Lateinamerika: In Brasilien eskaliert die Gewalt

Lateinamerika: In Brasilien eskaliert die Gewalt

von Alexander Busch

Wenige Wochen vor der Fußball-WM ist die Situation in Brasilien angespannt. Obwohl die Armut zurückgeht, steigt die Gewalt. Ein Grund: die soziale Ungleichheit.

Schmal ist der Grat zwischen Normalität und Anarchie, das wissen die Einwohner der brasilianischen Großstadt Salvador, seit die Polizei dort kurz vor Ostern in den Streik getreten ist. Binnen 48 Stunden wurden 39 Menschen ermordet, zahlreiche Läden wurden geplündert. Soldaten mussten die öffentliche Sicherheit wieder herstellen.

Schlechte Schlagzeilen für Brasilien, wenige Wochen vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft: Nach Salvador, mit drei Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt Brasiliens, hat die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeladen. Gemeinsam wollen sie am 16. Juni das Spiel der Deutschen gegen Portugal erleben.

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Eine Milliarde Euro investiert

Der Ort ist mit Bedacht gewählt. In Salvador haben der Chemieriese BASF und der Automobilzulieferer Continental insgesamt rund eine Milliarde Euro in hochmoderne Werke investiert. Doch die Metropole hat auch eine Schattenseite: Fünf Morde am Tag sind keine Seltenheit. Im vergangenen Jahr wurden von 100.000 Einwohnern 58 ermordet. In Deutschland sind es – rein statistisch betrachtet – 0,8.

Nicht nur in Brasilien, in ganz Lateinamerika nehmen die Gewaltverbrechen seit der Jahrtausendwende zu. Das ist erstaunlich, denn global gesehen hat sich ihre Zahl von 2001 bis 2010 um rund die Hälfte verringert. Doch ausgerechnet in Lateinamerika, einer Region, in der sich das Leben der Menschen in dieser Zeit stark verbessert hat, ist sie um zwölf Prozent gewachsen, wie eine neue UN-Studie ergibt.

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Mit einer Sicherheitsoffensive geht die Polizei in Rio vor der Fußball-WM gegen Banden vor. Doch diese Strategie führt zu Unruhen und Protesten. Auch das IOC verstärkt den Druck auf Brasilien - aber aus anderen Gründen.

Erneute Ausschreitungen in Rio am Dienstag: Überreste eines Busses, den Polizeiangaben zufolge Drogenhändler in Brand gesteckt hatten. Quelle: ap

40 der weltweit 50 Großstädte mit den meisten Morden – von Kriegsgebieten einmal abgesehen – liegen in Lateinamerika. Es ist paradox: Den 600 Millionen Lateinamerikanern geht es so gut wie nie.

Ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent in den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Armen sinken lassen. Rund 60 Millionen Lateinamerikanern gelang der Aufstieg in die Mittelschicht. Die Einkommensunterschiede haben sich verringert.

Der Gini-Koeffizient, der die Einkommensverteilung misst, sank in Lateinamerika im vergangenen Jahrzehnt von 0,54 auf 0,50 – wobei null den Wert markiert, bei dem alle Menschen gleich viel Vermögen besitzen, während bei 1,00 ein Mensch allen Reichtum allein besitzen würde. Doch die Gewaltspirale dreht sich immer schneller.

Tiefe Kluft zwischen Arm und Reich

Aber warum? Eine mögliche Erklärung: Trotz der Fortschritte beim Abbau der Ungleichheit besitzt Lateinamerika noch immer die tiefste Kluft aller Kontinente zwischen Arm und Reich. 10 der weltweit 15 Staaten mit der größten materiellen Ungleichheit liegen in Lateinamerika. Selbst in Staaten wie Brasilien, Chile und Mexiko verfügen zehn Prozent der Bevölkerung über 42 Prozent der Einkommen, auf das ärmste Fünftel entfallen dagegen nur fünf Prozent.

Für viele Jugendliche sind die Aufstiegschancen trotz des wirtschaftlichen Booms gering – und ihr Frust ist entsprechend groß. Die Drogenkartelle und Jugendbanden Lateinamerikas bieten ihnen vielerorts eine Chance, in Kürze reich und mächtig zu werden.

"Lieber ein gutes als zehn schlechte Jahre", ist die fatalistische Devise der neuen Generation jugendlicher Drogenbarone. Die Shoppingmalls an der Peripherie der Großstädte sind voll von jugendlichen Halbwüchsigen, die mit glänzenden Augen sündhaft teure Surfmode, Sonnenbrillen, Sneakers und T-Shirts betrachten, die sie sich meist nur als Aufsteiger im kriminellen Milieu leisten können – entsprechend einfach fällt es den Drogenbossen, neue Mitarbeiter zu rekrutieren.

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