Krisenökonom Otte zu S&P: „Der Währungskrieg geht weiter“

Krisenökonom Otte zu S&P: „Der Währungskrieg geht weiter“

, aktualisiert 06. Dezember 2011, 12:47 Uhr
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S&P in New York.

Quelle:Handelsblatt Online

Der S&P-Rundumschlag gegen die Euro-Zone stößt bei Experten auf ein geteiltes Echo. Banken-Volkswirt Holger Schmieding spricht von einem überfälligen Schritt. Für Krisenökonom Otte ist das Ganze politisch motiviert.

DüsseldorfDer renommierte Krisenökonom Max Otte hat mit scharfer Kritik auf die Ankündigung der Ratingagentur Standard & Poor's reagiert, die Bonität von 15 Euro-Staaten herabzustufen. „Der Währungskrieg geht weiter“, sagte der Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms Handelsblatt Online. Nachdem Standard & Poors die amerikanische Kreditwürdigkeit im Rahmen des „entwürdigenden Spektakels“ zwischen Republikanern und Demokraten um die Anhebung der amerikanischen Schuldengrenze im US-Kongress auf AA+ gesenkt hatte, habe drei Wochen später der Chef gehen müssen. „Nun scheint Standard & Poors in vorauseilendem Gehorsam umso stärker gegen Euro-Staaten vorzugehen“, sagte Otte.

Es sei aber „absurd“, dass die USA mit 10,8 Prozent laufendem Haushaltsdefizit, 15 Prozent Arbeitslosigkeit als größter Schuldner der Welt weiter von anderen großen US-Ratingagenturen mit AAA bewertet würden und etlichen soliden europäischen Ländern die Herabstufung angedroht werde, kritisierte der Bestsellerautor und Fondsmanager. „Das Ganze ist politisch motiviert. Es findet ein Wettlauf um den Weltwährungsstatus statt.“ Die USA benötigten den Dollar als Weltreservewährung, um über die Ausgabe weiterer Dollars ihr Außenhandelsdefizit zu finanzieren, erläuterte Otte. Der Euro habe aber in den letzten zehn Jahren von 17 auf 27 Prozent der Weltreserven zugelegt. „Durch aktive Schwächung des Euro könnten die USA ihren Weltreservestatus erhalten“, ist sich Otte sicher.

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S&P hatte erklärt, zuerst den EU-Gipfel Ende der Woche abwarten und dann so schnell wie möglich über eine Abwertung befinden zu wollen. Neben Deutschland und Frankreich besitzen auch die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg eine Topbonität von „AAA“. Die meisten anderen Länder der Eurozone verfügen immerhin noch über eine gute oder sehr gute Bonität. Ein „befriedigend“ haben Irland, Portugal und Zypern, wobei S&P das Rating von Zypern schon zuvor unter besondere Beobachtung gestellt hatte. Griechenland ist schon in den Ramschstatus abgerutscht; S&P hält die Wahrscheinlichkeit eines Bankrotts in naher Zukunft für „relativ hoch“.

Je nachdem, wie der EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag ausfällt, droht eine massenhafte Herabstufung in der Euro-Zone. Selbst Deutschland oder Frankreich laufen Gefahr, ihre Spitzennote zu verlieren. Die Folge könnten höhere Zinsen für neue Schulden sein.


Deutsche Bank: S&P-Warnung nicht überbewerten

Der Ökonom Holger Schmieding hält die drohende Massen-Abstufung für überfällig. Das erhöhe den Druck auf die Politik, beim Euro-Gipfel endlich ein ernsthaftes Reformpaket aufzulegen, schrieb der Chefvolkswirt der Berenberg Bank in einer Analyse.

Nach Einschätzung von Deutsche-Bank-Experten sollte der Rating-Warnschuss nicht überbewertet werden. „Wenn man über ein Triple-A redet und das ginge runter auf AA+ wäre das nicht der Untergang des Abendlandes“, sagte der Chefanlagestratege des größten deutschen Geldhauses, Ulrich Stephan. „Aber es ist natürlich ein Signal und deswegen ist es auch wichtig, dass man daran arbeitet, dass es nicht dazu kommt.“

„Die Märkte schaffen ihre eigenen Realitäten: Trotz der Warnung reagieren die Bundesanleihen heute kaum“, unterstrich Stephan. Er glaube nicht, dass die S&P-Mitteilung zu „dramatischen Auswirkungen an den Märkten führen“ werde. Auch nach der Ankündigung einer drohenden Abstufung der Bonität der USA im August sei man sehr schnell zur Tagesordnung übergegangen.

