Staaten "braucht" die Nato nicht. Das hat sie aber nicht abgehalten, sich kontinuierlich Richtung russische Grenze zu bewegen. Wenn dann der einzig verbleibende Puffer durch Bürgerkrieg instabil wird und Russland seine Interessen zu schützen versucht (wertneutral), dies Russland zum Vorwurf zu machen unter dem Titel "Aggression" und "Expansion", hale ich ebenfalls für einseitig.

    Mit dem vertraglichen Ausschliessen eines Nato Beitritts, den Sie zum Ende erwähnen, könnte in der Tat viel zur Beruhigung beigetragen werden.

    Es bleibt zu hoffen, dass die Berichterstattung sich wieder mehr in Richtung Neutralität und Faktensammlung bewegt.

    Ich schätze Ihre Artikel, verstehe, dass die heutige Mediennutzung das Arbeiten als Journalist nicht erleichtert, und bestärke Sie darin, noch mehr die Position der "vierten Gewalt" einzunehmen und sich eben nicht durch eine involvierten Parteien einnehmen zu lassen. Über den Zusatz "Kommentar" zu Meinungsäusserungen würde ich mich freuen.

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