Kriminalität: Warum in Mexiko Benzinraub ein Milliardengeschäft ist

Kriminalität: Warum in Mexiko Benzinraub ein Milliardengeschäft ist

, aktualisiert 16. Juli 2017, 11:53 Uhr
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Mexikanische Polizisten in einem Maisfeld in San Bartolome Hueyapan in der Region Tepeaca.

Quelle:Handelsblatt Online

In Mexiko zapfen Banden selbst unterirdische Pipelines an, um Benzin zu stehlen. Die mexikanische Polizei ist oft machtlos. Denn die Kriminellen sind schwer bewaffnet – und zögern nicht zu schießen.

TepeacaIn aller Ruhe befüllen die Diebe riesige Plastiktanks auf ihren Pickups. Einige Polizisten stehen ganz in der Nähe und umklammern nervös ihre Sturmgewehre. Doch eingreifen können sie nicht - ohne Unterstützung der Streitkräfte wäre das viel zu gefährlich. Beim letzten Versuch einer Festnahme ging die Bande zum Angriff über und eröffnete das Feuer.

„Es war am morgen, sie beluden 40 Fahrzeuge“, sagt Francisco vom Sicherheitsdienst des mexikanischen Mineralölkonzerns Pemex, der zu seinem eigenen Schutz nur seinen Vornamen nennen will. „Weil wir sie beim Stehlen erwischt hatten, wollten wir eingreifen und da haben sie angefangen, auf uns zu schießen. Die Kriminellen hatten sogar einen gepanzerten Wagen.“

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Die beschriebene Szene auf einem Maisfeld im zentral gelegenen Bundesstaat Puebla ist kein Einzelfall. Was entlang der staatlichen Pipelines in Mexiko lange bestenfalls als Nebenverdienst einiger Dorfbewohner diente, ist zu einem gigantischen Geschäft geworden. Der Schaden liegt nach Schätzungen der Regierung bei etwa einer Milliarde Dollar (875 Millionen Euro) pro Jahr. Allein 2016 wurden landesweit 6000 illegale Anzapfungen entdeckt.

Die auf diese Art entwendeten Mengen sind weit größer als das, was gewöhnlichen Autofahrern an mexikanischen Landstraßen von illegalen Händlern, sogenannten „Huachicoleros“, angeboten wird. „Nur zehn Prozent des gestohlenen Benzins werden auf dem offenen Markt verkauft“, sagt der Polizei-Chef von Puebla, Jesus Morales. „Die übrigen 90 Prozent gehen an große Konzerne, an Tankstellen und an Fabriken.“

Nicht selten erhalten die Benzin-Banden Unterstützung von korrupten Beamten der lokalen Behörden oder von den Bewohnern kleinerer Städte, die wirtschaftlich von den Einnahmen aus dem illegalen Handel abhängig sind. Zwei Bürgermeister wurden bereits wegen Verwicklungen in derartige Geschäfte verhaftet. Die neue Dimension des mexikanischen Benzin-Klaus hat aber noch eine weitere Folge: Weil es inzwischen um sehr viel Geld geht, fließt immer öfter auch Blut.

Anfang Juli wurden bei einem Zwischenfall in der Kleinstadt Huehuetlan neun Menschen getötet. Nach Angaben des Polizei-Chefs Morales wollten Großhändler Geld von kleineren Verkäufern eintreiben, die nach Razzien ihre Absatzvorgaben nicht hatten erfüllen können. „Diese grausamen Taten waren eine Geste der Wut“, sagt er. Auch in anderen Fällen hat die sich schnell ausbreitende Art der Banden-Kriminalität schon Menschenleben gekostet.

Der Pemex-Wachmann Francisco schreitet deswegen inzwischen erst ein, wenn alles vorbei ist. Als die Diebe auf dem Maisfeld in Puebla mit ihren Pickups abgefahren sind, geht er mit seinem Team an die Pipeline, um die illegalen Zapflöcher zu verschließen. Doch er macht sich keine Illusionen, dass das viel nützen würde. Die Kriminellen würden ganz bestimmt wiederkommen und das Loch erneut öffnen - oder irgendwo in der Nähe ein neues Loch bohren, sagt Francisco. „Das passiert jeden Tag. Sie stehlen rund um die Uhr.“


Für die Feuerwehr ist es zu gefährlich

Östlich der Millionen-Metropole Mexiko-Stadt hat der illegale Benzin-Handel längst auch im Landschaftsbild seine Spuren hinterlassen. Durch die vielen neuen Lecks an den Pipelines, die nach den laienhaften Anzapfungen oft zurückbleiben, sind ganze Felder verseucht. An vielen Orten liegen aufgegebene Plastiktanks oder Lieferwagen herum. Allein in den zurückliegenden zwei Monaten wurden mehr als 1700 Fahrzeuge beschlagnahmt - meist werden sie von den Banden irgendwo gestohlen und dann nach wenigen Transporten aufgegeben.

Außerdem kommt es regelmäßig zu größeren Bränden. Auch während des Diebstahls auf dem Maisfeld in Puebla steigt im Hintergrund eine große Rauchwolke in den Himmel, weil wenige Kilometer entfernt ein illegales Benzin-Lager Feuer gefangen hat. Die Behörden können auch in solchen Fällen nur tatenlos zusehen. „Sie lassen nicht einmal die Feuerwehr rein“, sagt José Tlachi vom Amt für öffentliche Sicherheit. „Normalerweise versuchen sie, den Brand selbst zu löschen.“

Festnahmen sind äußerst selten. Wenn die Banden keine Schießerei riskieren wollen, lassen sie bei einem drohenden Zugriff einfach ihre gestohlenen Fahrzeuge zurück und machen sich aus dem Staub. Bei Verfolgungsjagden werfen sie schon mal halb volle Tanks hinter sich auf die Straße. Zum Teil nutzen sie geparkte Fahrzeuge auch als Straßenblockade. In einigen Fällen wurden sogar schon Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde eingesetzt.

Seit einiger Zeit treiben die Banden darüber hinaus ein perfides Spiel mit der öffentlichen Wahrnehmung. Im Juni sorgte ein von ihnen verbreitetes Video, in dem ein Benzin-Dieb allem Anschein nach von einem Soldaten gezielt erschossen wird, für große Aufregung. Seitdem zücken die Kriminellen jedes Mal eine Kamera, wenn sich Polizisten oder andere Sicherheitskräfte nähern. „Sie filmen uns, ununterbrochen“, sagt Francisco. „Aber das, was sie selbst machen, das filmen sie natürlich nicht.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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