Es sei nun an den europäischen Regierungen, auf dem eingeschlagenen Reformpfad voranzuschreiten. „Ich habe den Eindruck, dass Europa verstanden hat und jetzt diesen Weg gehen wird“, sagte Stephan.

Stefan Schneider, Leiter Makroökonomie bei DB Research, ergänzte, Italien sei das Schlüsselland: „Wenn die Euro-Zone es nicht schafft, Italien auf den rechten Pfad zu bringen, hätte das eklatante Auswirkungen auf den Fortbestand der Euro-Zone. Aber im Moment sehe ich dafür keine Indikation.“

Der Europa-Chefanalyst von Standard & Poor's, Moritz Krämer, verteidigte die Entscheidung der Ratingagentur. Investoren würden nicht blind Ratingveröffentlichungen folgen. Wer dies glaube, unterschätze die Intelligenz der Marktteilnehmer. Zudem könnte der EU-Gipfel Ende dieser Woche noch einiges bewegen. „Wir glauben, dass der Krisengipfel eine ganz maßgebliche Chance ist, diesen Prozess umzukehren“, sagte Krämer am Dienstag im ARD-„Morgenmagazin“.

„Wir glauben, dass die bisherige Erfolglosigkeit, die Krise wirklich effektiv und nachhaltig in den Griff zu bekommen, die Risiken einer realwirtschaftlichen Bremswirkung nach sich zieht“, sagte Krämer. Die Gefahr einer Rezession im kommenden Jahr sei gestiegen - nicht nur in Europa, sondern weltweit. Eine Exportnation wie Deutschland werde davon stark betroffen sein.


Märkte reagieren nervös, aber nicht turbulent

Die Märkte reagierten am Dienstagvormittag nervös. Die Erholungsrally des Dax wurde zunächst gestoppt. Der deutsche Leitindex sank in den ersten Minuten um 1,38 Prozent auf 6021 Punkte, nachdem das Kursbarometer in den vergangenen sieben Handelstagen in der Spitze um fast 15 Prozent durchgestartet war. Zuvor hatte bereits die Börse in Tokio schwächer geschlossen. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte schloss mit einem Minus von 120,82 Punkten oder 1,39 Prozent bei 8575,16 Punkte. Auch der Euro reagierte am Dienstag mit Verlusten. Die Gemeinschaftswährung sank im frühen Handel auf 1,3375 Dollar. Am Vortag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs auf 1,3442 Dollar festgesetzt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte angesichts der drohenden Herabstufung den Willen zu einem grundlegenden Umbau der Währungsunion. „Wir werden am Donnerstag und Freitag die Entscheidungen treffen, die wir für die Euro-Zone für wichtig und unabdingbar halten“, sagte Merkel am Dienstag in Berlin mit Blick auf den bevorstehenden EU-Gipfel. Damit werde ein Beitrag zur Stabilisierung der Euro-Zone geleistet und Vertrauen gewonnen.

Peer Steinbrück sieht die die drohende Herabstufung als Provokation. Denn an der realen ökonomischen Lage Deutschlands habe sich in den letzten Monaten nichts geändert. "Wir stehen nach wie vor in Europa fast wie Alice im Wunderland da", sagte der ehemalige Bundesfinanzminister im Sender Phoenix. Insofern verstehe er den Schritt nicht. "Es bedeutet einmal mehr, dass wir uns von dieser Abhängigkeit der Ratingagenturen langsam frei machen müssen. Ich erwarte von der Europäischen Kommission, dass Ratingagenturen einer sehr viel strikteren Regulierung unterworfen werden."

Auch der Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, kritisierte die drohenden Herabstufungen scharf. Nahezu alle Eurostaaten mit einem negativen Ausblick zu versehen, sei eine „unfaire“ und „komplett exzessive“ Entscheidung, sagte der Luxemburgische Regierungschef am Dienstag dem Deutschlandfunk. Die Drohung sei ein K.O.-Schlag für alle Staaten, die sich bemühten, ihre Haushaltsdefizite zu senken. Trotz der negativen Aussagen durch S&P rechnet Juncker mit schnellen Fortschritten im Kampf gegen die Schuldenkrise. Die EU-Verträge könnten bis Ende März 2012 geändert werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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